Check-up: Unnötiges Risiko Die gefährliche Impfmüdigkeit

Eigentlich hätte das Masernvirus gemäss WHO bis Ende 2010 ausgerottet werden sollen. Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt – die Zahl der Erkrankungen ist sogar gestiegen.
Ein kleiner Piks kann Leben retten. Wären 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, hätte das Virus keine Chance mehr.
© iStockphoto Ein kleiner Piks kann Leben retten. Wären 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, hätte das Virus keine Chance mehr.

Von Anfang bis Mitte März dieses Jahres erkrankten in der Schweiz 139 Menschen an Masern. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum nur 12. Genf, Baselland und Waadt waren am stärksten betroffen. Der Grund für die sich häufenden Masernausbrüche ist die um sich greifende Impfmüdigkeit oder Impfskepsis – oder sagen wir es deutsch und deutlich: Unkenntnis und Irrglaube.

Hartnäckig hält sich der Mythos, es sei für das Immunsystem eines Kindes besser, wenn es eine Masernerkrankung auf natürliche Weise durchmachen würde. Kleine Gruppen von Impfgegnern schaffen es, in der Bevölkerung Ängste zu schüren, die jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Impfungen, besonders jene gegen Masern, führten zu schweren Komplikationen, welche von den Behörden totgeschwiegen würden. Autismus wird bemüht und mit der Masernimpfung in Zusammenhang gebracht, obwohl diese abstruse Behauptung längst durch grosse Studien widerlegt werden konnte.

Noch wahnwitziger sind die Masernpartys, wo gesunde, nicht gegen Masern geimpfte Kinder mit akut erkrankten zusammengeführt werden. In den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren diese Partys noch nachvollziehbar, weil es noch keinen Impfstoff gab und die Erkrankung im Erwachsenenalter schlimmer verlaufen kann als bei einem Kind. Heute gibt es keinen Grund mehr für eine bewusste Ansteckung von Kindern.

Dennoch tauchen in den Medien immer wieder Berichte über solche Partys auf. Was viele nicht wissen: Diese Veranstaltungen erfüllen den Tatbestand der Körperverletzung, der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht und der Verbreitung menschlicher Krankheiten.

Impfstoffe gibt es seit über hundert Jahren. Sie gehören zu den grössten Erfolgsgeschichten der Medizin und retteten bisher Millionen von Menschen das Leben. Dass Impfungen in weiten Kreisen der Bevölkerung als gefährlicher wahrgenommen werden als die Erkrankung selbst, hat mit einer völlig verzerrten Risikowahrnehmung zu tun.

Wären 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft, hätte das Masernvirus keine Chance mehr und würde rasch aussterben, weil es sich nur im Menschen vermehren kann. Die Impfraten sind von Kanton zu Kanton sehr verschieden. In der Westschweiz und im Tessin betragen sie über 91 Prozent. In der Innerschweiz und in Graubünden lediglich zwischen 77 und 89 Prozent.

Masern sind hochansteckend und keinesfalls harmlos. In jeder Altersgruppe können sie schwere Komplikationen auslösen. Bei zehn Prozent der Erkrankten kommt es zu Mittelohr- und Lungenentzündungen. Bei einem von tausend tritt eine Gehirnentzündung mit zum Teil bleibenden Schäden oder sogar Todesfolge auf. Eine Behandlung dieser viralen Komplikationen existiert nicht. Möglich ist nur Symptomlinderung. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, diesen schweren Krankheitsverläufen vorzubeugen.

Für die Weltgesundheitsorganisation und das Bundesamt für Gesundheit hat die Elimination von Masern hohe Priorität, weil sie weltweit viele Todesopfer fordert, nämlich rund eine Viertelmillion pro Jahr. Zudem gefährden ungeimpfte Menschen solche, die nicht geimpft werden können, etwa Schwangere, Säuglinge und Menschen mit einem Immundefekt. Aus diesem Grund empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit allen Personen, die noch keine Masern hatten und ungeimpft sind, diese Impfung nachzuholen.

Früher war es Schicksal, Masern zu bekommen. Heute ist es Fährlässigkeit oder sogar Verantwortungslosigkeit.

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