Ein Fall für Stutz «Schon in der 3. Klasse war ich übergewichtig!»

Er brachte bereits als Kind zu viele Kilos auf die Waage! War beim Kinderpsychologen und Ernährungsberater. Ging bereits mit zwölf Jahren ins Fitnesscenter, schluckte Unmengen Diätpillen. Trotzdem: Er nahm nie ab. Ein hoffnungsloser Fall? Nicht für Dr. Stutz. 
Übergewicht Waage
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Ist Adipositas einfach Schicksal?

Bis zur ersten Klasse war ich ein normalgewichtiges Kind. Nicht dick und auch nicht dünn. Ich lebe auf dem Land im Kanton Glarus und habe zwei ältere Geschwister. Als ich sieben Jahre alt war, ist meine Grossmutter mütterlicherseits nach einer langen Leidenszeit an Brustkrebs gestorben. Am Schluss war sie noch 28 Kilo schwer und bestand nur noch aus Haut und Knochen. Auf dem Totenbett sah es aus, als sei sie verhungert. Dieser Anblick war ganz bestimmt mit ein Grund für meine gesundheitlichen Probleme.

Von diesem Augenblick an stieg mein Gewicht stetig. Nicht rasant, sondern schleichend. In der dritten Klasse war ich adipös. In dieser Zeit liefen auch schon die ersten Schritte zur Bekämpfung meines Übergewichts. Ich war bei einem Kinderpsychologen in Behandlung. Meines Erachtens hat das gar nichts gebracht. Ausser dass er meinen Eltern erklärte, dass ich nicht sonderlich intelligent sei und dass sie Glück hätten, wenn ich einmal die Realschule erfolgreich abschliessen könne.

Nachdem dies über mehrere Jahre so lief und ich stetig dicker wurde, haben wir das mit dem Kinderpsychologen irgendwann abgebrochen. In der Zwischenzeit haben meine Eltern viel ausprobiert, mit Homöopathie und so weiter. Mit elf Jahren war ich in einem Lager für übergewichtige Kinder. Der Tagesablauf war immer derselbe: aufstehen, Sport treiben, etwas Kleines essen, Sport, spielen, schlafen. Das war ein hartes dreiwöchiges Lager. Das Gewicht ging runter, aber wie es so ist mit dem Jo-Jo-Effekt, kurze Zeit später war es wieder da und sogar noch ein bisschen mehr als zuvor. Ich habe mir ein paar Jahre später nochmals so ein Lager angetan, und seit diesem Zeitpunkt nie mehr, und ich will es auch nicht mehr erleben.

Ebenfalls früh, mit zwölf, suchte ich bereits die Ernährungsberatung auf und war in ärztlicher Behandlung. Zudem ging ich mehrmals wöchentlich ins Fitnesscenter. Das lief auch lange gut, bis die Schule - mittlerweile das Gymnasium - strenger wurde und ich die Zeit fürs Training nicht mehr so oft gefunden habe. Dennoch bin ich immer sportlich geblieben, bin in meiner Freizeit gerne in der Natur geradelt. Meine Leistungsgrenze war und ist auch heute relativ hoch.

Mit zwölf ging ich zur Ernährungsberatung und mehrmals pro Woche ins Fitnesscenter

Mit 17 Jahren kam ich in den Genuss einer Behandlung in der Hirslanden Klinik in Zürich im Stoffwechselzentrum. Heute haben sich die Ärzte selbstständig gemacht, und jetzt heisst es Diabetes Adipositas Zentrum Zürich. Jedenfalls habe ich das Medikament Reductil für mich entdeckt. Das war zu Beginn ein riesiger Erfolg, und es hat auch weiter gewirkt, bis das Medikament wegen seiner Risiken verboten wurde. Meiner Ansicht nach immer noch «leider». Zu Beginn der Therapie war ich 128 Kilo, nach einem halben Jahr nur noch 98. Nach dem Verbot hatte ich nur noch Ernährungsberatung, was nicht viel brachte, weil ich alles Theoretische kenne. Seit ich im Adipositas Zentrum bin, weiss ich auch, was die Hauptschwierigkeit meines Gewichts ist. Es ist nicht unbedingt das, was ich esse, sondern die Menge und das Esstempo. Reductil half mir, weil es das Sättigungsgefühl früher auslöst. Ich war eher satt und musste nicht mehr so schnell essen.

Nach dem Verbot von Reductil musste ich vorerst ohne Medikament weitermachen. Das Gewicht stieg wieder bis auf 135 Kilo. Dann bekam ich die Möglichkeit, in einer Studie mit einem neuen Medikament mitzumachen. Das funktionierte am Anfang sehr gut. Ich nahm ziemlich schnell 15 Kilo ab. Leider wurde ich gegen den neuen Wirkstoff immun. Daher hatte er keine Wirkung mehr. Die 15 Kilo nahm ich schnell wieder zu, zum Glück aber nicht mehr.

Seither bin ich weder in ärztlicher noch in sonstiger Behandlung. Das Diabetes Adipositas Zentrum Zürich sieht als Möglichkeit nur noch einen operativen Eingriff, von dem ich aber nicht überzeugt bin. Das Einzige, was ich momentan mache, ist eine Behandlung bei einem Akupunkteur. Das tut mir sehr gut. Das Gewicht ist stabil, aber es geht nicht runter.

Seit Dezember bin ich auf Stellensuche und habe schon etliche Bewerbungen geschrieben und einige Bewerbungsgespräche gehabt. Leider immer Absagen. Es liegt nicht an meinem Können. Das wird immer gelobt, nur das Gewicht schreckt halt ab. Ich bin ja als Lehrperson ein Vorbild, und figurtechnisch sollten die Kinder sich kein Beispiel nehmen an mir. Nun hoffe ich, dass ich eine Stelle finde. Dadurch würde der Alltag wieder geregelter. Ich könnte meine Wurzeln in einer Gemeinde schlagen und sportlich wieder aktiver werden, was momentan ein bisschen zu kurz kommt. Ich liebe es, schwimmen zu gehen. Ich liebe es, mich im Fitnesscenter auszupowern, aber leider fehlen mir momentan die Zeit und der Durchhaltewillen.

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DAS SAGT DER EXPERTE:

«Im Kopf muss ein Umdenken stattfinden»

Ein Fall fuer Stutz Dr. Samuel Stutz Teil 1 Koerperbewusstsein
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Dr. Samuel Stutz analysiert Schicksale, die unter die Haut gehen.

Dieser junge Mann hat sämtliche konservativen Behandlungen seines Übergewichts ausprobiert - ohne Erfolg. Ein klassischer Fall für eine Magen-Bypass-Operation, wie Ernährungsmediziner PD Dr. David Fäh bestätigt. Die Chancen stünden gut, dass sein Gewicht nachhaltig sinkt und sich seine Risikofaktoren verbessern. Aber der Eingriff birgt auch gesundheitliche Risiken. Zudem ist viel zu wenig bekannt, dass Patienten nach einer anfänglichen starken Gewichtsreduktion dank dem Eingriff auch wieder erheblich Gewicht zulegen könnten, unter Umständen 20 Kilo und mehr, wenn die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten nicht umgestellt werden.

Will der Patient nicht unters Messer, gibt es meiner Ansicht nach nur noch einen Weg, der allerdings viel Selbstverantwortung erfordert. Er führt über die Einsicht, dass im Kopf ein radikales Umdenken stattfinden muss: Ich bin nicht mehr länger Opfer meines Hungers, meiner Gene oder anderer widriger Umstände, sondern ich bin ab jetzt der «Täter» und bestimme selber! Unser Patient weiss zwar alles, aber er handelt nicht danach. Er lässt alles mit sich geschehen, bis hin zu den allabendlichen Essattacken. Konkret könnte das bedeuten, mit ganz bestimmten Tricks für eine ausreichende Sättigung zu sorgen, bevor er sich an den Tisch setzt und riesige Portionen verschlingt. Ich habe dem Mann die Aufgabe gestellt, einen Masterplan für eine möglichst gute Vorsättigung mit mengenmässig genau definiertem Trinken eine Stunde vor dem Nachtessen sowie voluminösen, kalorienarmen Nahrungsmitteln zu erarbeiten. Damit er wieder das Gefühl für die Zeit und das Esstempo bekommt, bestimmt eine Sanduhr oder etwas Ähnliches den Essensrhythmus. Auch kleinere Teller sind eine grosse Hilfe. Wenn ein kleiner Teller gut gefüllt ist, nimmt das Auge keinen Unterschied war, wenn es keinen direkten Vergleich zu den vormals grösseren Tellern gibt. Untersuchungen zeigen, dass die Sättigung auch mit kleineren Portionen gleich gut bleibt, weil grössere Portionen automatisch schneller gegessen werden.

Fühlt sich der Patient dann immer noch nicht satt, gibt es noch ein Mittel: dem Hunger einfach davonlaufen. Ein paar tausend Schritte, gemessen mit dem Schrittzähler, beruhigen jenes Zentrum im Hirn, das nach Essen schreit. Gelingt dies, werden wir in einer zweiten Phase herausfinden, welche Motive sich hinter dem Akt des «Verschlingens» verbergen. Das Verschlingen erfüllt ganz bestimmte Funktionen, die erst bewusst gemacht werden müssen. Danach beginnt die gemeinsame Suche nach Alternativen.

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