Wahlen 2015 Im Porträt: SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin

Dank den Kochkünsten von Marco Helbling konnte SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin überhaupt erst in Bern politisieren. Er verrät nun sein Rezept für den Wahlsieg.
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© Monika Flückiger

Beim Pilzsuchen entspannt sich Andy Tschümperlin: «Am liebsten habe ich Steinpilze.»

Mal dick, mal dünn, mal geviertelt. SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin, 53, schnibbelt die Karotten ohne sichtbares System. «Andy, diese Rüebli kann man nicht mal mehr für eine Bolognese gebrauchen!», sagt Marco Helbling, 40, und lacht. «Für den Gemüseeintopf, den du uns jeweils gekocht hast, reicht es allemal», kontert Tschümperlin. Vier Jahre hat Marco Helbling für die Familie des SP-Politikers eingekauft, gekocht und gesorgt. «Wir nannten ihn die Gouvernante», sagt Tschümperlin und fügt hinzu: «Ohne Marco hätte ich mein Amt als Nationalrat gar nicht ausüben können.» 2003 kandidiert der damalige SP-Kantonsrat das erste Mal für die grosse Kammer - jedoch nur, um seiner Partei im konservativen Kanton Schwyz einen Sitz zu sichern. «Nicht einmal meine Frau hat mich damals gewählt.» Die Taktik geht auf und Tschümperlins Parteikollegin Josy Gyr geht für die SP nach Bern. 2007 aber rückt Tschümperlin für die inzwischen verstorbene Politikerin nach.

Klar habe er sich gefreut auf das neue Amt: «Doch als Vater von vier Kindern zwischen 10 und 18 Jahren stand ich vor einem organisatorischen Problem.» Damals arbeitet Tschümperlin 50 Prozent als Leiter einer Integrationsschule für fremdsprachige Jugendliche, seine Frau als Heilpädagogin. Über Mittag war immer einer von ihnen zu Hause, um für die Familie zu kochen. «Weil das nicht mehr ging, kamen wir auf die Idee, Marco zu engagieren.»

Der damals 32-jährige Helbling sagt sofort zu. Wegen einer schweren Darmerkrankung hatte er seinen Job als Koch verloren, musste zwischenzeitlich IV beziehen. «Ich war am Boden. Die Tschümperlins haben mich wieder eingegliedert - in die Gesellschaft und in die Arbeitswelt.» Natürlich habe sich seine neue Anstellung im 2000-Seelen-Dorf Rickenbach SZ schnell herumgesprochen. «Die Leute schauten mir ins Einkaufskörbchen, um zu erfahren, was es bei den Tschümperlins zum Mittagessen gibt.» Dabei sei das nichts Spektakuläres gewesen, sondern bodenständige Hausmannskost wie Hörnli und Gehacktes. Schnell wird Helbling Teil der Familie. Er fährt die jüngste Tochter zum Zahnarzt, holt den älteren Sohn vom Ausgang ab, hört sich die Probleme der Kinder an und gibt Kontra, wenn sie frech werden. «Sogar Noten durfte ich unterschreiben!» Dass er damit fast schon eine Elternrolle einnahm, war für Tschümperlin nie ein Problem - im Gegenteil. «Auch für mich war Marco ein wichtiger Feedbacker.» So habe er ihm immer direkt und ungeschönt berichtet, was die Schwyzer von seiner Politik dachten. Etwa, wenn Tschümperlin im Nationalrat für die Rechte von Asylsuchenden kämpfte. «Er soll die Ausländer doch selber aufnehmen», hiess es im Dorf. Vor seiner Wiederwahl warnte ein Inserat im «Boten der Urschweiz» vor dem «Wolf im Schafspelz», der schleichend in die EU wolle. «In meinem Kanton war ich immer ein rotes Tuch.»

Seit Tschümperlin - selbst für ihn überraschend - 2012 statt der Zürcherin Jacqueline Fehr zum Fraktionspräsidenten der SP gewählt wurde, haben die Anfeindungen abgenommen. «Die haben begriffen, dass du ein guter Mann bist», sagt Hebling. Dass die Medien seinen ehemaligen Arbeitgeber als Coach betiteln, weil er die Fraktion angeblich wie ein Lehrer führt, sieht er als Kompliment: «Bei Andy könnten sich manche Politiker eine Scheibe abschneiden. Den Leuten zuhören und auf sie eingehen - wer macht das noch?» Für Helbing hat Tschümperlin vor allem eins: ein grosses Herz. Zudem sei er sehr weltoffen. «Aber manchmal auch etwas konservativ, gell», fügt dieser hinzu. So habe er mehrere Anläufe gebraucht, bis ihn der homosexuelle Helbling überzeugen konnte, dass die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare eine gute Sache sei.

Dass Tschümperlin sich für Minderheiten einsetzt, führt er auf seine Herkunft zurück. So ist seine Grossmutter aus der Romandie nach Schwyz gekommen. «Sie sprach mit Akzent, kleidete sich anders, war offener. Weil sie hier nie ganz akzeptiert wurde, fühlte sie sich immer als Fremde.» Das habe ihn geprägt. Genauso wie die Zeit als Reallehrer, in der er immer wieder mit Problemfällen konfrontiert wurde.
Soziale Gerechtigkeit in Form von tieferen Mieten, gleichen Löhnen für Mann und Frau und einer Erhöhung der AHV sind die Rezepte der SP für die kommenden Wahlen. Tschümperlin ist überzeugt, dass seine Partei mit dieser traditionell sozialdemokratischen Kost punkten wird. «Gerade die Frage der sicheren Renten bewegt die Leute sehr.»

Politisch sind er und Helbling meist gleicher Meinung - ausser beim Gotthardtunnel. «Wir brauchen die zweite Röhre - sonst kommt hier niemand mehr hoch», ruft Helbling aus. Inzwischen führt er zusammen mit seinem Partner das Restaurant im Feld in Gurtnellen UR, dem Dorf am Weg zum Gotthard. «Ein Gourmetrestaurant hier zu betreiben - und das noch als verheiratetes Männerpaar, ist etwa so schwierig, wie es Andy als linker Politiker im Kanton Schwyz hat.» Tschümperlin lacht und sagt: «Falls es mit meiner Wiederwahl im Herbst nicht klappen sollte, komme ich zu euch in die Lehre.»

Die SP hat rund 33'000 Mitglieer. 2001 erreicht die Partei 18,7 Prozent Wähleranteil. Das Wahlkampfbudget beläuft sich laut eigenen Angaben auf 1,4 Millionen Franken.

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