Die neuen Väter: Mehr Familie, weniger Beruf - Teil 4 Headhunter Schilling: «Väter profitieren von Müttern»

Sie lieben ihre Kinder. Sie sind Vater und Unternehmer, Vater und Schreiner oder Vater und Schlagersänger. Deshalb treten sie im Beruf kürzer - und ziehen im Haushalt voll mit. Die «Schweizer Illustrierte» zeigt, wie Väter den Spagat schaffen. Und wieso Männer mit Teilzeitjobs glücklicher sind. Im vierten Teil: Headhunter Guido Schilling im Interview.
Guido Schilling Headhunter über Väter und Teilzeitarbeit
© David Biedert

Guido Schilling ist Chef der Guido Schilling AG, die Unternehmen bei der Besetzung von Spitzenpositionen unterstützt. Er ist verheiratet und hat fünf Göttikinder.

Schweizer Illustrierte: Herr Schilling, wie viel arbeiten Sie?
Guido Schilling, 56: Mehr als 100 Prozent (lacht). Mein Leben ist ein Gesamtkunstwerk. Bei mir vermischt sich alles. Beruf, Freizeit, soziales Engagement.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, Ihr Pensum zu reduzieren?
In meinem Kalender habe ich einen Nachmittag pro Monat markiert, der nur mir gehört. Meine Sekretärin hat mir kürzlich gesagt, dass ich es in diesem Jahr dreimal geschafft habe, diesen Nachmittag wirklich frei zu halten. Der Wunsch, zu reduzieren, kommt auch bei mir immer mal wieder auf. Bis jetzt war die Lust an der Arbeit aber stets stärker.

Manche Väter arbeiten bewusst Teilzeit, damit sie auch unter der Woche Zeit für ihre Kinder haben. Begegnet Ihnen dieser Wunsch auch bei Arbeitnehmern, die Sie vermitteln?
Ja, aber nicht sehr oft. Ich spüre den Wunsch vor allem bei jungen Talenten. Bei Spitzenkräften noch nicht.

Weshalb?
An der Spitze ist die Luft dünn. In der Regionalliga können Sie mit Talent viel erreichen. Wer aber an die Olympischen Spiele will, muss hart trainieren. Dasselbe gilt an der Spitze eines Unternehmens. Viele Firmen glauben noch nicht, dass ein Topmanager mit einem 80-Prozent-Pensum volle Leistung bringt.

Sie sagen: «Noch nicht». Wird das in zehn Jahren anders sein?
Das heutige Erfolgsmodell wird sich nur ändern, wenn es nicht mehr funktioniert. Wir befinden uns jetzt in einer Umbruchphase. Die Mitarbeitenden sind der Schlüssel zum Unternehmenserfolg - in Zukunft noch stärker.

Was wollen die Mitarbeiter der Zukunft?
In meiner Jugend haben wir uns über den beruflichen Erfolg definiert. Bei den heutigen Arbeitnehmern zwischen 25 und 35 Jahren ist das komplett anders. Sie wollen mehr als nur beruflichen Erfolg. Und nicht nur von morgens früh bis abends spät im Büro sein.

Was heisst das für die Unternehmen?
Zukunftsorientierte Firmen haben das erkannt. Sie wissen, dass sie nur dann hervorragend ausgebildete Menschen gewinnen können, wenn sie alternative Anstellungsmodelle anbieten - wie etwa Teilzeitarbeit, Mobile Working und Topsharing bei Führungspositionen. Bei diesen Firmen werden die Jungen arbeiten wollen. Solche Modelle sind die Zukunft.

Welche Firmen machen das schon?
Es waren zuerst amerikanische Unternehmen in der Schweiz wie IBM und Microsoft. Nun ziehen bundesnahe Unternehmen wie Post, Swisscom und SBB nach und experimentieren mit neuen Arbeitsmodellen. Auch Versicherungen wie die Mobiliar oder Axa sowie Grossbanken wie UBS und CS sind Vorreiter.

Die Umfrage der «Schweizer Illustrierten» zeigt, dass die meisten Väter mit Teilzeitjobs kein Problem mit der Lohneinbusse haben. Sehen Sie auch hier einen Generationenwechsel?
Das ist ein wichtiger Punkt. Das ganze Bonussystem allein kann die jüngere Generation nicht mehr motivieren. Wichtiger sind Wertschätzung, Team und Weiterbildungsmöglichkeiten. Und eben: die Möglichkeit zu Teilzeitarbeit und Mobile Working.

Was passiert mit Unternehmen, die keine solchen Modelle anbieten?
Diese Unternehmen werden es schwer haben. Der Kampf um gut ausgebildete Fachkräfte wird in der Schweiz härter: Die Babyboomer gehen in Pension, die Einwanderung nimmt ab. Junge Väter, die mehr Zeit für ihre Familie wollen, gehen zu jenen Unternehmen, die schon alternative Konzepte haben. Warum sollten sie ihren Chef mühsam von einer Teilzeitanstellung überzeugen, wenn eine andere Firma diese Möglichkeit aktiv anbietet?

Weshalb haben viele Firmen noch Angst vor Teilzeitangestellten?
Sie fürchten, dass der Entscheidungsträger im wichtigsten Moment nicht da ist und die Verantwortung nicht klar zugeordnet werden kann.

Lassen sich anspruchsvolle Arbeiten mit Teilzeit verbinden?
Ja, aber nur vorübergehend. Teilzeit auf Lebenszeit ist ein Karrierekiller. Aber Teilzeit auf Zeit ist das Lebenskonzept der Zukunft: Man reduziert, wenn die Kinder klein sind. Und stockt nachher wieder auf. Allerdings braucht es ein Geben und Nehmen. Wenn es brennt, muss man erreichbar sein.

Man kann eine Chefposition auch aufteilen. Wie sehen erfolgreiche Topsharing-Modelle aus?
Idealerweise arbeiten beide Chefs mindestens 60 Prozent - und sind an einem Tag gemeinsam im Büro. Sie müssen ihre Zuständigkeiten klar aufteilen, damit die Mitarbeiter wissen, an wen sie sich wenden können. Oder der Chef hat einen starken Stellvertreter, der das Geschäft führt, wenn der Chef nicht da ist. Viele Schweizer Unternehmen sammeln schon Erfahrung mit diesem Modell, andere sind noch skeptisch, weil der Koordinationsaufwand zunimmt.

Teilzeitarbeit war lange ein Thema für Mütter. Nutzen nun die Väter deren Errungenschaften?
Absolut. Väter profitieren von Müttern. In den Städten sind Mütter, die nach der Geburt reduzieren, breit akzeptiert. Jetzt kommen die jungen Väter und fordern dasselbe. Bisher sorgen sie aber noch oft für Stirnrunzeln.

Wenn sich die Männer ernsthaft um Teilzeitstellen bemühen würden, gäbe es sie doch längst.
Gerade bei Fachleuten ist dies der Fall. Gesuchte Spezialisten können Forderungen stellen. Wenn eine Firma zu wenig Finanzfachleute hat, muss sie auch den Buchhalter nehmen, der nur 60 Prozent arbeiten will. Keine Frage.

Im 5. Teil am Samstag, 14. November: Schlagersänger Stefan Roos mit seinen zwei Kindern

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