Vergewaltigungsvorwurf gegen Roman Polanski Psychotherapeutin: «Eine solche Tat kann eine Frau 50 Jahre beschäftigen»

Hat Regisseur Roman Polanski vor 45 Jahren die deutsche Schauspielerin Renate Langer vergewaltigt? Einige Leser schenken dem mutmasslichen Opfer keinen Glauben. Dass sich Missbrauchs-Opfer erst Jahre später an die Polizei wenden, sei aber häufig der Fall, sagt Sexual- und Psychotherapeutin Dania Schiftan im Interview mit SI online.
Polanski Missbrauchsskandal
© Getty Images

Renate Langer, rechts im Bild, wirft Roman Polanski vor, sie als 16-Jährige missbraucht zu haben. Sie ist bereits die vierte Frau, die Opfer des Regisseurs geworden sein soll.

Seine Vergangenheit holt Roman Polanski, 84, in diesen Tagen ein: Gegen den Star-Regisseur stehen neue Vergewaltigungsvorwürfe im Raum. Die deutsche Schauspielerin Renate Langer, 61, wirft ihm vor, sie 1972 in seinem Chalet in Gstaad sexuell missbraucht zu haben.

Einige Freunde Polanskis glauben die Geschichte von Langer nicht. Der Schweizer Hotelier Franz Wehren, ein enger Freund Polanskis, sagte kürzlich gegenüber «Blick»«Wieder eine Frau, die Profit aus ihm schlagen möchte und deshalb eine alte Geschichte ausgräbt.»

Harte Vorwürfe gegen eine Frau, die laut ihrer eigenen Aussage sexuell missbraucht wurde. Und dennoch wirft der lange Zeitraum Fragen auf: Warum wendet sich das Opfer Renate Langer erst jetzt - 45 Jahre später - an die Polizei?

SI online wollte die Einschätzung einer Expertin und hat bei Sexual-und Psychotherapeutin Dania Schiftan nachgefragt:

Dania Schiftan, Renate Langer behauptet, dass Roman Polanski sie 1972 in Gstaad vergewaltigt hat. Warum bringt das Opfer den Vorfall erst jetzt an die Öffentlichkeit?
Den konkreten Fall kann ich nicht beurteilen. Aber aus meiner Erfahrung als Sexual- und Psychotherapeutin weiss ich: Eine solche Tat kann eine Frau 50 Jahre lang beschäftigen. Gerade bei Missbräuchen in der Jugend sprechen die Opfer oft erst als Erwachsene darüber.

Hatten Sie selbst schon Klienten, die vor dutzenden von Jahren vergewaltigt worden sind?
Ja, das kommt immer wieder vor. Viele Opfer haben Angst davor, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu machen und suchen leider erst Jahre später Unterstützung. Zum Beispiel bei einer Opferberatungsstelle.

Was könnten die Gründe dafür sein?
Es gibt viele Gründe und jede Person hat ihre eigenen. Häufig ist es die Furcht vor dem Verhör, weil es für Opfer sehr schmerzhaft ist, sich an die genaue Situation zu erinnern und darüber zu sprechen. Andererseits denken viele, sie seien nicht glaubhaft, weil sie keine Zeugen haben und sich nicht mehr an jedes kleinste Detail erinnern. Wieder andere fürchten sich vor den Folgen, die so eine Anzeige mit sich bringt. Sie möchten das Erlebte einfach nur hinter sich lassen können und verdrängen die aktuelle Belastung.

Dania Schiftan_Sexual- und Psychotherapeutin
© zVg

Dania Schiftan ist Sexual- und Psychotherapeutin.

Was passiert denn nach Übergriffen mit dem Gedächtnis der Opfer?
Ein Traumerlebnis ist wie ein Tornado, der durch das Hirn fegt. Er hinterlässt in vielen Regionen Verwüstungen. Das Gehirn funktioniert nicht normal. Es ist schlicht nicht möglich, den Ablauf chronologisch exakt wiederzugeben. Dass aber eine Grenze überschritten wurde und ein sexueller Missbrauch vorlag, daran erinnert sich eine Frau oder auch ein Mann sehr wohl.

Renate Langer war zum Zeitpunkt des Vorfalls 16 Jahre alt. Haben jugendliche Opfer generell mehr Mühe, über einen sexuellen Übergriff zu sprechen?
Nein. Es kann für eine Frau jeden Alters schwierig sein, darüber zu sprechen. Aus unterschiedlichen Gründen. Eine ältere Frau hat womöglich mehr Angst davor, einen Ruf zu verlieren oder im Beruf Schwierigkeiten zu bekommen.

Einige Leser verstehen nicht, weshalb das Opfer mit den Vorwürfen erst 45 Jahre später an die Öffentlichkeit gelangt. Was halten Sie von den Reaktionen?
Was spricht dagegen, sich jetzt zu äussern? Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, einen sexuellen Missbrauch zu melden. Es kommt auf die Umstände und die psychische Verfassung des Opfers an. Entscheidend ist, dass ein Missbrauchs-Opfer darüber spricht. Nur so kann es die Tat verarbeiten und zusätzlich dafür sorgen, dass die gleiche Tat nicht jemand anderem wiederfährt.

Warum schiessen einige Leser scharf gegen Renate Langer?
Die Menschen wollen nicht hinschauen und Vergewaltigungen einfach nicht akzeptieren.

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