Neue Studien Bewegung wirkt ebenso gut wie ein Medikament

Schon die alten Römer wussten: «Mens sana in corpore sano» – in einem gesunden Körper steckt auch ein GESUNDER GEIST. Doch erst seit Kurzem werden die psychischen Wirkungen von körperlicher Aktivität wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse sind aufschlussreich.
So bleiben Sie gesund Wer sich täglich bewegt, stärkt Körper – und Geist.
© Getty Images So bleiben Sie gesund Wer sich täglich bewegt, stärkt Körper – und Geist.

Bewegung ist gesund. Zu wenig Bewegung macht krank. Mittlerweile weiss das jedes Kind und jeder Senior. Deshalb gibt es den Bewegungskindergarten und das Altersturnen. Bewegung und Sport schützen Herz und Kreislauf, beugen Übergewicht und Diabetes vor, stärken Muskeln und Knochen. Dieser Nutzen ist allseits anerkannt. Doch Bewegung kann noch viel mehr, vor allem im Hinblick auf die Psyche. Diese Wirkung wurde lange unterschätzt, und das in einer Zeit, in der quer durch alle Bevölkerungsschichten bis zu einem Drittel der Menschen im Laufe ihres Lebens eine Depression erleiden oder in ein Burnout fallen.

Bewegung ist auch ein hochwirksames Antidepressivum, das gleich gut wirkt wie die bekannten antidepressiv wirkenden Medikamente. Das belegt eine neue Studie bei hundert Patienten mit koronarer Herzkrankheit und Anzeichen einer Depression. Die Patienten wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe absolvierte vier Monate lang ein Bewegungstraining bestehend aus drei Einheiten pro Woche. Die Patienten der zweiten Gruppe wurden im gleichen Zeitraum mit einem bekannten Antidepressivum behandelt. Und die dritte Gruppe erhielt ein Placebo.

Nach Abschluss der Untersuchung war in allen drei Gruppen eine Verbesserung der Depressions-Symptome zu erkennen, allerdings in unterschiedlichem Ausmass. Am deutlichsten war die Verbesserung in der Gruppe, die ein Bewegungstraining absolvierte, sowie bei den Patienten, die mit einem Antidepressivum behandelt wurden. Interessant dabei: Der Unterschied zwischen der Trainings- und Medikamentengruppe war nicht signifikant. Im Klartext: Das Bewegungstraining wirkte gleich gut wie das etablierte Antidepressivum. Am schwächsten war der Fortschritt in der Placebo-Gruppe.

Es ist bekannt, dass Menschen mit Depressionen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten haben. Umgekehrt sind Depressionen bei Patienten mit Herzleiden häufiger als bei Herzgesunden. Deshalb sollte man alle Herzpatienten gezielt auf Symptome einer Depression untersuchen und Bewegung und Sport im eigentlichen Sinne verordnen, am besten mit Rezept, wie man das bei der Verordnung eines Medikamentes auch macht. Nach dieser neusten Studie ist regelmässige, wohldosierte Bewegung bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit das Mittel der ersten Wahl gegen Depressionen.

Neu ist die Idee, dass Bewegung und Sport gegen psychische Probleme helfen, nicht. Bereits bei den alten Griechen wurden Menschen mit Melancholie angehalten, sich mehr zu bewegen. Doch erst seit Kurzem werden die psychischen Wirkungen von körperlicher Aktivität wissenschaftlich untersucht. Sehr aufschlussreich ist eine Studie der Duke University in North Carolina (USA). 55 depressive Patienten mussten eine Viertelstunde auf einem Laufband laufen – so schnell sie konnten. Vor und nach dem Versuch wurde mit einem standardisierten Fragebogen die Stimmungslage erfasst. Das erstaunliche Resultat: Die Depressions-Symptome reduzierten sich um 80 Prozent. Unabhängig vom Schweregrad der Depression fühlten sich fast alle Studienteilnehmer nach der Laufeinheit deutlich besser und energiegeladener als zuvor. In anderen Studien liess sich auch die langfristige Wirkung von Sport – vor allem Ausdauertraining – auf Depressionen nachweisen, und zwar in einem Ausmass, das der stimmungsaufhellenden Wirkung von klassischen Antidepressiva ebenbürtig ist.

In Sachen Rückfallquote schnitt Sport sogar besser ab. Je mehr Sport, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Depression zurückkehrt. Dasselbe gilt für Angststörungen, die in neuster Zeit ein fast epidemisches Ausmass angenommen haben.

Sport ist auch ein sehr effizientes Mittel bei der Prävention und Behandlung eines Burnout. Wichtig: Sport soll Freude bereitet und nicht schon wieder dem Leistungsdenken untergeordnet werden. Das erkennen immer mehr Unternehmen und sogar staatliche Institutionen.

Nur ein Beispiel unter Hunderten: Die Stadt Zürich rät ihren Lehrerinnen und Lehrern in ihrer offiziellen Broschüre zu Sport als wichtigem Mittel zur Prävention eines Burnout in der Schule.

Die Positivliste lässt sich beliebig verlängern. Auch die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft empfiehlt den Betroffenen Sport und Bewegung. «Verschiedene Studien belegen, dass regelmässige sportliche Aktivität bei MS-Betroffenen nicht nur die körperlichen, kognitiven und psychischen Funktionen stärkt, sondern auch die sozialen Kontakte positiv beeinflusst und die Lebensqualität steigert.»

Durch Bewegung der Muskulatur werden Botenstoffe aus der Familie der Zytokine freigesetzt. Zytokine steuern unter anderem das Immunsystem. Einige dieser Botenstoffe wirken entzündungshemmend, andere entzündungsfördernd.

Das Gleichgewicht zwischen den unterschiedlich wirkenden Zytokinen ist sehr wichtig. Es lässt sich durch regelmässige Bewegung regulieren: Die entzündungshemmenden Faktoren des Immunsystems werden angeregt, was bei MS-Betroffenen sogar den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann. Ausserdem wird die Durchblutung des Gehirns gesteigert. Weitere Botenstoffe, die für die Neubildung, Reparatur und Regeneration von Nervenzellen verantwortlich sind, werden freigesetzt.

Die Folgen davon sind eine erhöhte Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, eine gesteigerte Aufmerksamkeit, ein besseres Gedächtnis und eine bessere Grundstimmung. Spezifisch bewirkt Sport bei MS, dass die körperliche Fitness länger erhalten bleibt oder gesteigert wird. Der Umgang mit Symptomen gestaltet sich einfacher, und Körperfunktionen bleiben länger intakt. Sport stärkt das emotionale und soziale Wohlbefinden.

«Wir bleiben in Bewegung» lautet das Motto der Schweizerischen Parkinsonvereinigung. Regelmässige, tägliche oder besser mehrmalige tägliche Bewegung gehört zu den wichtigsten Massnahmen bei der Parkinsonkrankheit. Sie verbessert die Mobilität, verhindert Kontrakturen, beugt Thrombosen vor und wirkt wiederum gegen Depressionen, die sich bei von Parkinson Betroffenen früher oder später einstellen.

CHECK
Das müssen Sie wissen

  • Zu diesen Ergebnissen kamen neue Studien
  • Die Symptome einer Depression reduzierten sich um 80 Prozent nach 15 Minuten auf dem Laufband.
  • Je mehr Sport, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Depressionen oder Angststörungen zurückkehren.
  • Sport kann bei von MS-Betroffenen den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen.
  • Tägliche Bewegung ist auch bei Parkinson eine der wichtigsten Massnahmen.
Auch interessant