Demenz Durchbruch bei der Früherkennung von Alzheimer!

Medikamente helfen Alzheimer-Patienten länger selbstständig zu bleiben. Nur ist das Gehirn meistens schon zu schwer betroffen, wenn diese zur Anwendung kommen. Eine Frühdiagnose würde eine Verlangsamung der Krankheit bedeuten.
Demenz
© Christian Beutler/NZZ

Auf einem Gangteppich, der mit Druckrezeptoren ausgestatteten ist, werden die Analysen durchgeführt.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: «Bluttest für Alzheimer-Früherkennung», «Bluttest soll Alzheimer voraussagen», «Hoffnung für Demenzkranke». Britische Forscher am Londoner King’s College identifizierten zehn Proteine im Blut, mit denen sich der Beginn der unheilbaren Demenzerkrankung vorhersagen lässt. Das Resultat ist deshalb so wichtig, da die Krankheit das Gehirn schädigt, bevor überhaupt Symptome von Alzheimer auftreten. Das Team um Simon Lovestone von der Oxford University, der die Arbeiten am King’s College leitete, untersuchte Blutproben von 1148 Menschen, darunter 476 Alzheimerpatienten, 220 mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen und 452 gesunden Senioren. Dabei fanden die Forscher 16 Proteine, die mit Gehirnschädigungen einhergehen. In einer zweiten Testreihe untersuchten sie, welche dieser Proteine mit dem Beginn von Alzheimer zusammenhängen. Das Resultat: Eine Kombination von zehn Proteinen, mit denen sich bei Menschen mit leichten kognitiven Störungen der Eintritt der unheilbaren Demenzerkrankung innerhalb eines Jahres mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostizieren lässt. Die Treffsicherheit des Tests liegt bei 87 Prozent.

Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz. 1906 wurde sie vom deutschen Neurologen Alois Alzheimer erstmals nachgewiesen. Die Krankheit entwickelt sich vor der Diagnosestellung, also vor dem Auftreten von ersten Gedächtnisstörungen, mindestens zwei bis drei Jahrzehnte vorher als pathologischer Prozess im Gehirn. Für die Krankheit typisch sind Eiweissablagerungen im Gehirn, die zu einem langsamen Absterben von Gehirnzellen führen. Weltweit leiden etwa 35 Millionen Menschen unter Demenz. In der Schweiz sind 110 000 Menschen davon betroffen. Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter, nimmt ab 80 exponentiell zu. Im Alter zwischen 85 und 93 ist fast ein Viertel der älteren Menschen dement. Auf Grund der zunehmenden Alterung der Bevölkerung wird diese Zahl in gut zehn Jahren auf rund 150 000 ansteigen. Demenzkrankheiten verursachen heute in der Schweiz rund sieben Milliarden Franken an volkswirtschaftlichen Kosten.

Medikamente, vor allem Kombinationen, helfen Alzheimer-Patienten, länger selbstständig zu bleiben. Laut amerikanischen Kohortendaten mussten Demenzkranke unter der Kombitherapie mehr als siebenmal weniger in Pflegeheimen untergebracht werden. Die Krux: Meist ist das Gehirn von Erkrankten bereits zu schwer betroffen, wenn sie Medikamente bekommen. Für die Frühdiagnostik von Alzheimer ist die Studie der britischen Forscher deshalb ein wichtiger Schritt. Medikamente könnten in einem viel früheren Stadium eingesetzt und die Krankheit kann dadurch verlangsamt werden. Der Bluttest befindet sich allerdings noch im Forschungsstadium. Bevor er in der klinischen Praxis umgesetzt werden kann, müssen weitere Studien an einer grösseren Patientenzahl erfolgen. Und das kann noch einige Jahre dauern.

In Basel werden Frühzeichen von Alzheimer-Demenz bereits seit 2006 – neben Biomarkern im Liquor oder PET-Scan – anhand einer Ganganalyse prognostiziert. Das Verfahren von Prof. Dr. med. Reto W. Kressig, Extraordinarius für Geriatrie, Universität Basel, Chefarzt und Leiter Universitäres Zentrum für Altersmedizin, Felix Platter-Spital Basel, erlaubt die Evaluation motorischer und kognitiver Komponenten. «Ein frühes Zeichen des Hirnleistungsabbaus sind Gangunregelmässigkeiten», erklärt Prof. Kressig. In einer Studie des Universitären Zentrums für Altersmedizin Basel wurde der Gang von Testpersonen untersucht, während sie gleichzeitig eine kognitive Aufgabe lösen mussten, zum Beispiel während des Gehens rückwärts zählen. «Das Rückwärtszählen während des Gehens stellt Patienten mit früher Demenz vor grosse Probleme und verursacht Gangstörungen, die bei gleichaltrigen gesunden Menschen nicht auftreten», sagt Prof. Kressig. Kleinste Gangunregelmässigkeiten können dabei mittels einer quantitativen Gangund Gleichgewichtsanalyse, die auf einem mit Druckrezeptoren ausgestatteten Gangteppich durchgeführt wird, nachgewiesen werden. «Daten aus der New Yorker ‹Einstein Aging Study› zeigen, dass eine erhöhte Gangvariabilität ein hochsignifikanter Hinweis für eine Demenzentwicklung innerhalb der nächsten fünf Jahre ist», erklärt der Geriater. Bei der Studie wurden ältere Menschen regelmässig verschiedenen Gangtests unterzogen. Rund eine Dekade später zeigte es sich, dass Probanden, die an Demenz erkrankten, bereits fünf Jahre vorher eine erhöhte Gangvariabilität aufgewiesen hatten. «Solche Analysen helfen uns, eine beginnende Demenz früh zu diagnostizieren und Massnahmen zu ergreifen.»

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