Stammtisch-Serie Teil 1: «Rathskeller» in Olten SO «Das Rauchverbot hat die Gesellschaft gespalten»

Wer setzt sich in Zeiten von Internet, Pendeln und Rauchverbot überhaupt noch an einen Stammtisch? Die «Schweizer Illustrierte» hat sich an fünf Runden dazugesetzt und zugehört. Im ersten Teil: der «Rathskeller» in Olten SO. 
Stammtisch Schweizer Serie Rathskeller
© Thomas Buchwalder

«Irgendwo muss man sich informieren»: Am Stammtisch im «Rathskeller», oder einfach «Chübu» genannt, in Olten SO.

Hier sagt niemand «Rathskeller». Nein, das Restaurant in der Oltner Altstadt heisst «Chöbu». Warum? «Einfach, weil es schon immer Chöbu geheissen hat», sagt Peter Schmid, 83. Und er muss es wissen, er ist der älteste Stammgast. Schon in seinen Jugendjahren war der ehemalige PTT-Chauffeur regelmässig im «Chöbu» beim Feierabendbier anzutreffen. Obwohl er auf dem linken Ohr taub und nicht sehr gesprächig ist, geniesst er es noch immer, den Diskussionen an «seinem» Stammtisch zu lauschen. Auch die anderen Gäste kommen schon seit Jahren. Im ersten Stock des Restaurants treffen sie sich an einem massiven Holztisch im Fumoir.

Der Kontakt zu anderen Oltnern sei ihm wichtig, sagt René Meier, 68: «Irgendwo muss man sich ja informieren, die Lokalzeitung kann man nicht mehr lesen. Die kaufe ich nur wegen der Todesanzeigen und der Eishockeyresultate.» Der Rentner zündet sich eine Zigarette an - eine von vielen an diesen Abend. «Eins kann ich sagen», führt er aus, «das Rauchverbot hat die ganze Gesellschaft gespalten.» Neben dem Stammtisch im ersten Stock hat es unten im Nichtraucher-Bereich noch einen zweiten Stammtisch. «Meine Freunde, die nicht rauchen, sitzen alle unten! Das ist doch eine Frechheit!»

Neben René Meier sitzt die einzige Frau in der Runde, Gabrièle «Gable» Gisi, 42. Da ihr Vater bereits Stammgast hier war, kam sie schon als kleines Mädchen in den «Chöbu» und trank ein Glas Sirup, während der Vater mit seinen Kollegen beim Bier über Gott und die Welt sprach. «Jetzt komme ich halt aus Gewohnheit auch noch ab und zu», sagt sie. Bei den älteren Männern ist sie akzeptiert.

Aber früher waren Frauen nicht gerne gesehen am grossen runden Tisch. «Meine Mutter hätte sich nie an den Stammtisch gesetzt. So etwas hätte es früher nicht gegeben», meint die freischaffende Künstlerin. «Aber heute sind diese Zeiten auch vorbei.»

Eine wichtige Bedeutung hat der Stammtisch auch für Buddy Meyer, 71. Der Oltner lebt heute in Frankreich. «Immer wenn ich wieder in der Schweiz bin, muss ich hier vorbeischauen.» Und eins würde er sich nie entgehen lassen: die berüchtigte «Chöbu»-Weihnacht. Dann kehren ausgewanderte Oltner ins Restaurant Rathskeller zurück, um die alten Zeiten aufleben zu lassen. «Es kommen Leute, die man schon seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hat, und wir feiern zusammen!» Bis zum Morgengrauen werde hier noch angestossen und laut gesungen, sagt Buddy. «Das gehört zur Tradition!»

Im 2. Teil: der «Prättigauer Hof» in Schiers GR

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