Der Starfotograf schreckt vor nichts zurück Sebastião Salgado zeigt die «hässliche Fratze des Kriegs»

8 Jahre, 32 Expeditionen, 100 Länder: Starfotograf Sebastião Salgado besuchte die letzten Paradiese der Menschheit und begeistert mit «Genesis» im Museum für Gestaltung Zürich die Massen. Davor blickte er in die Hölle. Fast wäre er daran zerbrochen.

Ein Tal in Alaska. Im Licht der Mitternachtssonne glänzt der Fluss wie flüssiges Silber. Sebastião Salgado und sein Guide, ein Inuit, verlassen um drei Uhr früh ihre Zelte. Sie wollen einen Berg im Arctic National Wildlife Refuge besteigen. Auf dem Gipfel angekommen, entlädt sich in der Ferne ein Gewitter. Salgado hält den magischen Moment mit der Kamera fest. Der Eskimo, der ziemlich dick ist, reist Tage später ab. Es ist ihm alles zu beschwerlich. Der Brasilianer, der zurückbleibt, wird von hungrigen Grizzlybären beobachtet. Mit seinen Fotos aus den entlegensten Winkeln der Erde erobert er später die Herzen der Menschen – und die Museen rund um den Globus.

Die Schönheit eines verwundeten Planeten

«Genesis» heisst Sebastião Salgados fotografischer Versuch, die Schönheit eines verwundeten Planeten greifbar zu machen. Acht Jahre lang durchquerte er Savannen, Gletscher, Wüsten, Regenwälder, Salzseen und die Pole. Manche Gebiete sind klimatisch so extrem, dass nur die widerstandsfähigste Spezies überlebt. Auch viele Tiere und uralte Stämme existieren nur dank ihrer Isolation. «Ich machte mich in hundert Ländern auf die Suche nach dem Zustand, wie er mal war. Bevor die Beschleunigung des modernen Lebens uns vom Wesentlichen distanzierte», sagt der Mann mit der Glatze und lächelt schief.

Ich machte mich in hundert Ländern auf die Suche nach dem Zustand, wie er mal war

Nach einem Unfall sind Teile seiner Gesichtsnerven taub. Wegen heftiger Explosionen auf brennenden Ölfeldern in Kuwait trägt er ein Hörgerät. In Sambia attackierte ihn ein Elefant. Und in der Antarktis wurde er um ein Haar von einem See-Elefanten überrollt. Dennoch ist er bis heute der Überzeugung: «Das gefährlichste und bösartigste Tier überhaupt ist und bleibt der Mensch.»

Mit 26 Jahren das erste Foto geschossen

Sebastião Salgado, 74, ist eine intensive Persönlichkeit. Er spricht Englisch und Französisch mit Akzent, wählt seine Worte mit Bedacht. Wir treffen den Meister der Reportage in seiner Agentur Amazonas Images im Zentrum von Paris. Die Büros befinden sich in einer ehemaligen Kohlenfabrik. Auch seine Frau Lélia Deluiz Wanick begrüsst uns herzlich. Sie koordiniert seine Ausstellungen und ist für alle Buchpublikationen verantwortlich. Von ihr stammt auch das allererste Foto, das Salgado in seinem Leben schoss – mit 26 Jahren. «Ich schaute durch den Sucher einer Pentax, die mir Lélia nach Hause gebracht hatte, und war geflasht von der neuen Perspektive.»

Sebastiao Salgado Léila
© Geri Born

Grosse Liebe seit fünfzig Jahren: Sebastião und seine Frau Léila realisieren alle Projekte gemeinsam.

Da der Marxist und Ökonom aus Aimorés, Brasilien, auf der schwarzen Liste der Militärdiktatur stand, wanderte er mit seiner Frau in den Sechzigerjahren nach Paris ins Exil aus. Zwei Kinder kamen zur Welt. 1973 quittierte Sebastião seinen gut bezahlten Job bei der Weltbank: «Ich wollte als Fotograf die Zusammenhänge begreifen.» Bilder werden überall verstanden. Politiker nicht.

Ich zeige die hässliche Fratze des Krieges, der Menschen in lebende Tote verwandelt

Serien wie «Workers» (1993), «Migration» und «Exodus» machen ihn rasch berühmt. Über hundert Länder bereist er für seine Fotoprojekte. Sein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele wühlen auf, vor allem die Zeitdokumente von den Krisenherden der Dritten Welt. Salgado beschönigt nichts. «Ich zeige die hässliche Fratze des Krieges, der Menschen in lebende Tote verwandelt.» Er ist dabei, als der Völkermord zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda seinen Höhepunkt erreicht. «15 000 Tote an einem Tag – es war die reinste Brutalität.» Manchen Zuschauern laufen Tränen über die Wangen, wenn sie Wim Wenders Dokumentarfilm «Das Salz der Erde» über sein Lebenswerk sehen. Der Oscar-nominierte Streifen wird im Museum für Gestaltung Zürich parallel zur Ausstellung «Genesis» gezeigt (bis 23. Juni 2019).

Ein intensives Arbeiten

«Wie oft habe ich die Kamera auf den Boden gelegt und geweint», erinnert sich Salgado. «Der Blick in die Hölle war die dunkelste Zeit in meinem Leben.» Die Traumata werden zum schwarzen Loch, das ihn zu verschlingen droht. «Ich bekam am ganzen Körper Ausschläge und Infektionen. Wenn ich mit meiner Frau schlief, hatte ich kein Sperma mehr, es kam nur Blut.» Doch in der Klapsmühle will er nicht enden. «Ein Arzt, dem ich vertraute, sagte: ‹Sebastião, deine Prostata ist in Ordnung. Du bist anders krank. Du hast zu viel Elend gesehen. Bitte hör auf damit.› Und ich hörte auf. Lange Zeit war ich unglaublich wütend auf die Fotografie. Denn ich hatte den Glauben an die Menschheit und die Menschlichkeit verloren.» 

Wenn ich mit meiner Frau schlief, hatte ich kein Sperma mehr, es kam nur Blut

Ein Fotoreporter, der die Wahrheit nicht mehr erträgt? Um seine kranke Seele zu heilen, kehrt Sebastião Salgado zum Ursprung seines Ichs zurück. Er besucht seine alten Eltern auf der Bulcão-Farm im brasilianischen Urwald. Hier liess er als Kind seine Fantasie in die Welt hinausschweifen, wuchs inmitten wilder Vögel und Tiere auf. Und mit sieben Schwestern, die alle Maria heissen. Doch die Rückkehr ist ein Schock. Bodenerosion und Abholzung haben den einst so prächtigen Dschungel in eine komplette Ödnis verwandelt. Seine Frau Lélia hat die Idee, die Gegend wieder aufzuforsten. 2,5 Millionen Bäume pflanzt das Paar ab 2010. Nicht nur gründet es den Nationalpark Instituto Terra. Auch der Samen für das Projekt «Genesis» kann spriessen. Und plötzlich hat Sebastião Salgado wieder Lust, mit seiner Canon EOS Mark III die weite Welt zu entdecken.

Mit der Kamera um die Welt

Sein Herzensprojekt startet er auf den Galapagosinseln. Drei Monate lebt er in «Darwins Garten». «Zeit ist das Wichtigste, um sich mit Tieren vertraut zu machen.» In 32 Expeditionen fotografiert der Unicef-Goodwill-Botschafter ab 2008 das überwältigende Mosaik der Natur. In der Antarktis segelt er mit einem 36 Meter langen Schiff durchs Weddell-Meer. «Die Expedition war riskant. Manche Eisberge waren kaum sichtbar, andere beängstigend gross.» In Patagonien schwimmt ein Wal ganz nah neben seinem Boot. «Jedes Mal, wenn ich mich über Bord lehnte und seinen weichen Körper berührte, gab er mir mit der Schwanzflosse ein Zeichen. Er war so sanft zu uns. Dabei hätte er uns mit einem einzigen Schlag vernichten können.» Der Schnappschuss zählt bis heute zu Salgados Lieblingsbildern.

Sebastiao Salgado
© Geri Born

Popstar der Fotografie: «Mich freut die Begeisterung junger Leute für meine Arbeit.»

Von der Kreatur, die Gott am sechsten Tag der Schöpfungsgeschichte erschuf, dem sogenannt zivilisierten Menschen, hat Sebastião Salgado die Nase voll. Dafür taucht er ein in die Gemeinschaft indigener Stämme. Viele dieser Naturvölker leben bis heute ohne Aggressionen. Seine Aufnahmen von komplett isoliert lebenden Gemeinschaften in Papua-Neuguinea, Südamerika und  Afrika gehören zu den faszinierendsten Dokumenten in seinem gesamten Œuvre.

Steht man in der Zürcher Ausstellung vor seinen grossformatigen Schwarz-Weiss-Fotografien, fragt man sich unweigerlich: Wie viele Köpfe wird der Stamm der Zo’é in Amazonien in zehn Jahren zählen? Werden die Mursi-Frauen in Äthiopien, die als Letzte dieser Welt Platten in ihren Unterlippen tragen, bald eine Touristenattraktion sein? Wie lange können die Berggorilla-Weibchen ihre Jungen im Virunga-Nationalpark in Ruanda noch ungestört aufziehen? «Genesis» ist ein visueller Weckruf, der unseren zerstörerischen Lebensstil infrage stellt. Oder um es mit Salgados Worten zu sagen: «Ich möchte zeigen, dass es auf unserem Planeten noch Regionen gibt, in denen die Natur in ihrer reinsten und ursprünglichsten Form herrscht.»

«Genesis», Museum für Gestaltung, bis 23. Juni 2019, www.museum-gestaltung.ch

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