Jasmin Rechsteiner Eine Miss mit Mission

Die neu gekürte Miss Handicap! Ihr Leiden ist eine stark verkrümmte Wirbelsäule. Jasmin Rechsteiner sagt, wie sie im Alltag ohne Rückhalt ihrer Mutter zurechtkommt und wie Männer auf sie reagieren.

Die frisch gekürte Miss Handicap will nicht wie eine Behinderte behandelt werden. Jasmin Rechsteiner ärgert sich, wenn ihr beim Einkaufen jemand die Lebensmittel aus dem Korb aufs Kassenband legt. «Ich kann das selber.» Oder wenn ein Coiffeur sie abweist, weil sie ihren Kopf beim Haarewaschen nicht nach hinten lehnen kann. Oder wenn sie beim Gurtenfestival zu hören bekommt: «Cool, ist jemand wie du auch da.» Dann antwortet sie: «Cool, dass auch jemand wie du da ist.»

Miss Handicap ist sie seit vorletztem Samstag. Die Wahl fand im Berner Kursaal statt. Jasmin setzte sich gegen 11 Kandidatinnen durch. «Nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet ich gewinnen würde.»

Seit ihrer Geburt leidet die 29-Jährige an Kyphoskoliose, einer unheilbaren Mehrfachverkrümmung der Wirbelsäule. Auf dem rechten Ohr ist Jasmin taub – die Folge einer Hirnhautentzündung, die sie während eines Spitalaufenthalts bekam. «Die Ärzte sagten, ich könne mich glücklich schätzen, mein Gehör nicht ganz verloren zu haben.» Wie oft sie im Operationssaal lag, hat sie nicht gezählt. Mit 16 Jahren verbringt sie rund ein Jahr im Spital und bekommt in vier Monaten elf Vollnarkosen. Ohne Operationen hätten ihr die Ärzte damals maximal fünf Jahre gegeben. «Sie befürchteten, ich könnte ersticken.» Heute verfügt Jasmin über ein Drittel des normalen Lungenvolumens, Stäbe fixieren ihren Rücken. Mit drei Tabletten pro Tag hält sie ihre Schmerzen aus. «Es gab Zeiten, in denen brauchte ich zwanzig.» Nachts tankt sie an einem Beatmungsgerät Sauerstoff für den Tag. Weil ihr die winterliche Kälte das Atmen zusätzlich erschwert, trägt sie immer ein Wärmekissen mit sich, das sie sich bei Bedarf auf den Brustkorb legt.

Es sind kleine Tricks, mit denen Jasmin Rechsteiner ihren Alltag meistert. Das Staubsaugen ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung etwa überlässt sie der Spitex. Oder sie lädt eine Freundin zum Essen ein, die ihr beim Wechseln der Bettwäsche hilft. Die oberen Küchenschränke erreicht die 131 Zentimeter grosse Jasmin normalerweise auf einem Schemel. Im Moment ist er jedoch kaputt. «Ich habe ihn mit meinem Elektrorollstuhl überfahren.»

An drei Tagen fährt sie mit ihrem Auto oder dem Rollstuhl in die Stiftung Rossfeld in Bern. In diesem Schulungsund Wohnheim für Menschen mit Behinderung hat Jasmin ihre KV-Lehre abgeschlossen. Mit eidgenössischem Diplom. Ihren Schulabschluss hat sie an einer öffentlichen Schule gemacht. Heute ist sie an zwei vollen und einem halben Tag für die Buchhaltung zuständig.

Einmal wöchentlich geht sie ins Elektrorollstuhl-Unihockey-Training. Bei ihrer Mannschaft The Rolling Thunder wird aus Jasmin die Stürmerin «Jazzy». «Eine torgefährliche Frau», urteilt ihr Mannschaftskollege Marco «Whity» Wyss. Beide spielen in der Nationalmannschaft und möchten im nächsten Mai zum vierten Mal in Folge den Swisscup gewinnen.

An der Miss-Handicap-Wahl fieberte Tetraplegiker Marco für Jasmin mit. Aber nur als guter Freund: Jasmin ist Single. Ihre erste Liebe leidet an multipler Sklerose. Liiert war sie auch schon mit gesunden Männern. Einmal hatte sie einen Freund, der 50 Zentimeter grösser war als sie. Einige Leute aus ihrem Umfeld fragten sich, ob die beiden bei diesem Grössenunterschied überhaupt Sex haben können.

«Ich bin nicht sehr beweglich, ansonsten aber kaum eingeschränkt.» In einer weiteren Beziehung kommt die Mutter ihres Freundes mit Jasmins Behinderung nicht zurecht. «Sie drohte, sich umzubringen, wenn er mit mir zusammenbleibt.» Jasmin findet das «voll schräg». Nah geht es ihr nicht, dafür dauerte die Beziehung zu wenig lang. Für die Zukunft wünscht sie sich eine eigene Familie. Ob sich ihr Kinderwunsch erfüllen lässt, wollen die Ärzte beurteilen, wenn die Familienplanung konkret wird. «Sie warnten mich aber schon davor, dass ich wegen meines Lungenvolumens und zu wenig Platz im Oberkörper wahrscheinlich nicht neun Monate lang schwanger sein kann.»

Jasmin ist Einzelkind und kennt ihren Vater nicht. Sie wächst mit der Mutter im Kanton Thurgau auf. Das Verhältnis ist getrübt. Einmal herrscht zwischen den beiden Frauen zwei Jahre Funkstille. Jasmins Mutter hat Mühe, die Behinderung ihrer Tochter zu akzeptieren. An der Wahl drückt sie ihr dennoch vor Ort die Daumen. Doch zu viel Nähe verträgt Jasmin nicht. «Die Auseinandersetzung mit ihr tut mir nicht gut.»

Bei Miss Handicap macht Jasmin mit, weil sie sich für Menschen mit Behinderung einsetzen möchte. Sie bewarb sich schon im Vorjahr – schaffte es aber nicht unter die Finalistinnen. Dieses Jahr riet ihr die Initiantin, es nochmals zu versuchen. Vor der Wahlnacht muss sie elf Läden abklappern, um passende Schuhe für ihr Abendkleid zu finden. Sie trägt Schuhgrösse 36/37 und muss sich beim Orthopäden am linken Schuh eine Plateau-Sohle anfertigen lassen. Mit ihrem Gewicht von 32 Kilo passen Jasmin Kleider aus der Kinderabteilung. «Kinderabteilung? Dort würde ich nie einkaufen.»

Am Montag nach der Wahl darf sie sich ein Saison-Outfit von «Vero Moda» aussuchen. Als Miss Handicap kann sie sich für ein Projekt engagieren, das ihr persönlich am Herzen liegt. Mit ihrem Diplom als Visagistin möchte Jasmin Kinder im Spital besuchen, sie schminken und frisieren. «Ich weiss, wie grau und trist es dort sein kann.» Vor bald drei Jahren wurde Jasmin letztmals mit einer Bronchitis eingeliefert – noch nie hat sie es so lange ohne Spitalaufenthalt geschafft.

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