Kindsverlust «Der glückliche Ausgang einer Schwangerschaft ist nicht gewährleistet»

Der Verlust eines Kindes in der Schwangerschaft, bedeutet für ein Paar eine grosse Belastung. Zur Beziehungsprobe muss es aber nicht kommen. PD Dr. Judith Alder, Psychologin am Universitätsspital Basel erklärt im Interview mit SI online, wie gesunde Trauerarbeit aussieht und ab wann Paare psychologische Hilfe in Anspruch nehmen sollten
 PD Dr. Judith Alder Psychologin Gyn. Sozialmedizin und Psychosomatik
PD Dr. Judith Alder Psychologin Gyn. Sozialmedizin und Psychosomatik

SI: Frau Dr. Alder, gibt es Methoden, den Verlust eines Kindes in der Schwangerschaft besser zu überwinden?
PD Dr. Judith Alder: Jedes Paar findet für sich einen Weg. Wie stark die Trauer ist, hängt vom Zeitpunkt des Aborts in der Schwangerschaft ab. Und damit, welchen Rucksack - also beispielsweise frühere Schicksalsschläge - ein Paar in die Schwangerschaft einbringt. Aber auch von der eigenen Persönlichkeit und den Ressourcen, die eine Person oder ein Paar hat.

Also gibt's keine allgemeingültigen Tipps?
Generell kann man sagen, dass gewisse Rituale mit der Dauer der Schwangerschaft wichtiger werden. Die Abschiednahme hat bei einer Totgeburt häufig einen anderen Stellenwert als bei einem Frühabort. Wichtig ist, dass betroffene Paare wissen: Der glückliche Ausgang einer Schwangerschaft ist nicht gewährleistet, genauso wie es die Sicherheit nicht gibt, dass Kinder gesund bleiben und ohne grössere Zwischenfälle durchs Leben gehen.

Wird nach jedem Abort psychologische Hilfe angeboten?
Angeboten wird sie häufig, die meisten Paare verarbeiten solche Erlebnisse aber selbstständig. Viele Menschen haben eine natürliche Widerstandskraft, die ihnen hilft, mit solchen Herausforderungen fertig zu werden.

Wann raten Sie betroffenen Paaren, psychologische Hilfe zu suchen?
Schockreaktionen, Schlafstörungen, Ratlosigkeit und eine innere Leere sind in den ersten Wochen ganz normal. Sollte dieser Zustand länger als sechs Monate andauern und das Interesse am Leben nicht ganz wiederkehren, spricht man von pathologischer Trauer. Spätestens dann ist Hilfe nötig.

Wie kann ein Mann seine Partnerin nach einem Abort unterstützen?
Für Frauen ist es wichtig, dass der Mann nicht nur für sie da ist, sondern sich in seiner Trauer, so unterschiedlich sie auch sein kann, mitteilt. Sonst entstehen vorwurfsvolle Gedanken wie «Hallo, dich betriffts doch auch!». Aber: Trauer hat viele Gesichter. Manche weinen, manche schweigen, manche lenken sich ab. Wichtig ist, dass die Partner offen über ihre Gefühle und Bedürfnisse sprechen.

Wo finden betroffene Paare Hilfe?
Ich empfehle die Internetseite www.engelskinder.ch, um sich mit anderen Paaren auszutauschen, die einen Kindsverlust erlitten. Es gibt einige wenige spezialisierte Angebote, bspw. durch Hebammen. Bei einer starken Trauerreaktion mit depressiven Anteilen oder auch einer übermässigen Sorge in einer nächsten Schwangerschaft kann es angezeigt sein, sich psychologische Hilfe bei einer Fachperson zu suchen. Am besten wenden sich die Betroffenen an den Haus- oder Frauenarzt, um sich über diesbezügliche Möglichkeiten zu informieren.
 

Wie «Meteo»-Moderatorin Sandra Boner mit dem Verlust ihres ersten Kindes im sechsten Schwangerschaftsmonat umging, lesen Sie in der Schweizer Illustrierten Nr. 03 vom 18. Januar.
 

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