Bindegewebe Faszinierende Faszien – gigantisches Netzwerk

Das Thema Faszien boomt, seit Forscher entdeckt haben, dass das Bindegewebe nicht nur eine stützende Struktur ist, die unseren ganzen Körper durchzieht. Verlieren die Faszien wegen Verletzungen, Bewegungsmangel, Fehlhaltung oder Überlastung an Elastizität, drohen Schmerzen oder sogar Krankheiten.
Bindegewebe
© DK-Images

Selbstmassage. In der Fitnessbranche gibts zurzeit viele Bücher und Ratgeber über die Eigenbehandlung der Faszien mit Rollen.

  

Ständig Rückenschmerzen, Spannungen im Nacken, Schmerzen in den Schultern, Probleme mit der Achillessehne – Forscher haben einen neuen Übeltäter für Schmerzen am Bewegungsapparat gefunden: die Faszien. Das Bindegewebe umhüllt den gesamten Körper, es hält uns zusammen und gibt uns inneren und äusseren Halt. Organe können entfernt werden, trotzdem behält der Körper seine Form. Beraubte man uns des Bindegewebes, wir würden zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Faszien umhüllen jede einzelne Muskelzelle, jedes Organ, jedes Gelenk. Wir finden Faszien im Darm, Herz, in den Augen, im Gehirn. Sogar die Nerven sind von Faszien umhüllt. Das Bindegewebe ist ein gigantisches Netzwerk, das unseren Körper feinmaschig durchzieht und schmiert. Wir können es vergleichen mit der weisslichen zähen Haut, die das rohe Steak umhüllt, bevor der Metzger sie entfernt.

Durch Verletzungen, Bewegungsmangel oder Überlastung, Fehlhaltung oder Unfall und lang anhaltende Stresszustände verlieren Faszien ihre Elastizität. Sie verkleben, verhärten und verursachen dadurch Schmerzen. Gerade die starke dreischichtige Lendenfaszie soll Ursache für viele ungeklärte Rückenschmerzen sein. Mit einem speziellen Ultraschall stützten US-Forscher diese Theorie: Bei der Untersuchung von Rückenpatienten konnten sie eine verringerte Gleitfähigkeit der Lendenfaszie feststellen. Dass Faszien bei gewissen Krankheiten eine wichtige Rolle spielen, ist ein relativ neuer Ansatz – die genauen Zusammenhänge sind ebenfalls noch nicht vollständig bekannt. Eines aber ist klar: Wer seine Faszien elastisch erhält, schützt sich gegen vielfältige Beschwerden. Bekannt ist auch, dass das Bindegewebe nicht nur eine stützende Struktur ist, sondern ein dynamisches Netzwerk, das den ganzen Körper beeinflusst. Nicht zuletzt ist dieses Netzwerk das grösste Sinnesorgan des Körpers, denn es umfasst eine grosse Anzahl an Nerven und unterschiedlichen Mechanorezeptoren.

Aber was kann man tun, um Verspannungen und Schmerzen, verursacht durch Verklebungen des Bindegewebes, zu heilen? Wie Faszien trainiert werden können, ist heute gut erforscht. Spezielle Dehnübungen, Bewegungsmethoden wie Pilates, Tai-Chi und Qigong, aber auch Yoga erhöhen die Elastizität des Bindegewebes. Therapeutisch wirken manuelle Methoden, etwa spezielle Handgriffe, wie sie Osteopathen anwenden, um Spannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern. Durch die Mobilisation der Faszien können wir die Funktion der Muskeln und Organe nachhaltig positiv beeinflussen. Auch Rolfing, eine Kombination von tiefer Bindegewebsmassage und Haltungstraining, oder klassische Bindegewebsmassagen allein können helfen, Verklebungen der Faszien zu lösen. Bei der Triggerpunkt-Therapie versuchen Therapeuten die Verhärtungen durch kräftigen Druck aufzulösen. Und last, but not least: Auch Akupunktur vermag das Gewebe zu dehnen. Helene Langevin, Professorin für Neurologie an der Harvard Medical School in Boston, konnte mittels Ultraschall zeigen, dass durch die Nadeln, die im Gewebe gedreht werden, die Fibroblasten sich dehnen wie bei einer Yoga-Streckung.

Furore machen schon seit einiger Zeit Rollen zur Selbstmassage. Fast jede Woche erscheint ein neuer Ratgeber mit nützlichen Tipps zum Lösen von Faszien-Verspannungen durch die Rolle. «Der myofasziale Release nach sportlichen Aktivitäten ist heutzutage in fast allen Sportbereichen, bei Physiotherapeuten, in der Gesundheitsund Fitnessbranche bekannt. Der Ausdruck bedeutet Lösen von Verklebungen und Verspannungen der myofaszialen Struktur des menschlichen Körpers», erklärt Rachel Luquet, dipl. Physiotherapeutin und Reha-Pilates-Trainerin. Zur Eigenbehandlung eignen sich Tennis- und Igelbälle, Holzrollen und seit Neustem auch Schaumstoffrollen in verschiedenen Härtegraden und Grössen. Wichtig: Bevor Schmerzpatienten mit einer Selbstmassage beginnen, sollten sie sich unbedingt von einer Fachperson anleiten lassen. Das individuelle myofasziale Lösen trägt zur schnelleren Regeneration und zur Entspannung nach hoher Muskelaktivität bei, hat einen positiven Effekt auf die Beweglichkeit, Elastizität und Gleitfähigkeit des Gewebes. Zudem regt der Druck auf das gesamte Gewebe, also auf Faszien, Sehnen und Muskeln, den Schadstoffabbau an und erleichtert damit den Abtransport von Stoffwechselprodukten über die Lymphe.

Nicht angezeigt ist eine Faszien-Eigenbehandlung laut Rachel Luquet bei Weichteilrheuma, chronischen Schmerzen wie zum Beispiel Fibromyalgie, bei schmerzhaften Knochen- oder Gelenkvorsprüngen, bei Osteoporose, künstlichen Gelenken, offenen und akuten Verletzungen sowie bei einem Thrombose-Risiko. Wichtig für die Physiotherapeutin ist neben der Schmerzbefreiung nach Möglichkeit, alte Bewegungs-, Haltungs- und Schonmuster zu verifizieren und zu korrigieren. «Wertvoll sind hierfür Ganzkörperbewegungen wie Feldenkrais, Alexander-Technik, Brügger-Therapie, Spiraldynamik sowie Yoga und Pilates», ergänzt Luquet.

Auch interessant