Erster Transmensch in der Schweizer Armee So wurde aus Andreas Soldatin Claudia Meier

Ihr halbes Leben lang musste sie Andreas sein. Seit 2010 ist sie «daheim», endlich ganz Frau. Jetzt leistet Claudia Sabine Meier im Kosovo Dienst bei der Swisscoy-Truppe. «Ich beweise der Armee, dass ich auch als Claudia Dienst tun kann», sagt sie der «Schweizer Illustrierten».

Während der Ausbildung zum Fourier erfährt Soldat Meier von den friedensfördernden Uno-Einsätzen der Schweizer Armee im Ausland. Irgendwann, das nimmt er sich vor, will er auch so einen Einsatz leisten. Es ist das Jahr 1991. Der Fourier ist 23 Jahre alt, Berner, stark übergewichtig, hat kurzes Haar. Und heisst Andreas Heribert Meier. Derzeit sind im Kosovo 220 Schweizer Soldaten stationiert. Als Swisscoy-Truppe sind sie Teil der internationalen friedensfördernden Mission Kosovo Force, genannt Kfor. Im Süden des Landes, in der Stadt Prizren, ist Fourier Meier im Einsatz. Es ist das Jahr 2014. Meier ist jetzt 45, Bernerin, sportlich, hat fast hüftlanges, blondes Haar. Und heisst Claudia Sabine Meier.

Mitten im streng bewachten, mit Stacheldraht und Mauern umzäunten Kfor-Camp Prizren stehen Apfelbäume. Fourier Meier zupft eben ein paar der Früchte aus dem Geäst und lässt sie in ihre Uniformmütze kullern, als ein deutscher Soldat vorbeistiefelt: «Na, junge Frau, backen Sie daraus wieder leckeren Apfelkuchen, den ich bei Ihnen im Swiss Chalet so gern esse?» Das Kompliment über ihre Backkünste schmeichelt Claudia Meier, «die junge Frau aber», sagt sie triumphierend, «geht mir runter wie Öl».

Für die junge Frau musste sie lange kämpfen. Erst seit 2012 ist Claudia Sabine Meier, geboren am 25. 10. 1968, auch amtlich ganz Frau. Zuvor durfte sie auf ihren Ausweisen den Männernamen zwar auf Claudia Sabine abändern, beim «Geschlecht» aber stand weiterhin ein M - was sie trotzig als «M wie Mädchen» interpretierte. Sie sagt: «Ich bin als Frau geboren, musste aber als Mann leben.» 40 Jahre habe sie mit der «Rüstung Andreas» auskommen müssen. 40 Jahre habe sie ihre Umgebung über ihre wahren Gefühle, ihr richtiges Ich belogen und ertrug es nicht, beim Rasieren morgens in den Spiegel zu schauen, «weil ich diesen Mann nicht sehen wollte». 40 Jahre Kampf gegen sich selber - bis es (oder besser er) einfach nicht mehr ging. Das Coming-out kam 2010. Seither sei das Leben farbig, sie sagt: «Endlich bin ich daheim.»

Eine offene Kommunikation entkräftet Vorurteile

Im April dieses Jahres reist Fourier Meier im Rahmen eines Einsatzes in der Friedensförderung der Schweizer Armee in den Kosovo. Im Camp Prizren, wo 700 Armeeangehörige aus verschiedenen Ländern stationiert sind (darunter rund 90 Schweizer), arbeitet Claudia Meier als Koch im Restaurant «Swiss Chalet». Die Holzbaracke mit Skihütten-Charme ist die Stammbeiz der Swisscoy-Truppe. Von der Decke baumeln Fanschals von Fussball- und Eishockey-Klubs, an die Holzbalken sind Rangabzeichen ehemaliger (sehr fröhlicher) Gäste genagelt, eine Hellebarde steht in der Ecke, und die Chalet-Terrasse hat sogar eine Pergola, wenngleich hier nicht Weinreben Schatten spenden, sondern Tarnnetze.

Eben betritt ein Trupp Swisscoy-Soldaten das Lokal, es ist neun Uhr, Znüni-Zeit - Nato-Pause, wie man hier sagt. Claudia begrüsst die Männer mit «mini Giele», die Soldaten necken sie als «Uxo vom Swiss Chalet», Uxo steht für «unexploded ordnance», zu Deutsch: nicht explodierte Munition (ja, Fourier Claudia kann schon mal hochgehen, wenn es die Situation erfordert). Klar sei sie eine Quasselstrippe, sagt die 45-Jährige, «ich erzähle gern und viel, weil ich der Meinung bin, dass nur eine offene Kommunikation Vorurteile entkräftet». Die Swisscoy-Truppe wisse «es», man kenne ihre Vergangenheit; sie werde schlechtestenfalls akzeptiert, die grosse Mehrheit aber sei ihr sehr wohlgesinnt. «Ich habe hier als Transmensch keine negativen Erfahrungen gemacht.»

Obwohl ihre Freunde daheim sie vor der Mission gewarnt hatten: Was, ausgerechnet du, eine Transsexuelle, im Macho-Verein Armee? Fourier Meier steht in der Chalet-Küche, knotet das rote Kopftuch neu und überlegt, wie sie das formulieren will. Im Backofen gart das Zmittagsmenü Hackbraten, das Truppenradio (betrieben von der Deutschen Bundeswehr) spielt DJ Bobos «There’s a Party», und über dem Camp rotoren US-Blackhawk-Hubschrauber. Endlich sagt sie: «Ich mag die Schweizer Armee, die Uniform macht mich nicht weniger zu Claudia, und im Militär kommt es nicht drauf an, ob man Mann oder Frau ist, was zählt, ist Auftrag, Leistung und Disziplin.» Und sie, Fourier Meier, wolle der Armee beweisen, dass sie es wert sei, dass sie die Fähigkeiten habe, auch als Claudia, als Frau mit ungewöhnlicher Vergangenheit, zu dienen.

Die Nato-Pause ist vorbei, Claudias «Giele» sind wieder an der Arbeit, und sie muss zum Einkaufen in die Stadt - samt Sturmgewehr: Im Kosovo habe die Waffe «immer auf Mann» zu sein. Sagt sie, stutzt ob ihrer Worte, der Modus «Gewehr auf Frau» existiere halt nicht, sie einigt sich mit sich selber schliesslich auf den geschlechtsneutralen Befehl «s Gwehr isch debii».

Prizren gleicht im Spätsommer einem Tollhaus, die Ausland-Kosovaren sind da. Viele aus der Schweiz. Sie kommen, um Verwandte zu besuchen, eine Frau zu suchen, zu heiraten - und zu zeigen, wie gut es ihnen in der Fremde ergeht. Was man am effektvollsten mit einem schönen, grossen, teuren Auto tut. Chromschlitten mit AG-, ZH-, LU- und TG-Kennzeichen defilieren und röhren durch die Stadt. Eine Szenerie wie aus einem Fiebertraum: 40 Grad Hitze, Staub, Wind, Fahnen; auf der pittoresken Steinbrücke posieren Brautpaare im Minutentakt, der Muezzin ruft zum Gebet, ein SMS auf dem Handy meldet mysteriöserweise «Willkommen in Österreich», und dass der Wagen, der endlich gnädigerweise vor dem Fussgängerstreifen bremst, eine BE-Nummer hat, ist dann wohl die Pointe in diesem Strassentheater.

Doch Claudia Meier geniesst das Einkaufen in Prizren. Eine tolle Stadt, nette Menschen, und man könne sich auf dem Markt problemlos auf Schweizerdeutsch unterhalten. Sagt sie, karrt mit Fourier-Kollege Patrick Longo Einkaufswägeli voller Frischprodukte zum Kfor-Wagen und wuchtet alles auf die Ladefläche. Früher, als Andreas, wäre ihr diese Arbeit leichter gefallen, witzelt sie; seit Claudia Hormone nimmt, hat sie 30 Prozent weniger Kraft. «Dafür nehme ich heute Düfte sensibler wahr, wandere plötzlich gern, liebe Sonnenuntergänge, und eine Blumenwiese rührt mich zu Tränen.» Seit 2010 hat Claudia ihren Körper schrittweise verändern lassen, die finale, geschlechtsangleichende Operation - sie nennts «Schnitt im Schritt» - erfolgte 2012.

Ich muss das jetzt machen. Claudia will raus

Schon als kleiner Bub hat Andreas Erfahrungen gemacht, die er nicht einordnen kann. An einem Fest ist er als Cowboy gekleidet, beneidet aber seine Schwester, die ein Flamencokleid tragen darf. Später lernt Andreas Koch, übernimmt von seinen Eltern die Direktion des Viersternehotels Schwefelberg-Bad im Berner Gantrischgebiet. Und lebt ein Doppelleben: Ist tagsüber der taffe Herr Hoteldirektor, trifft sich nachts heimlich mit Menschen in einer ähnlichen Situation und lebt das Frausein aus. Andreas heiratet, «weil ich wissen wollte, ob dies eine Möglichkeit ist, den verlangten Mann zu leben, und wie es ist, Familie zu haben», eine Tochter wird geboren. Die Ehe scheitert, das Mädchen lebt heute bei der Mama in Deutschland (die 14-Jährige nennt ihren Papa neuerdings «MaPalina»).

Die «Rüstung Andreas» erdrückt Claudia immer mehr, aus Frust frisst sich Andreas 155 Kilo an, Kampfgewicht, so kann es nicht mehr weitergehen. Vielleicht hilft das «Experiment Claudia 14»: Weit weg von daheim, in einem Hotel, lebt Andreas 14 Tage lang als Claudia - und merkt endgültig: Ich muss das jetzt machen, es muss raus, Claudia will raus. Das Coming-out Ende 2010 ist schwer, die Angst riesig, seine Partnerin spürt schon lange, dass etwas im Busch ist, sie fragt: «Gell, Andreas, du möchtest eine Frau sein?» Ihr Ehemann antwortet: «Nein, ich bin eine Frau.»

Eltern, Kollegen, Gäste und Angestellte akzeptieren und schätzen die neue Direktorin. 2013 verkauft Claudia das Hotel und zieht nach Bern. Und erinnert sich an ihren Wunsch, damals in der Fourierschule, vor 22 Jahren. Claudia möchte mit der Swisscoy in den Kosovo. Was wohl die Armee dazu sagt?

Die Richtlinien des Oberfeldarztes der Schweizer Armee geben für Transsexualismus Untauglichkeit vor. Doch die Armeeführung schreibt dazu: «Bei der Beurteilung der Anstellung von Frau Meier für den Swisscoy-Einsatz ist jedoch die medizinische Einsatztauglichkeit entscheidend, und diese ist gegeben.» Noch feinsinniger formuliert steht es in Fourier Meiers Sanitätsdossier, wo sie als «Frau mit nicht alltäglicher Vergangenheit» als Swisscoytauglich bezeichnet wird.

Claudia Sabine Meier ist der erste Transmensch in der Schweizer Armee. Noch bis Mitte Oktober leistet Fourier Meier Dienst im Kosovo. Kocht, wirtet, kauft ein - und backt ihren berühmten Apfelkuchen. Nach dem Kfor-Einsatz wird sie einen neuen Job in der Schweiz antreten, «eine wunderbare Sache», mehr kann sie dazu noch nicht sagen. Das Privatleben? Claudia Meier sagt, sie sei derzeit Single, wünsche sich eine Beziehung zu einem Mann.

Auf ihrem Rücken, verdeckt durch das lange blonde Haar, hat sich die 45-Jährige einen Vogel tätowieren lassen; es ist Phönix, das aus der Asche wiedergeborene Wesen aus der Mythologie. Claudia Sabine Meier sagt: «Als Transmensch in der Armee habe ich Türen geöffnet für eine Menschengruppe. Darauf bin ich sehr stolz.» Vier Jahrzehnte kämpfte Claudia für ihr wahres Ich und fand erst mit dem Coming-out ihren tiefen, inneren Frieden. Wer denn, wenn nicht sie, ist für den Kfor-Einsatz im Kosovo besser geeignet? Für eine Mission, in der es genau darum geht - den Frieden.

Von Andreas zu Claudia:

Soldatin Claudia Meier Transmensch Armee
© HO
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