Umstrittene Fortpflanzungsdiagnostik «Entscheiden sollen direkt Betroffene!»

Die kontroverse Präimplantationsdiagnostik verkürzt Behandlungen, die Jahre dauern, schränkt Mehrlingsgeburten ein und führt zu gesünderen Müttern und Kindern.
Familie
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Regula und Christoph Gmür mit der dreijährigen Aliyah.

Sie trägt einen wundervollen Namen: Aliyah, hebräisch «von Gott Gesandte». Der Name passt. Denn ohne den Fortschritt in der Medizin gäbe es Aliyah nicht. Regula und Christoph Gmür waren vor ein paar Jahren kurz davor, ihren Wunsch auf eigene Kinder aufzugeben und informierten sich über Adoption. Christoph ist Träger des Cystischen-Fibrose-Gens, einer unheilbaren Stoffwechselstörung, bei der sich Schleim in den Lungen ansammelt. Der zähe Schleim führt zu Husten, Bakterienbesiedlung und Entzündungen. Doch nur wenn zwei veränderte Gene aufeinandertreffen, treten die CF-Symptome auf. Christophs Eltern sind beide Träger des CF-Gens. Ein Bruder starb mit drei Monaten. Auch die jüngste Schwester kam mit CF-Symptomen zur Welt. Mit 11 Jahren wurde ihr die Lunge transplantiert, mit 19 Jahren ist sie trotzdem gestorben.

Als sich Regula und Christoph kennenlernten, war der Gendefekt kein Thema. Da in Regulas Familie cystische Fibrose nie aufgetreten war, stand dem Kinderwunsch nichts entgegen. Um ganz sicher zu gehen, unterzog sich Regula Gmür aber doch einem Gentest. Das Resultat war verheerend: Auch Regula war Trägerin des Gendefektes. «Da brach für uns eine Welt zusammen», erzählt sie. Der Vorschlag des Genetikers, ganz normal schwanger zu werden, in der elften Woche den Test zu machen und bei einem positiven Resultat abzutreiben, kam für das Paar nicht infrage. Bei einer gynäkologischen Routine-Untersuchung machte sie der Arzt auf die Polkörperdiagnostik (PKD) aufmerksam. Eine Untersuchung, bei welcher der Polkörper einer Eizelle genetisch untersucht wird. «Es wurden mir 26 Eizellen, die vorher stimuliert wurden, entnommen. Am Schluss blieben drei Eizellen ohne Gendefekt», sagt Regula Gmür. Und sie hatten riesiges Glück: Schon beim ersten Mal klappte es. Die heute dreijährige Aliyah ist ebenfalls Trägerin der cystischen Fibrose, weil mit der PKD ja nur der Gendefekt von der mütterlichen Seite ausgeschlossen werden konnte. Mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) könnte man einen Gendefekt komplett ausschliessen.

Die Argumentation der Gegner, dass mit der PID Kinder nach Mass produziert würden, hält Christoph Gmür für unbegründete Zukunftsängste. «Man muss die Relationen wahren: Jährlich werden lediglich 2 Prozent aller Kinder durch Kinderwunschbehandlung gezeugt. Die restlichen 98 Prozent zeugen ihre Kinder weiterhin auf die natürliche und schönste Art – mit Sex.» Hinzu kommt, dass die PID exakt für zwei Situationen erlaubt sein wird: bei Paaren, die wegen eines unerfüllten Kinderwunsches eine Fruchtbarkeitsbehandlung durchführen, oder zum Ausschluss von schweren Erbkrankheiten. Christoph Gmür findet es nicht richtig, dass ein Gesetz der Familie eine PID verbieten kann. Die Pränataldiagnostik ist ja auch erlaubt. Jede Familie soll selber entscheiden, ob sie die Verantwortung für ein krankes oder behindertes Kind übernehmen kann. Mit seiner familiären Vorgeschichte ist es für ihn klar, dass diese Entscheidung bei der Familie liegen muss und nicht bei der Politik.

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