Stammtisch-Serie Teil 5: «Alpenrösli» in Muotathal SZ «Wozu über Politik reden?»

Wer setzt sich in Zeiten von Internet, Pendeln und Rauchverbot überhaupt noch an einen Stammtisch? Die «Schweizer Illustrierte» hat sich an fünf Runden dazugesetzt und zugehört. Im fünften Teil: das «Alpenrösli» in Muotathal SZ.
Stammtisch Restaurant Alpenrösli Muotathal
© Thomas Buchwalder

Früher war nicht alles besser! Xaver Pfyl (2.v.l.) erinnert sich an strenge Arbeitstage in der Fabrik.

Es ist laut. Und es ist voll im Restaurant Alpenrösli in Muotathal SZ. Die Ländlermusik der Band Sunnä-Musig übertönt die Gespräche der rund 70 Gäste im Wirtshaus. Die Stimmung ist an diesem Nachmittag feuchtfröhlich - eigentlich wie an jedem Dienstag, wenn das Ländler-Quartett in Muotathal auftritt. «Am Dienstag scheint hier immer die Sonne», sagt der pensionierte Vorarbeiter Xaver Pfyl, 76. Er nippt an seinem Glas Kaffeewein - Kaffee gemischt mit Wein. Er ist nicht der Einzige, der das heisse Getränk zu mögen scheint. Auch zwei andere Rentner am Stammtisch trinken Kaffeewein.

Die Leute im «Alpenrösli» kennen sich, fast alle kommen aus der Region. «Wir haben einmal zwei Wochen ausgesetzt, weil wir in den Ferien waren. Da haben sie uns schon vermisst», sagt Erika Reichlin, 77, und meint damit sich und ihren Ehemann, den pensionierten Kranführer Paul Reichlin, 77. Das Paar hat 2001 geheiratet, beide hatten vorher schon Familie. Die Tochter von Paul Reichlin arbeitet im Service des Restaurants Alpenrösli. Erika Reichlin ist einige Monate älter als ihr Mann. Das gibt zu reden am Stammtisch. Bauer Josef Schuler, 81, erzählt, sein Bruder habe ebenfalls eine ältere Frau geheiratet. «Das würde er nie mehr tun. Sie weiss immer alles besser», sagt er und schaut zu der einzigen Frau in der Runde rüber. Erika lässt sich davon nicht beeindrucken und hört sich weiter die Musikgruppe an, die zwischen den Liedern auch mal einen Witz zum Besten gibt. Politisiert werde an diesem Tisch fast nie, sagt Paul Josef Anton «Pia» Föhn. Der 79-Jährige ist extra von Aufiberg SZ angereist. «Wozu sollen wir über Politik diskutieren? Man kann sowieso nichts ändern. Wir hören uns lieber die schöne Musik an.» Wenn die Muotathaler reden, dann oft über vergangene Tage. Aber ohne zu beschönigen. Xaver Pfyl etwa erzählt von seinen Berufsanfängen in einer Zementfabrik: «Ich habe immer 23 Tage gearbeitet und hatte dann vier Tage frei. So etwas wäre heute nicht mehr erlaubt!» Umso mehr geniesse er nun die schönen Stunden im Restaurant Alpenrösli.

Kurz vor 17 Uhr ist Schluss. Die vier Musikanten packen Handorgel, Mundharmonika und Gitarre zusammen, das Restaurant leert sich. «Ciao Rosmarie, ciao Franz», sagt Erika zu zwei Leuten, die sich von einem anderen Tisch erheben und das «Alpenrösli» verlassen. Man kennt sich im Muotatal und sieht sich wieder - nächsten Dienstag.

Im 1. Teil: der «Rathskeller» in Olten SO
Im 2. Teil: der «Prättigauer Hof» in Schiers GR
Im 3. Teil: der «Goldene Anker» in Interlaken BE
Im 4. Teil: der «China Wok» in Wil SG

Auch interessant