Schweizer Illustrierte Ein Held zum Anfassen

Das Tagebuch von Nik Niethammer, Chefredaktor
Ein Held zum Anfassen
Ein Held zum Anfassen

Viktor Röthlin Als ich am Sonntag vor einer Woche um 10 Uhr morgens den Fernseher einschaltete, kämpfte ich mit dem Schlaf. Ich war nur Stunden zuvor von einem Besuch bei Kinderarzt Dr. Beat Richner in Kambodscha in die Schweiz zurückgekehrt. Müde von der elfstündigen Reise, aufgewühlt vom Leid Tausender kranker Kinder, die nur dank Richner überleben, suchte ich Ablenkung und Entspannung bei der Übertragung des EM-Marathonlaufs in Barcelona.

Und dann, mit jedem der 30 000 Schritte, die Viktor Röthlin auf den 42,195 Kilometern zurücklegte, wurde ich wacher. Als unser Marathon-Held endlich als Erster auf die Zielgerade einbog, nach einer Schweizer Fahne griff und sie ausgelassen schwenkte, sprang ich vom Sessel auf. Was für ein grandioser Triumph!

Viktor Röthlin. Dieser Name steht für einen der grössten Erfolge im Schweizer Sport. Und für eine Geschichte, die alle Zutaten hat, um in Hollywood als Drama verfilmt zu werden. Mit Happy End. Beispielsweise unter dem Titel «Vom Himmel in die Hölle und wieder zurück».
Wenige Sportler haben solche Höhen und Tiefen erlebt wie der 35-Jährige. Vor zwei Jahren wird Röthlin Sechster im Olympiarennen in Peking, ist offiziell der schnellste weisse Mensch der Welt. Zuvor holte er 2006 EM-Marathon-Silber und 2007 WM-Bronze. Im Frühjahr 2009 erleidet der Obwaldner in Kenia zwei Lungenembolien, überlebt nur knapp. Danach gefährdet eine Fersenoperation seine Karriere. Konditionell ist er damals auf dem Nullpunkt, hat selbst gegen Hobbysportler keine Chance. Röthlin bleibt ruhig - und hofft auf ein letztes Rennen. Seine Frau Renate erinnert sich: «Er war damals so wie immer, nur sein Lachen war nicht mehr ganz so laut. Das kehrte erst zurück, als er zum ersten Mal wieder richtig rennen konnte.»

Auch unser Reporter Alejandro Velert hat die Höhen und Tiefen des Ausnahmesportlers hautnah miterlebt: Er begleitete Röthlin ins Trainingslager nach Kenia, war eingeladen zur Hochzeit in Celerina, besuchte ihn nach seiner schweren Krankheit zu Hause und beobachtete sein EM-Trainingslager auf dem Bernina-Pass.

Als Velert vergangenen Dienstag Röthlin anrief und fragte, ob er mit Fotograf Marcel Nöcker ihn und seine Frau in die Ferien begleiten dürfte, sagte dieser spontan zu. «Ihr habt immer an mich geglaubt und so viel für mich getan. Ihr seid herzlich willkommen.»

Viktor Röthlins Liebesferien in Norwegen - ab Seite 16.

Ich wünsche Ihnen viel Lesevergnügen mit Ihrer Schweizer Illustrierten!

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