Mitleid schüren via Facebook, Instagram & YouTube Risiken & Nebenwirkungen unserer Social-Media-Sucht

Auf Social Media wimmelts von Menschen, die ihr tragisches Schicksal mit ihren «Freunden» teilen, Eltern, die ihre Kinder in aller Öffentlichkeit blamieren oder Usern, die mit ihren Status-Updates Mitleid schüren wollen. SI online hat bei Experten nachgefragt, wieso wir solche Storys veröffentlichen, was uns daran fasziniert und welche Gefahren solche Posts bergen.

Ich liege in den Ferien am Strand und poste ein Foto auf Facebook, ich esse ein feines Znacht in einem schicken Restaurant und lade auf Instagram ein Bild hoch oder ich geniesse den Abend mit Freunden und veröffentliche einen Schnappschuss auf Flickr. Regelmässig lasse ich im Internet meine «Freunde» oder «Follower» an meinem Leben teilhaben - mehr oder weniger öffentlich. Und ich bin nicht die einzige. Dass wir unsere Mitmenschen mit Social Media auf dem Laufenden halten, hat einen einfachen Grund. «Der Mensch ist grundsätzlich ein soziales Wesen und soziale Medien eignen sich gut zur Beziehungspflege», erklärt Sarah Genner, Wissenschaftlerin im medienpsychologischen Forschungsteam der ZHAW. Und Medienpsychologe Gregor Waller fügt an: «Jedes Posting, jedes Foto und jedes Filmli, das wir im Netzwerk publizieren, dient uns als ‹sozialer Kitt›.»

Aber Achtung, der Schuss kann auch schnell nach hinten losgehen. Vor allem, wenns um den Schutz der Privatsphäre geht, weiss Genner. «Wer online viel mit vielen teilt, muss damit rechnen, dass nicht immer nur die gewünschten Adressaten mitlesen.» Dann kanns auch mal negative oder sogar fiese Kommentare zu einem Foto hageln. Weiteres Risiko unserer Posts laut der Expertin: «Wer allgemein viel Bestätigung braucht und einiges davon über ‹Likes› und ‹Favs› auf Social Media erhält, läuft zudem eher Gefahr, ein Suchtverhalten zu entwickeln.» Zudem kann bei Menschen, die sich auf Instagram, Facebook und Co. oft die Profile ihrer Freunde ansehen, eine Minderung des Selbstwertgefühls auftreten. «Durch all die ‹good News› aus dem Umfeld kann das eigene Leben im Vergleich zu den anderen als langweilig erscheinen», erklärt Gregor Waller.

Doch was ist, wenn man im Internet Aufmerksamkeit, Mitleid oder Trost generieren will, wie beispielsweise Schauspielerin Rachael Farrokh. Die 37-Jährige leidet seit zehn Jahren an einer starken Form der Magersucht. Bei einer Grösse von 170 Zentimetern wiegt sie nur noch knapp 20 Kilo. Auf YouTube veröffentlichte Farrokh Ende April ein Video von sich, in dem sie ihre Geschichte erzählt und ihre Mitmenschen um Hilfe bittet. Nur noch ein einziges Krankenhaus in Amerika würde sie aufnehmen, so Rachael im Video. Doch die Behandlung ist teuer, deshalb hat ihr Mann eine Website erstellt, auf der die Leute einen Betrag spenden können. Bisher kamen knapp 190'000 Dollar zusammen (Stand: 26. Mai). Zusätzlich geben die beiden auf Facebook Updates zum Gesundheitszustand der Schauspielerin.

«Dass Menschen ihre Schicksale auf Social Media veröffentlichen, ist per se nichts Schlechtes», findet Medienpsychologe Waller. Doch Farrokh und ihr Mann gingen zu weit. «Wenn es in erster Linie um Aufmerksamkeit und das Schüren von Mitleid geht, wird die Grenze in meinen Augen überschritten.»

Medienwissenschaftlerin Sarah Genner meint: «Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Facebook nicht einfach Fakebook ist - ein Medium bei dem sich alle nur fröhlich und glücklich präsentieren und dafür ‹Likes› bekommen. Ich finde es schön, wenn ich auf Facebook beispielsweise Freunde nach einem Unfall aufmuntern kann.» Ebenfalls positiv findet sie es, wenn Freunde beispielsweise mit einem alten Foto am Jahrestag einem verstorbenen Elternteil gedenken. «Das muss man ja nicht öffentlich machen, sondern kann es, dank Privatsphäre-Einstellungen, einem eingeschränkten Kreis zugänglich machen.» Dennoch gilt für die Expertin trotz sorgfältiger Privatsphäre-Einstellungen: «Man sollte nie etwas online posten, das man nicht auch an einem halböffentlichen Ort wie einem Café sagen oder zeigen würde.»

Besonders Fotos von Kindern haben nach Meinung der Expertin in öffentlichen Bereichen von Facebook & Co. nichts zu suchen. «Ich plädiere dafür, keine Bilder und Videos von Kindern im Internet öffentlich verfügbar zu machen.» Denn auch Kinder haben Persönlichkeitsrechte. Diese werden mit Postings, wie demjenigen von Josh Fairbanks, der ein Video seines zwölfjährigen Sohnes unter der Dusche veröffentlichte, jedoch massiv verletzt.

«Auch für Kinder gilt, dass sie bestimmen dürfen, wie und ob ihr Bild gepostet wird. Dieses Recht wird hier massgeblich missachtet», so Genner. Waller sieht noch ein weiteres Problem: «Der Vater trägt die Verantwortung für die Publikation und handelt mit der Veröffentlichung des Filmes nicht zum Wohle des Kindes.» Denn peinliche Fotos oder Videos können dazu führen, dass die betroffenen Kinder von ihren Kameraden gemobbt werden - sogar bis ins Erwachsenenalter. Einmal im Internet, verbreiten sich solche Inhalte rasend schnell. «Die Gefahr besteht, dass diese Bilder später weiterhin kursieren, ohne dass das Kind dann noch effektiv über das Recht am eigenen Bild bestimmen kann», erklärt Expertin Sarah Genner. Ihr Kollege fügt an: «Die Fotos dann zu löschen, ist meist mit hohen Hürden verbunden.»

Die Resonanz auf tragische Schicksale oder peinliche Zwischenfälle, die auf sozialen Netzwerken gepostet werden, ist immens. Meist werden die Fotos und Videos innert kürzester Zeit tausendfach kommentiert, geteilt und geliked. Für Gregor Waller nicht verwunderlich: «Tragisches fasziniert uns schon seit jeher. Diese Faszination gehört wohl in den Bauplan des Menschen.» In der Urzeit hätten die Menschen anhand tragischer Ereignisse Lehren fürs eigene Überleben gezogen. Genner sieht noch einen weiteren Grund: «Wir suchen im Internet nach solchen Geschichten, weil wir unterhalten werden wollen. Manchmal spielt auch etwas Voyerismus oder sogar Schadenfreude eine Rolle.»

Öffentliche Schadenfreude kann aber auch zu weit gehen. Im Fall von Matthew Burdette nahm das Ganze gar ein tragisches Ende. Mitte November 2013 veröffentlichte dessen Mitschüler ein Video des 14-Jährigen und behauptete, er würde auf der Schultoilette masturbieren. Das Video ging innert kürzester Zeit viral - sogar in anderen Schulen im Bundesstaat Kalifornien machte es die Runde. Die Folge: Burdette wurde auf dem Pausenplatz, während des Unterrichts und im Internet gemobbt. Zwei Wochen später, am 29. November, nahm er sich während der Thanksgiving-Ferien das Leben. «Ich kann nicht mehr zur Schule gehen. Ich habe keine Freunde. Ich will mich nicht umbringen, aber ich habe keine Freunde», zitiert dann wiederum ausgerechnet die Facebook-Seite in Burdettes Gedenken dessen Abschiedsbrief.

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