Stammtisch-Serie Teil 2: «Prättigauer Hof» in Schiers GR «Für mich ersetzt der Stammtisch den Psychiater»

 Wer setzt sich in Zeiten von Internet, Pendeln und Rauchverbot überhaupt noch an einen Stammtisch? Die «Schweizer Illustrierte» hat sich an fünf Runden dazugesetzt und zugehört. Im zweiten Teil: der «Prättigauer Hof» in Schiers GR.
Stammtisch Schweizer Serie Prättigauer Hof Schiers
© Thomas Buchwalder

Jung und Alt: Fast 50 Jahre Altersunterschied spielen im «Prättigauer Hof» keine Rolle.

Egal, ob Lehrerin, Dachdecker, Bauer oder Baumaschinen-Verkäufer. Egal, ob Mitte 20 oder bald 70 Jahre alt. Egal, ob Mann oder Frau. Am Stammtisch im «Prättigauer Hof» in Schiers GR sitzen sie alle zusammen. «Wieso sollte es mich stören, dass ich der Jüngste bin?» fragt der 24-jährige Bauer Andreas Willi. Für ihn ist es ganz normal, ab und zu nach Feierabend noch eins trinken zu gehen - und da Alternativen fehlen, zieht es ihn oft in den «Prättigauer Hof». «Aber er kommt nur Anfang Monat, wenn er noch Geld auf dem Konto hat!», scherzt sein Mitarbeiter Hanspeter Truog, 42, und haut seinem jungen Arbeitskollegen auf den Oberarm. Am Donnerstagabend, kurz nach 18 Uhr, läuft nicht viel in der Dorfbeiz, die auch als «Braui» bekannt ist. In der ehemaligen Brauerei ist nur der Stammtisch im Fumoir voll.

Raucher und Nichtraucher sitzen zusammen. «Eins sollen diese Clowns da oben mal wissen: Das Rauchverbot bringt gar nichts! Wir sitzen alle zusammen hier. Auch die Nichtraucher sitzen mit uns im Fumoir», sagt Hans Andrea «Hampfi» Truog, 64. Früher kam er noch öfter hierher, heute etwas weniger. «Aber es ist immer wieder schön. Und bei uns ist es auch immer friedlich - seit zehn Jahren gab es keine Schlägerei mehr!»

Der Schreiner Andrea Gasser, 57, fügt hinzu: «Sogar der Pfarrer hat gesagt, man solle nach der Arbeit in der Beiz eins trinken gehen und den Frust nicht zu Hause bei der Frau ablassen!» - «Aha!», ruft seine Frau Dorothea Gasser, 55, «dann sollen die Frauen das aber auch dürfen!» Für die Primarlehrerin ist es ganz normal, ab und zu am Stammtisch vorbeizuschauen - auch ohne ihren Mann. «Früher waren Frauen vielleicht nicht gern gesehen an den Stammtischen. Aber heute ist das gar kein Problem.»

Geredet wird am Generationentisch meistens über Beruf, Familie und das Dorfleben. Die Politik bleibt aussen vor. «Es bringt sowieso nichts, gross zu politisieren, da wir nicht alle Sirup
trinken», sagt Hans Sutter, 68. Und Hansruedi Fitzi, 64, ergänzt: «Für mich ersetzt der Stammtisch eher den Psychiater!»

Stammtisch Schweizer Serie Prättigauer Hof Schiers
© Thomas Buchwalder

Frauen erlaubt: Inge Fitzi (l.) und Dorothea Gasser schauen ab und zu auch vorbei - auch ohne Männer.

Im 1. Teil: der «Rathskeller» in Olten SO
Im 3. Teil: der «Goldene Anker» in Interlaken BE

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