Antibiotika-Resistenz Geschwächte Bakterienkiller

Immer mehr Bakterien sind resistent gegen herkömmliche Medikamente. Ist die Antibiotika-Resistenz eine ernsthafte Gefahr für unsere Gesundheit? Oder gelingt es der Forschung, neue Waffen gegen multiresistente Erreger zu entwickeln?
Check-up: Bakterienkiller

Fünf vor zwölf oder bereits fünf nach zwölf? Die Meldungen sind beunruhigend. Die Bakterienkiller der vergangenen Jahrzehnte verlieren ihre Wirkung. Blutvergiftungen – oft das finale Stadium einer Infektion –, die durch Bakterien verursacht werden, sollen sich innerhalb weniger Jahre verfünffacht haben. Sind die Keime einer einfachen Blasenentzündung zum Beispiel resistent gegen Antibiotika, droht eine Nierenbeckenentzündung. Ohne Eliminierung der Keime, verteilen sich diese im ganzen Körper. Mögliches Szenario: multiples Organversagen, die Patientin stirbt. Eine Studie der Washington University School of Medicine in St. Louis zeigt, dass der Einsatz von Antibiotika in den ersten Lebensjahren Darmbakterien von Kindern resistent gegenüber 14 von 18 Antibiotika macht. Darunter fanden die Forscher auch Resistenzen gegen Antibiotika, die die Kinder noch nie erhalten hatten.

Für Schlagzeilen sorgt vor allem der Erreger MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), ein multiresistenter Keim, der in Spitälern grosse Probleme verursacht. Eine laufende Studie der Kinderkliniken der Schweiz kommt zum Schluss, dass etwa die Hälfte aller Blutvergiftungen bei Kindern durch Spitalbakterien ausgelöst wird. Eine Sepsis ist eine schwere bakterielle Infektion, die unbehandelt rasch einen dramatischen Krankheitsverlauf nehmen kann. Besonders gefährdet sind Frühgeborene, Kinder mit einer Krebstherapie und hospitalisierte Kinder auf einer Intensivstation.

Nicht ganz so dramatisch sieht Prof. Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern, die Folgen der Resistenz. «Es gibt nichts Natürlicheres als Antibiotika, sie sind der Regelkreis zwischen den verschiedenen Organismen», erklärt er. Der Mensch entdeckte sie in der Natur. Der bekannteste Antibiotika-Produzent ist der Schimmelpilz Penicillium chrysogenum. Sein Produkt, Penicillin, ist heute ein Synonym für Antibiotika. Die Gründe für die zunehmende Resistenz sieht Stadler in der falschen Anwendung. «Vor Jahren wurden zu viele Antibiotika eingesetzt, wo es gar keine gebraucht hätte. Aber das ist vorbei. Heute haben wir eher das Problem, dass junge Ärzte keine Antibiotika einsetzen. Sie sind derart sensibilisiert, dass sie die Verabreichung gar nicht mehr wagen.» Der Patient hängt ebenfalls noch dem Mythos nach, dass Antibiotika des Teufels seien. Verlangt eine Infektion ein Antibiotikum, stoppt er die Einnahme nach zwei oder drei Tagen. So entstehen Resistenzen.

Kürzlich hat eine Expertengruppe dem Antibiotika-Einsatz am Beispiel Halsschmerzen den Kampf angesagt. In der Schweiz werden für mehrere Millionen Franken jährlich Halsschmerzmittel gekauft. Die Präparate mit einer geringen Dosis eines Antibiotikums stehen an zweiter Stelle. 80 Prozent der Halsschmerzen sind viral bedingt und benötigen kein Antibiotikum. NEXT (Neue Expertenstrategie zur Therapie von Halsschmerzen) hat eine Methode entwickelt, anhand deren Apotheker oder Ärzte rasch entscheiden können, ob ein viraler oder bakterieller Infekt vorliegt. Der Centor-Score ist keine Diagnose, er gibt lediglich die Wahrscheinlichkeit eines durch Bakterien verursachten Infektes an.

Fehler werden auch in der Landwirtschaft gemacht, nicht von Veterinär-Medizinern, aber von den Landwirten selber. «Der Bio-Bauer tut es im Geheimen, weil er sonst den Bio-Stempel verliert, und anderen Bauern rentiert es nicht, jedes Mal einen Veterinär zu holen. Sie zwingen Tierärzte, grosse Packungen abzugeben, und setzen nicht selten Antibiotika unkontrolliert, zu kurz, zu niedrig dosiert ein», gibt Stadler zu bedenken. Werden solche Tiere zu einem falschen Zeitpunkt, das heisst zu früh geschlachtet, kommen Antibiotika in den menschlichen Kreislauf. Aber auch hier gilt: Wenn strikt die richtigen Antibiotika verschrieben und korrekt angewendet werden, ist das für den Menschen keine Bedrohung. Dazu Prof. Stadler: «Resistenzen sind harmlos, solange kein Antibiotikum gebraucht wird.» Im Darmtrakt können wir Milliarden von resistenten Keimen haben. Erst wenn wir krank werden, die Immunbarriere überwunden ist und Antibiotika verabreicht werden, kommt die Resistenz zum Vorschein.

Für die Medizin ist die Resistenz ein Problem. Trotz dem Bedarf nach neuen Antibiotika kamen in den letzten drei Jahrzehnten gerade mal zwei neue Antibiotikaklassen auf den Markt. Jetzt wird die Forschung massiv verstärkt. «Im Moment gibt es auch in der Schweiz Forschergruppen, die neue Arten von Antibiotika entwickeln, bei denen bis heute praktisch keine Resistenzen festgestellt wurden. Das sind archaische Moleküle, die in allen Zellen vorkommen», erklärt Prof. Stadler. Auch Roche arbeitet im Kampf gegen multiresistente Bakterien mit dem kleinen Unternehmen Polyphor zusammen. Der neue Wirkmechanismus zeigt in klinischen Studien vielversprechendes Potenzial. Am Institut für Pflanzenbiologie an der Universität Zürich untersuchen Forscher einen andern Ansatz gegen resistente Erreger. Anstatt gefährliche Bakterien zu töten, sollen sie gezähmt werden. Und Forscher der beiden Hochschulen EPF in Lausanne und ETH in Zürich haben Pyridomycin, ein altes Antibiotikum, wiederentdeckt, das gegen resistente Tuberkulose-Stämme eingesetzt werden kann. Noch scheint das Rennen gegen die Zeit erfolgreich zu sein.

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