Jimmy Choo for H&M «Es geht um dieses Glitzern in den Augen»

Was Ann-Sofie Johansson in Stockholm entwirft, trägt die ganze Welt. Die Design-Chefin von H & M entscheidet, ob wir fette Schulterpolster anziehen und die Jeans zur Röhre werden. Ein Frauengespräch über Männer, Mode, wilde Partys in Luzern.
Grosser Auftritt im Maybach. Privat ist Sabina Schneebeli lieber an der frischen Luft. "Ich liebe es, im Wald zu joggen. Es befreit den Kopf und beflügelt."
Grosser Auftritt im Maybach. Privat ist Sabina Schneebeli lieber an der frischen Luft. "Ich liebe es, im Wald zu joggen. Es befreit den Kopf und beflügelt."

Zuerst ist da ihre Stimme. Tief und rau und ein bisschen heiser. Eine Mischung aus
Zarah Leander und Janis Joplin, aus edel und abgerockt. Dann folgt dieses Lachen. Klingt selbstbewusst frech, so wie man nach einem schmutzigen Witz los­gluckst. Der Händedruck ­energisch, der Schritt auch.

Feine silberne Strähnen durchziehen das lange braune Haar von Ann-Sofie Johansson. Sie trägt eine H & M-Jeans, eine H & M-Blümchen-Bluse, natürlich. Die Füsse mit den neonpinken
Zehennägeln stecken in teuren Miu-Miu-Holzsandalen. Sie angelt sich ein Lakritz-Stäbchen, schiebt es schnell in den Mund.

Frau Johansson, was ist für Sie der Schlüssel zum Glück?
Man muss mit sich im Reinen sein. Seinen Beruf mögen, die tägliche Arbeit, sein Privatleben. Uff – meine Güte, das ist eine sehr lange Antwort!?

Nicht wirklich, ich bin gespannt auf Details, gerne aus Ihrem Privatleben.
Ich wohne im Süden von Stockholm, in Södermalm. Wenn ich aus meinem Appartement auf der einen Seite nach draussen schaue, sehe ich einen kleinen Park mit vielen Sitzbänken und mächtigen alten Bäumen. Auf der anderen Seite blicke ich direkt in die Wohnung meiner Nachbarn …

… aha, Sie haben Heimkino …
… in diesem Zuhause fühle ich mich glücklich. Abends nehme ich oft mein Skizzenbuch, lasse den Blick schweifen und zeichne. Mal Ideen für ein Accessoire, mal eine Jacke. Ich laufe, wann immer es geht, vom Büro nach Hause. In dieser halben Stunde beobachte ich die Fussgänger. Oft inspiriert mich ihr Style. Meist am Freitag schreibe ich Tagebuch. Mein Leben ist so schnell, ich reise sehr viel. Notizen helfen, die Gedanken zu ordnen, Bodenhaftung zu behalten.

Und dann ist da noch der Mann, der sie erdet. Johansson sagt gerne «mein Mann», obwohl sie nicht verheiratet ist. Seit elf Jahren seien sie ein Paar und alles andere klinge in ihren Ohren lächerlich: Freund? Lebenspartner? Liebhaber? Sie knirscht, er solle sie – ganz romantisch – endlich mal fragen, ob sie seine Frau werden will.

Was ziehen wir im Winter 2009 an?
Es leben die 80er-Jahre! Es wird diese wirklich monströsen Schulterpolster geben. Sehr, sehr schmale Hosen. Lederjacken, Glitzer, Jeans, Jeans, Jeans! Ich nenne das Madonna-Style. Aber auch Bleistiftröcke und Pumps, Strick mit grossen Mustern wie Blätter, Tiere, Blumen.

Entwerfen Sie denn überhaupt noch selbst?
Nein, sehr selten. Mein Alltagsgeschäft sind Sitzungen mit den Ressortleitern der Damen-Linie, der Herren-Linie, der Kinder-Linie über Schnitte, Muster, Farben. Wir bestimmen die Trends und was wann wo und wie in die Läden kommt. Über hundert Designer entwerfen dann die Kollektionen. Ich habe eine Managementaufgabe, weniger eine künstlerische.

Seit einiger Zeit entwerfen Stars wie Madonna, Lagerfeld, Viktor & Rolf oder jetzt Jimmy Choo für H & M.
Genau. Meine Vorgängerin Margaretha van den Bosch kümmert sich als Beraterin um diese Kooperationen mit den Gast-Designern. Mit Jimmy Choo gibt es zum ersten Mal sogar eine Accessoire-Linie.

Die Weltzentrale von H & M liegt unscheinbar in der Fussgängerzone von Stockholm. Ein grauer Kasten, sechs Stockwerke hoch, Raum­temperatur wie im Kühlschrank. Das gläserne Büro von Ann-Sofie Johansson im fünften Stock ist gerade mal vier Quadratmeter gross. Zwischen einem Dutzend Paar gelben Ballerinas, High Heels, Turnschuhen, Modebildern aus Zeitschriften, eigenen Skizzen, Farbtafeln und Stoffmustern behauptet sich ein kleines Pult mit Telefon. Hinter ihrem Stuhl hängt eine goldene Paillettenjacke.

Wie kreieren Sie einen Trend?
Ich hole meine Ideen von überall her. Im Kinofilm «I’m Not There» war der Bob-Dylan-Darsteller Heath Ledger von Kopf bis Fuss in Jeans gekleidet: Jeanshose, Jeanshemd, Jeansjacke. Ich dachte: Mein Gott, sieht das cool aus! Warum läuft heute keiner mehr
so rum?! Danach habe ich die Jeans-Kollektion entworfen.

Das klingt ja fast romantisch.
Nein. Mode machen ist harte Arbeit. Wir denken immer mindestens zwei Jahre voraus. Jetzt sind wir schon an der Kollektion 2010/2011. Wir gehen in Ausstellungen, Theater, Vorlesungen. Analysieren das Leben in Metropolen wie Tokio, New York, Paris. Sitzen
in Seminaren von Zukunftsforschern. Wenn ich in London bin, bestelle ich mir oft im Teehaus eine Tasse Earl Grey und beobachte die Menschen. Die goldene Paillettenjacke, die in meinem Büro hängt, habe ich gerade in einem Secondhand-Laden in Soho gekauft.

Ist das ein Rezept für guten Stil: eine Kombination aus Mode für die Masse, also H & M, und raren Einzelteilen?
Ja, finde ich. Ich trage kein Make-up, keinen Lidschatten, keine Mascara. Habe aber einen Akzent mit neon-pinken Zehennägeln gesetzt. Ich liebe mächtige Silberringe. Die hat ein Freund von mir geschmiedet. Für mich bedeutet individuell sein, mit bestimmten Modestücken eine Geschichte zu verbinden.

Wie wichtig ist Sexiness?
Diese Miniröcke, kaum breiter als ein Gürtel, sind wirklich …

Peinlich?
Na ja … Sexy sein ist innere Stärke, Selbstbewusstsein, Körpergefühl. Dafür muss ich nicht halbnackt mit Gladiatorsandalen rumlaufen. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich nur Hosen anziehe. Kurz gesagt geht es am Ende nur um eins.

Nämlich?
Um dieses Glitzern in den Augen! Mode soll Spass machen. Frag dich: Wer bin ich? Worauf hab ich Lust? Und zieh dich genau so an. Alles andere ist egal.

Die Herbst/Winter-Kollektion 2009 ist im nigelnagelneuen Showroom ausgestellt. Schwarze Wände, schwarzer Fussboden, sanftes Licht. Auf der anderen Seite der Panoramafenster: eine Filiale der Modekette Zara. Sie gehört zur spanischen Indidex-Gruppe, dem grössten Modekonzern der Welt und dem schärfsten Konkurrenten der Schweden. H & M hat 73 000 Mitarbeitende in 34 Ländern. Das Wachstumsziel ist aggressiv: 10 bis 15 Prozent neue Läden pro Jahr. Für 2009 sollen das 225 sein.

Sie haben als Verkäuferin bei H & M angefangen. Dabei wollten Sie eigentlich Künstlerin werden.
Ich habe schon als Kind viel gezeichnet. Aber auch die Mode war früh in meinem Leben. Meine Mutter, eine Schneiderin, hat für sich alles selbst genäht, für mich eine Miniausgabe ihrer Kleider. Trotzdem wollte ich unbedingt Kunst studieren. Nach dem Abitur bin ich per Interrail durch Europa gereist. Auch in die Schweiz! Ich habe eine Freundin in Luzern besucht. Leider kann ich mich an die Stadt kaum erinnern. Zu viel Party! Doch, halt – einmal sind wir nach Bern getrampt. In irgendeinem Vorort war auch ein Fest. So viel zu meinen Schweiz-Kenntnissen!

Aus Luzern über London nach Lund?
Genau, ich ging als Au-pair-Mädchen nach London. Habe aber meine Schweizer Partykarriere nahtlos fortgesetzt. Ein Jahr später, beim Kunststudium in Lund, merkte ich schnell, dass meine Begabung nicht reicht, um eine grosse Künstlerin zu sein. Also brach ich ab, jobbte bei H & M und besuchte Abendkurse in Modedesign.

Es heisst, Sie hätten Ihrer Vorgängerin vor über zwanzig Jahren einen persönlichen Brief geschrieben. Am nächsten Tag konnten Sie anfangen. Stimmt das?
Ich wollte Margaretha van den Bosch unbedingt meine Zeichnungen und Entwürfe zeigen. Ich weiss noch, dass ich zum Vorstellungsgespräch eine Jeans, ein weisses T-Shirt und eine alte Smokingjacke anhatte. Sie mochte meine Arbeit sofort. Zu der Zeit gab es freitags noch selbst gebackenen Kuchen und Kaffee. In den 80er-Jahren waren wir 15 Leute in der Design-Abteilung. Heute sind wir 100. Immer noch locker, aber nicht mehr so familiär.

«Wir wollen die Besten sein!», haben Sie als Firmenziel bestimmt.
Ja, schon, aber am wichtigsten ist: Hier und jetzt zu leben! Sich um Freunde und die Familie zu kümmern.

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