Yoga Über Risiken und (erwünschte) Nebenwirkungen

Seit den letzten paar Jahren schiessen Yoga-Studios wie Pilze aus dem Boden. Alleine in Zürich hat es rund 300 Kursanbieter. Doch was bringt der Trendsport überhaupt und auf was muss ich als Anfängerin achten? Um nicht allzu unwissend in meine erste Stunde zu gehen und einen schlechten von einem guten Lehrer unterscheiden zu können, ziehe ich eine Expertin zu Rate.

«Es ist eine Lebensform, kein Beruf», erklärt Daniela Lüthi, als ich sie zum Interview im Zürcher Vegi-Restaurant Tibits treffe. Es bilde mit der Bewegung eine Gesamteinheit aus gesunder Ernährung, positiver Denkweise und einer ebensolchen Lebenseinstellung. Alle drei Punkte sind bei der Yoga-Lehrerin eindeutig zu erkennen. Die Wangen der 45-Jährigen leuchten in einem frischen Rosa, und sie strahlt diese innere Ruhe und Selbstzufriedenheit aus. Man fühlt sich in ihrer Gegenwart sofort wohl - von der Aufdringlichkeit gewisser Gesundheitsfanatikerinnen keine Spur. «Die Sympathie ist ein wichtiger Aspekt», sagt Lüthi - als könnte sie meine Gedanken lesen. «Man sollte als Anfänger einfach ein paar Kurse ausprobieren und dann aus dem Bauch heraus entscheiden, welcher Lehrer einem zusagt.» 

GUTE YOGIS, SCHLECHTE YOGIS
Heutzutage kann sich ein Jeder Yoga-Lehrer schimpfen. Eine Schnellbleiche - und schon hat man das Diplom in der Hand. «Es gibt Wochenend-Kurse, die eine solche Ausbildung anbieten.» Daher sei es für einen Anfänger wichtig, Fragen zu stellen. «Erkundigen Sie sich beim Lehrer nach Diplom und Qualifikation», rät die Expertin, die den Sport seit 30 Jahren praktiziert und Mitinhaberin des Studios «YogaNation» ist. Und: «Wählen Sie keine allzu grossen Klassen aus.» Eine Klassengrösse von bis zu 15 Schülern sei ideal. «In grösseren Klassen wird es für den Lehrer schwierig, den Überblick zu bewahren und Fehlstellungen zu korrigieren.» 

Genau das sei auch das Problem beim Praktizieren alleine zu Hause vor dem Fernseher oder Mithilfe eines Buches. «Es können sich falsche Bewegungsabläufe einschleichen, die mehr schaden als helfen können.» Ein weiteres Minus sei die Motivation, auch wenn prominente Yogis wie Barbara Becker oder Eva Padberg ihr Bestes geben, ihre Schüler vor dem TV zu animieren. «Training in der Gruppe ist wesentlich besser und effektiver.»

YOGA IST FÜR ALLE DA
Unfälle passieren eigentlich nur dann, wenn ein übereifriger Schüler auf einen schlechten Lehrer trifft. Denn: «Grundsätzlich ist der Sport für jeden geeignet», sagt Daniela Lüthi. Aber es müsse ganz klar auf körperliche Beschwerden Rücksicht genommen werden. Ein guter Lehrer fragt danach - sollte es sein Schützling einmal vergessen haben zu erwähnen. Und nimmt im Kurs Rücksicht darauf. Ausserdem brauchen Menschen mit Leiden ganz klar eine Einzelbetreuung: «So kann das Programm gezielt abgestimmt werden.»

HOHER BLUTDRUCK? DANN MEIDEN SIE DEN KOPFSTAND!
Daniela Lüthi würde Anfängern keinen Kopfstand zumuten. «Dafür muss man geübt und die Nacken und Schultermuskulatur gestärkt sein. Ansonsten könnte die Stellung einen grossen Schaden anrichten. Anderseits kann man mit dem Schulterstand zum Beispiel den Blutdruck senken. Auch zu extreme Übungen sind bei (noch) ungelenkigen Personen nicht angebracht. Aber: «Der Körper reagiert sehr schnell», lautet die gute Nachricht. Und die schlechte? «Man muss schon ein- bis zweimal pro Woche trainieren. Das erfordert eine gewisse Disziplin und Willen.» Erscheint dem Neuling die Übung zu schwer oder tauchen Schmerzen auf, sollte der Lehrer informiert werden. «Bester Indikator für zu schwere Übungen ist die Atmung. Wenn die nicht mehr tief ausgeführt werden kann, sollte man pausieren und vielleicht noch mal sanfter in die Übung hineingehen.»

FAZIT? YOGA SOLLTE SPASS MACHEN
«Yoga ist keine Religion und sollte nie dogmatisiert werden», sagt Daniela Lüthi und nimmt einen Schluck von ihrem indischen Gewürztee. Es ginge darum, einen besseren Zugang zu seinem Körper zu finden und ihn in Balance zu bringen. «Mit der richtigen Atemtechnik hat man einen ganz anderen Energielevel. Der Stoffwechsel wird bei optimaler Lungennutzung angekurbelt, die Lebensqualität steigt.» Eigentlich nur Gutes, wie es scheint. «Ja, doch leider wird Yoga von Schulmedizinern noch immer ausgeblendet. Obwohl es mittlerweile ganz viele Studien dazu gibt.»

KINDER UND YOGA? 
Spiel, Spass und Spannung. Mit diesen drei Attributen sind Kinder leicht zu ködern. Aber mit Yoga? «Ich mache mit den Kleinen lediglich eine Phantasiereise, beispielsweise durch den Wald mit Tierposen. Es gibt spezielle Ausbildungen für Kinderyoga, welches ganz anders ist als das für Erwachsene.» Oft stelle Daniela Lüthi fest, dass die Motivation für Kinder-Yoga eher von den hippen Müttern komme. Ausserdem bedarf es einem gewissen Alter, sich mit Überzeugung auf das Ganzheitliche einzulassen. 

WENN ES NUR NICHT SO TEUER WÄRE...
Neben oftmals schlecht ausgebildeten Lehrern, zu grosser Klassen und kniffliger Umkehrstellungen gilt es, noch eine Hürde zu überwinden: die Finanzielle. Pro 90-minütiger Yogastunde muss man mit rund 30, bei Einzellektionen sogar mit bis zu 40 Franken rechnen. Ein teures Hobby, wenn man den Rat der Expertin befolgt und mindestens zweimal pro Woche einen Kurs besuchen möchte. Doch bei Minderbemittelten soll das Geld kein Hindernis sein. «Wenn jemand wirklich will und es sich nicht leisten kann, kann man bestimmt mit dem Lehrer einen speziellen Deal aushandeln», sagt Daniela Lüthi. «Ich kenne sogar einen Fall, in dem ein Lehrer mit Naturalien aus dem eigenen Garten einer Schülerin ‹bezahlt› wird», erzählt Lüthi lachend. Man könne sich aber auch nach einem Lehrer umsehen, der soeben die Ausbildung abgeschlossen hat. «Diese Lektionen kommen dann etwas günstiger.» Zudem bezahlen die meisten Krankenkassen einen Grundbetrag an Yoga. «Da mittlerweile mit Studien bewiesen wird, dass Menschen, die Yoga praktizieren, leistungsfähiger und weniger krank sind.»

Auch interessant