«Üse Buurehof» Darf ich das überhaupt herzig finden?

Die erste Folge der SRF-Serie «Üse Buurehof» ging gestern Montag über den Sender. Unser Redaktor Onur Ogul hat sich das erste Mal dieses Unterhaltungsformat, in dem Menschen mit Behinderungen die Hauptrolle spielen, angeschaut - und schwankte zwischen Freude und Scham. Ein Erklärungsversuch.

Man will dem SRF eigentlich gratulieren. Der Sender versucht mit «Üse Buurehof» erfolgreiche Folklore-Formate und Menschen mit Behinderungen publikumswirksam zu kombinieren.

Toll, möchte man rufen, dass das Schweizer Fernsehen meine Billag-Gebühren für die Integration von Mitmenschen mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung einsetzt. Doch der erste Anflug von Begeisterung ist so rasch verflogen, wie er kam.

Remo, der Star?

Gestern Montag schaute ich mir die erste Folge von «Üse Buurehof» an. In der siebenteiligen Reality-Serie spielen Menschen mit Behinderung die Hauptrolle. Sie helfen der Bauernfamilie auf dem Hof Weiernheim in Winikon LU.

Remo Blunschi in SRF-Sendung «Üse Zoo»
© SRF/Daniel Ammann

Remo Blunschi ist schon aus den Vorgänger-Formaten «Üsi Badi» und «Üse Zoo» bekannt.

Der heimliche Star ist Remo. Viele kennen den 50-Jährigen aus vorangegangenen Sommerserien wie «Üsi Badi» (2010) und «Üse Zoo» (2013). Das SRF stellt den Mann mit Down-Syndrom als beliebten Wettinger Mitbürger dar, den man sogar in der Badener Altstadt erkennt. Er geht durch die Strassen und wird (mehr oder weniger spontan) erkannt und angesprochen.

Darf ich das herzig finden?

So weit so gut. Dann zieht Remo weiter in seine Stammbeiz, das Café Himmel. Dort knutscht der Charmeur die weiblichen Angestellten. In mehreren Kameraeinstellungen zeigt SRF den 50-Jährigen, wie er dem Service-Personal ziemlich feuchte Schmatzer auf die Backen gibt.

Hier macht sich erstmals ein flaues Gefühl in meinem Magen breit. «Herzig!», denke ich zunächst. Doch wieso eigentlich? Und darf ich einen 50-jährigen Mann mit Behinderung herzig finden?

Ich lache nicht mit ihnen — ich lache über sie!

Ich schaue weiter und denke mir nichts mehr dabei. Nun tritt die 49-jährige Heidi auf. Sie lebt mit einer geistigen Behinderung. Beim Verlassen des Hauses flucht Heidi lauthals über Petrus, der es wiedermal regnen lässt — immer wenn sie rausgeht! Ich lache ganz laut heraus.

Heidi üse Buurehof SRF
© SRF/Peter Mosimann

Heidi redet sehr viel und sehr gerne.

Zu allem dazu spricht sie auch noch ein Schweizerdeutsch, das mit einem amerikanischen Akzent gefärbt ist. Heidi hat 20 Jahre mit ihrer Familie in den USA auf einer Farm gelebt. Heute wohnt sie in einer betreuten Wohngemeinschaft in Baar ZG.

Ich fange plötzlich an, mich zu schämen. Ich merke, dass ich über eine Frau mit geistiger Behinderung lache. Nicht mit ihr - über sie! Das SRF zeigt sie in Szenen, die einen gewissen Witz in sich tragen. Das Verhalten von Heidi unterscheidet sich vom üblichen Verhalten der Menschen ohne mentale Beeinträchtigung. Das überrascht und ist auf eine eigene Weise lustig.

Aber als Kind habe ich gelernt, nicht über Menschen mit Behinderung zu lachen. Die Tochter meines Göttis kam mit Down-Syndrom zur Welt. Und jetzt bringt mich eine Serie mit Menschen wie sie zum Lachen.

Echtes Glück, aber...

Da stellt sich doch die Frage: Ist es okay, dass uns das Schweizer Fernsehen im Sommerloch zur besten Sendezeit mit Menschen, die eine geistige Beeinträchtigung haben, unterhält?

Natürlich freue auch ich mich aufrichtig für Menschen wie Remo und Heidi, dass sie etwas Tolles erleben dürfen. Ich freue mich, dass auch sie in die Welt der Promis, in die glamouröse Fernsehwelt Einzug finden.

Es ist pures Mitleid

Doch das beruhigt mein schlechtes Gewissen nicht. Denn gründet dieses Zufriedenheitsgefühl nicht auf Mitleid? Auf Mitleid mit Menschen, die gegenüber dem Rest der Gesellschaft benachteiligt sind? Bin ich zufrieden, weil eine solch heitere Sendung mein schlechtes Gewissen beruhigt?

Remo, Heidi und alle anderen Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen haben es verdient, ein Leben zu führen, das ihnen dieselben Chancen bietet wie allen anderen. Wir wissen aber, dass das nicht Realität ist — auch nicht in der Schweiz.

Auf unser Mitleid sind sie trotzdem nicht angewiesen. Die Crew von «Üse Buurehof» will wohl einfach nur ihren Spass beim Striegeln der Rösser und beim Mähen des Feldes haben. Sie wollen einfach so sein, wie sie sind. Ob sie es mögen, dass wir sie wie exotische Tiere im Zoo beobachten, werden wir wohl nie erfahren. Aber der Verdacht, dass dem nicht so ist, wird mich jedenfalls nicht loslassen.

Besuch bei «Üse Buurehof» from Schweizer Illustrierte on Vimeo.

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