Schwarzfahren Reisen ohne Billett: Bussen-Club machts möglich

Schwarzfahren leicht gemacht? Ja, zumindest in Stockholm. Denn dort schliessen sich die Einwohner einem Verein an, der für eventuelle Strafen aufkommt. Ein verblüffendes Geschäftsmodell, das auch andere Länder auf dumme Gedanken bringt. Nur nicht die Schweiz.
Anonym Füsse U-Bahn Schwarzfahren ÖV
© Getty Images

Ohne gültigen Fahrausweis in die S-Bahn steigen? In Schweden löst dieser Akt keinen Angstschweiss mehr aus.

Was haben es die Schweden doch gut. Ausreden wie «Mein Portemonnaie wurde geklaut», «Ich habe mein Billett verloren» oder «Der Automat war defekt» können sie sich im Falle einer Kontrolle in Bus oder Bahn sparen. Sollten Sie nämlich beim Schwarzfahren erwischt werden, lachen sie sich bloss ins Fäustchen - und lassen die Organisation Planka.nu für die Kosten aufkommen. 

Die stiftet nämlich absichtlich mehrere tausend Nutzer pro Jahr zum Fahren ohne gültiges Ticket an. Mit Erfolg. Und einer Versicherung, die so gut läuft, dass die Nytimes.com von einem «beneidenswerten Geschäftsmodell» schreibt. Und das trägt sich dadurch, dass jeder eine geringe Summe in einen Gemeinschaftstopf einbezahlt, aus dem die Geldstrafen dann beglichen werden. 

Doch bei dem Modell geht es nicht nur darum, Geld zu sparen. Der Club der Schwarzfahrer soll auch ein Protest gegen die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr sein. Ihr Ziel ist es, dass das System ausschliesslich über Steuern finanziert wird. Dadurch würden Vermögende und Vielfahrer weitaus mehr als weniger wohlabende Menschen und Wenigfahrer zur Kasse gebeten werden. Laut den Stockholmer Verkehrsbetrieben hat die Stadt im vergangenen Jahr ungefähr 15 Millionen Schwarzfahrten verzeigt. Das sind rund drei Prozent aller Fahrten, schreibt das Online-Portal der «New York Times».

Auch in anderen Städten haben sich Schwarzfahrer zusammengeschlossen, das teilweise sogar mit grossem Erfolg: Das Städtchen Aubagne ist einer von rund 20 Orten in Frankreich, in dem die Benutzung des öffentlichen Verkehrs gratis ist. Offenbar waren es die Verantwortlichen leid, sich über die Verluste zu ärgern. Denn: Schwarzfahrer kosten. Rund 370 Millionen Franken allein die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF. Wo es nämlich keine Sperren für den Zugang ohne Ticket gibt, ist fast jeder Zehnte ohne Ticket unterwegs, schreibt Spiegel.de.

Bei den SBB liegt der Verlust, den Schwarzfahrer verursachen im zweistelligen Millionenbereich. Vom schwedischen «Modell» habe man schon gehört, gibt Sprecher Reto Schärli auf Anfrage von SI online an. Aber: «Aus Sicht der SBB ist ein solches Modell, welches notorisches Schwarzfahren fördert, als unsolidarisch abzulehnen. Notorische Schwarzfahrer sind auf Kosten aller anderen Fahrgäste unterwegs.» Ob man den ÖV in der Schweiz vermehrt mit Steuergeldern finanzieren könnte, sei eine politische Frage.

Ob sich etwa in Zürich solche eine Solidargemeinschaft etablieren könnte, ist fraglich. Von den 3.5 Millionen kontrollieren Fahrgäste pro Jahr haben lediglich 35'000 gar kein oder kein gültiges Ticket dabei. Das bedeutet: 99 Prozent der Kontrollierten können ein gültiges Billett vorweisen. Vorbildlich, und gemäss Daniela Tobler auf die strengen Kontrollen zurückzuführen. «Es ist ganz wichtig, das wir diesbezüglich nicht nachlassen», sagt die VBZ-Sprecherin. Ausserdem wüssten die Kontrolleure der Verkehrsbetriebe Zürich ganz genau, auf welchen Strecken ihre Pappenheimer besonders häufig anzutreffen sind. 

Die könnten den Kontrolleuren ausweichen, wenn sie denn die Facebook-Seite «Schwarzfahren Zürich» reger nutzen würden. Lediglich 200 Fans hat die Seite zu verbuchen, Aufrufe der Macher haben bislang keinen einzigen Eintrag gebracht. Nichts im Vergleich zu Hamburg, wo solch eine Seite grossen Anklang findet. Wenn Kommentare wie «Grosskontrolle Hauptbahnhof» gepostet werden, klicken rund 25'000 Mitglieder den «Like»-Button.

Und natürlich gibt es auch in Stockholm ein ausgeklügeltes Warnsystem. Die «CheckMyMetro»-App gibt in Echtzeit an, wo sich die Billett-Inspekteure gerade befinden. Solch eine Anwendung soll auch in Tschechien zum Einsatz kommen. Dort teilen Nutzer mit, wann und wo sie Kontrolleure gesehen haben und wie diese angezogen sind.

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