Stammtisch-Serie Teil 4: «China Wok» in Wil SG «Lästern ist tabu!»

Wer setzt sich in Zeiten von Internet, Pendeln und Rauchverbot überhaupt noch an einen Stammtisch? Die «Schweizer Illustrierte» hat sich an fünf Runden dazugesetzt und zugehört. Im vierten Teil: Der «China Wok» in Wil SG.
Stammtisch mit Witz und Aschenbecher China Wok Wil
© Thomas Buchwalder

En Guete! Ehemalige Schülerinnen der Mädchensek in Wil SG beim Stammtisch-Znacht.

So unterschiedlich die Frauen am grossen Tisch im Restaurant China Wok in Wil SG sind, eins verbindet sie: die Mädchensekundarschule St. Katharina. Jede hat die Wiler Schule von 1968 bis 1971 besucht. Doch dann herrschte erst mal Funkstille zwischen den Frauen, die alle in Wil und Umgebung aufgewachsen sind.

2008, fast 40 Jahre später, sehen sie sich bei einem Klassentreffen wieder. Alte Erinnerungen kommen hoch, und sie beschliessen kurzerhand, sich ab jetzt jeden letzten Freitag im Monat zu einem Frauen-Stammtisch zu treffen im einstigen Restaurant Cross d’Or, das neu «China Wok» heisst.

An diesem Abend sind im Restaurant elf von ihnen anwesend. «Oft sind wir aber nicht so viele. Nicht jede hat immer Zeit», sagt Innenarchitektin Ingrid Krucker, 62. Die Frauen reden über alles Mögliche: Rezepte für Gehacktes, die letzten Ferien in Dubai oder über den Sohn, der in China lebt. «Aber lästern ist bei uns tabu!»

Auch die Politik spielt eine Rolle in der Frauenrunde. Ein wichtiges Thema ist die Griechenland-Krise. Die Physiotherapeutin Marlen Kardamitsis-Dürr, 62, ist mit der finanziellen Notlage der griechischen Nation seit Jahren konfrontiert. Sie heiratete vor 27 Jahren einen Griechen. Heute lebt sie mal in der Schweiz, mal in Griechenland. Sie sagt: «Die tragische Wahrheit der schweren Krise ist, dass Griechenland ein Versuchskaninchen zur Rekapitalisation der Banken ist. Griechenland bleibt die Geissel des Euro-Rettungswahnsinns!» Ihre ehemalige Klassenkameradin Ingrid Krucker findet hingegen: «Die Griechen haben auch ihren Teil zu der Situation beigetragen.»

Obwohl die Frauen politisch nicht immer der gleichen Meinung sind, verbinden sie die Abende am Stammtisch dennoch. Sie haben eine Chat-Gruppe. «Eigentlich treffen wir uns nur am Stammtisch. Doch im Chat wir können auch mal schreiben, wenn wir eine Begleitung für eine Veranstaltung oder eine Ausstellung suchen», sagt Antonia Niethammer, 61, die sich als leidenschaftliche Pensionärin bezeichnet. «Ich war vor Kurzem im Kino mit Ingrid und Gabi. Wir haben uns ‹La La Land› angeschaut.» – «Der Film war grässlich. Das ist doch gar kein Musical!», wirft ihre Kinobegleiterin Gabi Conte, 61, dazwischen. Ein schöner Abend sei es trotzdem gewesen, finden beide.

Für Männer gibt es keinen Platz am Tisch. «Ich kenne die Ehemänner der meisten nicht mal», sagt Ingrid Krucker. Hier am Frauen-Stammtisch stehen nämlich – wie der Name schon sagt – die Frauen im Mittelpunkt.

Im 1. Teil: der «Rathskeller» in Olten SO
Im 2. Teil: der «Prättigauer Hof» in Schiers GR.
Im 3. Teil: der «Goldene Anker» in Interlaken BE.

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