Beda Stadler Der Impf-Botschafter

Die Schweinegrippe-Epidemie hat die Schweiz erreicht. Soll ich mich impfen lassen? Der Immunologie-Professor Beda Stadler hat eine klare, aber umstrittene Antwort: «Ja!» Besuch beim omnipräsenten H1N1-Experten.

Auftritte in der «Tagesschau», Interviews mit Lokalradios und der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», Podiumsgespräche. Auf allen ­Kanälen ist er präsent in seiner kontroversen Art: Professor Dr. Beda Stadler, Schweinegrippe-Experte der Nation, 59. Direktor des Instituts für Immunologie an der Uni Bern. Alle wollen von ihm wissen: Wie gefährlich ist die Impfung? Soll ich mich impfen lassen? «Die Schweinegrippe hält mich ganz schön auf Trab», sagt Stadler.

«Wenigstens kann ich zu Hause abschalten.» Er nimmt seine Frau Heidi in den Arm. Beide sind gebürtige Oberwalliser, bewohnen aber seit zehn Jahren die zwei obersten Etagen eines feudalen Annex-Baus des Burgerspitals im Zentrum Berns. Direkt neben dem Hauptbahnhof. «Früher war dies das Siechenhaus, im Parterre befand sich die Kapelle», erklärt der Molekularbiologe und steckt sich eine Marlboro Gold an. «Heute siehts hier wohnlicher aus.»

Weisse Stoffmäschchen, silberne Kerzenhalter, zwei Cheminées mit künstlichem Feuer: Heidi Stadler, die Gestalterin, ist dem prallen, barocken Landhaus-Dekor zugetan. «Es ist das Reich meiner Frau, nicht mein Stil. Aber ich wehre mich nicht.» Heidi, die gelernte Kauffrau, lacht: «Wir sind ja schon seit 39 Jahren verheiratet!»

«Sein Reich» ist die modern ein­gerichtete Küche. «Beda ist ein leidenschaftlicher und guter Koch», rühmt ihn seine Frau. Fast jedes Wochenende laden sie Gäste ein. Bis zehn Gänge zaubert der Hausherr dann auf den Tisch: Muscheln, Fisch, Fleisch, Gemüse. «Keine Kohlenhydrate. Da wären die Leute zu schnell satt», verrät Beda Stadler. Dazu Erlesenes aus dem Weinkeller. «Am liebsten mag ich Amarone, wuchtig und schwer.»

Nicht ganz so opulent gehts an den Sonntagabenden zu. Dann bekocht der Hausherr seine Familie: Am Tisch sitzen dann auch Tochter Nina, 30, und ihr Mann sowie Sohn Kornel, 25, und dessen Freundin. Nina ist Tänzerin und Choreo­grafin, Kornel absolviert die Luzerner Hochschule Design & Kunst. Gerade letzthin hätten sie über die Schweinegrippe diskutiert, erzählt Vater Stadler. 

«Die Wohnung hat meine liebe Frau eingerichtet. Es ist nicht mein Stil»

«Ich sagte Nina, wie schön ich es fände, wenn sie endlich schwanger wäre. Und dass ich sie dann subito und ohne Bedenken zum Impfen schicken würde.» Die meisten Schweizer glaubten, sich impfen zu lassen, sei gefährlicher, als die Krankheit durchzumachen. «Das ist total falsch!» Auch eine Schweinegrippe- Impfung könne Nebenwirkungen haben. «Doch die sind harmlos.»

Panikmache findet er falsch. Trotz allen Schreckensmeldungen sei die Situation bis jetzt vergleichbar mit der normalen saisonalen Grippe, wie sie jedes Jahr vorkommt. Stadler kommt in Rage, poltert über den späten Start der offiziellen Impfkampagne und das Chaos bei der Impfstoff-Abgabe. «Die Bürokraten der Heilmittelinstituts Swiss­medic lieben es, sich bei der Prüfung der Impfstoffe Zeit zu lassen. Aber auch das Bundesamt für Gesundheit hat die Sache nicht gut im Griff.» Was es nun brauche, sei eine Kampagne mit Prominenten, die zeigen, dass sie sich impfen lassen. «Am besten schwangere Skirennfahrerinnen und TV-Moderatorinnen!» Stadler grinst, braut sich einen Espresso.

Er selber hat die Schweinegrippe schon «durchgeseucht». Vor einem Monat kam Sohn Kornel mit hohem Fieber nach Hause. Vaters Diagnose: Schweinegrippe! Tags darauf verreiste Beda Stadler mit seiner Frau ins Ferienhaus in Zeneggen ob Visp VS. Auch er wurde krank, vom Sohn angesteckt: 40 Grad Fieber, Gliederschmerzen, sehr starker Husten. «Der tat mir richtig weh, das Rauchen machte keinen Spass mehr. Ich machte mir ein wenig Sorgen.»

Eine Woche habe er an der Grippe «herumgeknorzt». Die einzigen Personen in seiner Nähe seien seine Frau und ein befreundetes älteres Ehepaar gewesen, das mit ihnen in den Ferien weilte, erzählt Stadler und zündet sich eine neue Zigi an. «Alle drei wurden nicht angesteckt. Sie sind immun, weil sie schon mal an Schweinegrippe erkrankt waren.» 1976 bis 1979, als das Virus letztmals in der Schweiz grassierte.

Zum Glück habe er die Grippe in den Ferien gehabt. «Daheim wäre ich zum Schnelltest gegangen und hätte eine Mundschutzmaske tragen müssen, damit ich niemanden anstecke. Diese Peinlichkeit blieb mir erspart.» Eine Impfung sei bei ihm nun nicht mehr nötig.

Vorletztes Wochenende konnte Stadler sein Ferienhäuschen wieder richtig geniessen. «Ich habe eine Tanne gefällt, aus dem Stamm einen Brunnen geformt. Da konnte ich richtig wüten, ein schöner Ausgleich zur Arbeit im Labor.» Augenzwinkernd fügt er an: «Was ist ein Mann ohne Motorsäge?!»

Er wüte in den Bergen, andere im Unterland. «Alternativmediziner und andere Impfgegner blasen zurzeit wieder mal zur Grossoffensive.» Regelmässig bekomme er Hass-Mails. «Für meine Lieblingsfeinde bin ich ein Bösewicht. Aber das lässt mich völlig cool.»

Stadlers Botschaft ist klar: Jeder soll sich impfen lassen! «Nun sind erst die ­Risikogruppen an der Reihe, Kinder und Schwangere. Dann alle andern.» Für viele Impfwillige wird die Spritze, wenn sie mal an die Reihe sind, zu spät kommen – weil das Virus auf dem Rückzug ist. «Wenigstens ist man so bei der nächsten Welle geschützt. Erste Ansprechperson ist der Hausarzt.» Der Impfbotschafter verwirft die Hände. «Spitäler und Altersheime sollten ihr Personal zwingen, sich impfen zu lassen. Es gibt kein Recht auf Ansteckung!»

Für Stadler ist impfen ein Akt der Solidarität. «Jeder sollte sich sagen: Ich bin gesund. Also lasse ich mich impfen, damit ich niemanden anstecken kann. Damit kann ich Leben retten!»

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