Infektiöse Leberentzündung Die stille Epidemiebetroffen

Fast jeder hundertste Schweizer ist mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert. Aber nur die wenigsten davon können behandelt werden, obwohl es jetzt hochwirksame Medikamente gibt.  
Dr. Samuel Stutz analysiert Schicksale, die unter die Haut gehen.
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Dr. Samuel Stutz weiss Rat.

Stellen Sie sich vor, es gibt eine Krankheit, die ein lebenswichtiges Organ des menschlichen Körpers still und heimlich zerstört, Krebs verursacht und oft sogar tödlich endet. Und es gibt Medikamente, die diese Krankheit zu nahezu 100 Prozent besiegen. Und zwar in einem so frühen Stadium, dass die Krankheit erst gar nicht richtigausbricht. Können Sie sich vorstellen, dass diese Medikamente wegen der hohen Kosten nur bei einem Bruchteil der 70 000 bis 80 000 Patienten in der Schweiz eingesetzt werden dürfen, weil die Behörden es so wollen? So unvorstellbar das auch klingt: Genau das ist der Fall bei Hepatitis C, einer Krankheit, von der fast jeder hundertste Schweizer betroffen ist, von der aber nur jeder zweite Infizierte etwas weiss, weil er jahrelang nichts davon spürt, obwohl seine Leber bereits geschädigt ist. «Rund ein Fünftel der Infizierten erkrankt ohne Behandlung an einem Leberversagen oder an Leberkrebs. Hepatitis C ist für die meisten Lebertransplantationen in unserem Land verantwortlich und hat HIV als Todesursache überholt», erklärt Professor Dr. med. Beat Müllhaupt, Leitender Arzt Hepatologie an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital Zürich. Hepatitis C ist eine unterschätzte, stille Epidemie, die in den kommenden Jahren eine Welle von tödlichen Lebererkrankungen auslösen wird. Den Höhepunkt erwarten nationale und internationale Experten in den Jahren 2020 bis 2025. Dazu kommen rund 200 neue Hepatitis-C-Fälle pro Jahr sowie Hunderte von Fällen bei Migranten und Migrantinnen, die das gefährliche Virus bereits in sich tragen.

Die grosse Crux ist zunächst, die infizierten Menschen ausfindig machen zu können. Ein Screening der Gesamtbevölkerung ist zu teuer. Am sinnvollsten ist es, bestimmte Risikogruppen systematisch auf Hepatitis C zu testen. Dazu gehören Menschen mit HIV, Empfänger von Bluttransfusionen vor dem Jahr 1992, Drogenbenützer oder Gesundheitspersonal. Damit könnten die meisten Infektionen entdeckt werden, sind die Fachleute überzeugt. Das zweite, noch viel grössere Problem ist der Umstand, dass es mittlerweile zwar äusserst gut verträgliche Medikamente gibt, die das Virus trotz einer sehr viel kürzeren Therapiedauer nahezu immer eliminieren können und deshalb als historischer Durchbruch gefeiert werden, wegen ihres hohen Preises und der Beschränkung durch die Behörden aber bis auf Weiteres nur einer Minderheit der betroffenen Patienten vorbehalten bleiben. Neu an den Substanzen ist, dass sie direkt gegen das heimtückische Hepatitis-C-Virus wirken und eine Vermehrung stoppen. Die bisherigen Therapien waren dagegen allesamt unbefriedigend, weil sie nur zum Teil wirkten, lange dauerten, mit gravierenden Nebenwirkungen einhergingen und zudem mit einem sehr grossen Betreuungsaufwand verbunden waren. Da die neuen Substanzen so teuer sind, werden sie gemäss einer Weisung des Bundesamtes für Gesundheit von den Krankenkassen nur bei Patienten und Patientinnen vergütet, deren Lebererkrankung bereits weit fortgeschritten ist. Der Kreis der Patienten reduziert sich dadurch auf rund 1000 bis 1500 Personen. Weil eine Behandlung umso besser wirkt, je früher sie einsetzt, laufen Mediziner und Patientenvertreter Sturm gegen diese offenkundige Art der Rationierung. Die Ärzte sind zunehmend mit der ethisch unhaltbaren Situation konfrontiert, dass sie Patienten abweisen müssen, wenn diese nicht bereits schwer erkrankt sind. Ein Netzwerk von Experten arbeitet jetzt an einer Hepatitis-C-Strategie, um die Zunahme von schweren Leber- erkrankungen zu verhindern und die ethisch unhaltbare Situation der Rationierung zu beseitigen. 

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