Wahlen 2015 Im Porträt: BDP-Wahlkampfleiter Lorenz Hess

Wenn BDP-Wahlkampfleiter Lorenz Hess den Kopf lüften will, geht er mit Hansjakob Leuenberger Töfffahren. Eine Freundschaft, bei der die Parteizugehörigkeit keine Rolle spielt.
Wahlen 2015 Schweiz BDP Lorenz Hess
© Kurt Reichenbach

Sich anpirschen, das kann Lorenz Hess gut. Schon als Kind schleicht er zusammen mit seinem Vater durch die Wälder, harrt im Dickicht aus - bis ihnen ein Reh vor die Flinte springt. Heute zieht der 54-jährige BDP-Nationalrat jeweils mit seinen Hunden Oskar und Viktor los. «Auf der Jagd kann ich abschalten und die Natur geniessen.» Dass er sich als Politiker für ein Importverbot von Pelz aus tierquälerischer Produktion starkmacht, sei kein Widerspruch zur Jägerei: «Tiere jagen bedeutet Tiere respektieren.» Auf ein Reh schiessen, das könnte Hansjakob Leuenberger, 59, nie. «Nicht, weil ich etwas gegen die Jagd hätte», sagt der Tierarzt, während er die Herztöne von Hess’ Jagdhund abhört. Sondern weil er in seiner Freizeit nicht auch noch arbeiten möchte. «Hätte ich ein Tier im Visier, würde ich sofort seine Anatomie studieren.» Viel lieber gehe er deshalb mit seinem Freund Lorenz «Löru» Hess Töfffahren oder rede über Politik. «Wir leben in unterschiedlichen Welten, das macht unsere Freundschaft gerade aus.»

Die bürgerlich geprägte Studentenverbindung Helvetia hat Hess und Leuenberger zusammengebracht. Hess ist damals 20 Jahre alt und studiert an der Universität Bern Jura, der fünf Jahre ältere Leuenberger Veterinärmedizin. «Weil schon unsere Väter sich gekannt haben, kamen wir schnell ins Gespräch. Wir waren uns sympathisch», sagt Hess. «Und das nicht nur, weil wir in der Verbindung auch mal zusammen ein Bier getrunken haben», fügt Leuenberger schmunzelnd hinzu. Dass aus Hess ein Politiker geworden ist, überrascht Leuenberger nicht: «Er hat schon immer die besten Ansprachen gehalten. Er steht ohne Vorbereitung hin, und am Schluss sind alle begeistert.» Zudem staune er, wie Hess auf jeden eingehen könne - egal, ob Professor oder Handwerker. «Er findet immer den richtigen Ton.» Hess, der als selbstständiger PR-Berater arbeitet, erklärt dieses Talent mit einer Mischung aus Charakter und Training. Letzterem hat sich der Oberst im Militär unterzogen. «Dort habe ich gelernt, Leute zu motivieren und die Sachen einfach statt verakademisiert zu erklären.»

Trotzdem steigt Hess spät in die Politik ein. «Und auch erst, nachdem mich die SVP Stettlen fünf Jahre hartnäckig gefragt hat, ob ich mich engagieren wolle.» Mit 40 Jahren sagt der Vater von drei Töchtern zu und zieht für die Partei in seinem Heimatdorf in den Gemeinderat. «In der damaligen Berner SVP fühlte ich mich wohl.» Zwei Jahre später kandidiert er für den Grossrat und wird auf Anhieb gewählt. Zunehmend Mühe hat Hess mit dem Politstil der SVP-Parteizentrale in Zürich. Dann kommt der Dezember 2007, als Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat gewählt wird. «Dass die SVP danach die Bündner Sektion mit einem Rauswurf bestrafte, brachte das Fass zum Überlaufen.» Zusammen mit fünf Kollegen bereitet Hess innert weniger Monate die Gründung der Bürgerlich-Demokratischen Partei BDP vor. «Das war eine der intensivsten und schwierigsten Zeiten in meinem Leben.» Neben wüsten Drohungen muss Hess damit umgehen, dass Freundschaften zu Bruch gehen. «Manche Freunde gewichteten die Parteizugehörigkeit höher als die persönliche Beziehung, das tat weh.» Für den parteilosen Leuenberger ist Hess' Austritt aus der SVP verständlich. «So wie die Partei mit ihren eigenen Leuten umgesprungen ist, war das die einzig richtige Lösung.» Seinem Freund habe man die Belastung angemerkt. «Statt Löru mit Fragen zu löchern, ging ich mit ihm Töfffahren.» Hess besitzt eine Triumph-Maschine, Leuenberger ist Harley-Fan. Jährlich gehen die beiden auf Tour - meist in der Schweiz oder im nahen Ausland. «Besonders cool war aber unser Roadtrip durch Florida», sagt Leuenberger. «Übrigens, es gibt jetzt einen Elektrotöff – der fährt super!» Hess, dessen Partei mit der Energiewende punkten will, fragt nach: «Wie ist der Sound?» - «Wie bei einem Düsenjet!»

Als Wahlkampfleiter der BDP hat Hess keinen leichten Job. «Klar braucht es Kraft, in einer Partei zu sein, für die man fortwährend kämpfen muss.» Aber er könne damit gut umgehen. «Man hat uns schon vor der Geburt totgesagt. Trotzdem haben wir in Bern in vier Jahren unsere Sitze fast verdoppelt.» Darüber spreche kaum einer. Stattdessen mutmasse die Presse, wann und ob Eveline Widmer-Schlumpf zurücktrete. «Ich mag es gar nicht mehr lesen.» Zudem glaube er, dass sich die Magistratin schon längst entschieden habe. «Wie, das weiss aber auch ich nicht.» Leuenberger will die BDP mit seiner Stimme unterstützen, sagt aber: «Im Wahlkampf dürft ihr noch mehr Biss zeigen.» Hess antwortet im Jagdjargon: «Es gibt Situationen, in denen man sich anpirschen muss. Und andere, in denen es laut wird. Der richtige Moment ist das Geheimnis. »

Die BDP hat rund 7000 Mitglieder. 2011 beträgt ihr Wähleranteil 5,4 Prozent. Das Wahlkampfbudget liegt laut eigenen Angaben bei 600'000 Franken.

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