Bluttransfusionen Blut-Management reduziert Komplikationen

Blutspenden kann Leben retten, ermöglicht grosse Operationen und hilft Schwerverletzten zu überleben. Doch Fremdbluttransfusion sind nicht ohne Risiko. Um die Komplikationsrate so tief wie möglich zu halten und damit auch noch Kosten zu sparen, propagieren Ärzte ein «Patient Blood Management».
Der Bedarf an Blut
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Der Bedarf an Blut wird durch den demografischen Wandel ohne Gegensteuer zunehmend. 

Blut ist eine der kostbarsten Flüssigkeiten der Welt. Es transportiert Sauerstoff und Nährstoffe und hält uns am Leben. Blutspender schenken ihr Blut anderen und ermöglichen die Rettung Schwerverletzter und die Durchführung grosser Operationen. In der Öffentlichkeit und selbst unter vielen Ärzten wenig bekannt ist, dass die Gabe von Blut auch eine Kehrseite hat. Gemeint ist nicht die Ansteckung mit Aids oder Hepatitis. Dieses Risiko hat man mittlerweile im Griff.
«Viele grosse multizentrische Studien haben gezeigt, dass die überflüssige Gabe von Fremdblutkonserven Ursache einer erhöhten Sterblichkeit, einer höheren Komplikationsrate von Herzinfarkten, Thrombosen und Nierenversagen sowie mit einem erhöhten Risiko für Wundinfektionen und Lungenentzündungen verbunden sein kann. Folge davon sind nicht nur erhöhte Morbidität und Mortalität, sondern auch eine längere Hospitalisationsdauer und höhere Kosten», sagt Prof. Dr. Donat Spahn, ärztlicher Direktor des Instituts für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich.
Prof. Spahn ist deshalb ein vehementer Verfechter und Vorkämpfer für das «Patient Blood Management», wie das Programm zur Steigerung der Patientensicherheit im Fachjargon heisst. Dabei handelt es sich um ein fachübergreifendes Behandlungskonzept zur Reduktion von Blutarmut und Blutverlust, mit dem die Anzahl an Transfusionen auf das absolute Minimum beschränkt werden kann. Es besteht aus drei Säulen.

Die erste Säule bildet die Behandlung von Risikopatienten vor operativen Eingriffen. Dabei wird ermittelt, wie hoch das Risiko für eine Bluttransfusion ist. Klar ist dabei: Risikofaktor Nummer 1 für eine Fremdbluttransfusion während einer Operation ist eine vorbestehende Anämie, das heisst Blutarmut. Verantwortlich dafür ist in vielen Fällen ein bis dahin unbekannter Eisenmangel.
«Schon eine leichte Anämie ist bei einer Operation immer mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden», sagt Prof. Spahn. Die Zahlen sind bedenklich: Eine präoperative Anämie findet man bei rund einem Drittel der Patienten vor chirurgischen Wahleingriffen. Deshalb komme der Früherkennung und Behandlung einer vorbestehenden Anämie grosse Bedeutung zu.
Untersuchungen an elf europäischen Zentren zeigen, dass die Korrektur einer präoperativen Anämie oft unterlassen wird. Das ist unverständlich, wenn man bedenkt, wie einfach es heute ist, eine häufige Ursache, nämlich einen Eisenmangel, innert weniger Wochen mit einer Eisen-Infusionstherapie auszugleichen. Prof. Spahn vergleicht die Operation eines Patienten mit vorbestehender Blutarmut mit der Autofahrt in die Wüste mit halb leerem Tank und mahnt: «Die präoperative Anämie darf man nicht einfach hinnehmen. Man soll sie abklären und vor allem korrigieren. Ist der Hämoglobin-Gehalt so tief, dass man ihn nicht innert nützlicher Frist korrigieren kann, heisst es ‹Stopp mit der Operation, bis die Blutwerte normal sind›, ausser es handelt sich um einen nicht aufschiebbaren Eingriff.»
Und zur Frage, ob man einen präoperativen Eisenmangel nicht auch oral, das heisst mit Tabletten behandeln kann, sagt der Chefanästhesist: «Eine orale Eisentherapie ist dann zwecklos, wenn nur zwei bis vier Wochen bis zur Operation bleiben, da die Eisenaufnahme im Darm sehr beschränkt ist. Man kann Eisen essen, so viel man will, an der Anämie wird das innert dieser Frist wenig ändern.»

Die zweite Säule des «Patient Blood Managements» umfasst Massnahmen, die den Blutverlust während und nach der Operation verringern. Dazu zählen schonende Operationstechniken, sorgfältige Blutstillung und die Verbesserung der körpereigenen Blutgerinnung. Weiter kann Wundblut bei grösseren Blutverlusten aufgefangen, gewaschen und dem Patienten als Infusion zurückgegeben werden.

Die dritte Säule beinhaltet den möglichst rationalen Einsatz von Blutpräparaten. Wenn bei einem gut vorbehandelten Patienten das Hämoglobin während der Operation sinke und man wisse, was in diesem Fall zu tun sei, passiere rein gar nichts, selbst bei Risikopatienten mit Herzkrankheiten nicht. Befürchtungen, dass es durch einen restriktiven Einsatz von Bluttransfusionen zu einer unzureichenden Sauerstoffversorgung des Gewebes kommen könnte, hält Prof. Spahn für einen überholten Mythos.

Die Wirksamkeit des «Patient Blood Managements» ist wissenschaftlich einwandfrei belegt. «Die Zahl der Transfusionen konnten wir mit diesem Programm halbieren», sagt Prof. Spahn. «Das ist ein riesiger Schritt für die Sicherheit des Patienten und zur Einsparung von Kosten.» Das gehe aber nur im Teamwork aller Beteiligten, dem Blutspendedienst, den Chirurgen und Anästhesisten und vor allem der Hausärzte. Denn sie seien es, die ihre Patienten am besten kennen würden, eine vorbestehende Anämie abklären und diese wirksam behandeln könnten.
Wie wichtig ein «Patient Blood Management»-Programm ist, zeigt auch ein weiterer Aspekt. Weil der Anteil der Älteren in unserer Gesellschaft dauernd grösser wird und grössere Operationen und Anämien gerade im höheren Alter zunehmen, benötigen immer mehr ältere Menschen Bluttransfusionen. Andererseits sind Blutspender jünger; Erstspender werden nur bis 60 Jahre zugelassen, Mehrfachspender müssen zwischen 65 und 75 Jahren von einem Spendearzt freigegeben werden. Durch diesen demografischen Wandel wird der Bedarf an Bluttransfusionen ohne Gegensteuer zu-, die Zahl der möglichen Blutspender hingegen abnehmen. Dieser Effekt kann in Zukunft zu einer Verknappung von Blutkonserven führen, wenn Alternativen zur Transfusion nicht bewusst gefördert werden.

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