Übergewicht bei Kindern Ein delikater Weg zum Wohl befinden

Dicke Kinder habens schwer. Nicht nur in der Schule, wenn sie von Gschpänli gehänselt werden. In den USA gibt es Mütter, die ihre Kinder knallhart auf Diät setzen. Und erst noch ein Buch darüber schreiben. In der Schweiz warnen Ärzte vor Radikaldiäten.
Umstrittene «Vogue»-Geschichte. Autorin Dara-Lynn Weiss posiert mit Tochter Bea.
© HO Umstrittene «Vogue»-Geschichte. Autorin Dara-Lynn Weiss posiert mit Tochter Bea.

Die Empörung war gross. Da setzte also eine New Yorker Mutter ihre siebenjährige Tochter auf Diät. Schrieb ein Buch darüber und liess sich sogar noch in der amerikanischen «Vogue» fotografieren – mit der erschlankten Tochter dazu. Damit war eine neue Spezies der Rabenmutter geboren: die Diät-Mum.

Mittlerweile bereut die Autorin Dara-Lynn Weiss ihre «Vogue»-Geschichte – vor allem die Fotos, in der Mutter und Tochter top gestylt und in figurschmeichelnder Pose selbstbewusst in die Kamera blicken. Die Kritik hat Dara-Lynn Weiss jedoch nicht davon abgehalten, den intimen Gewichtskampf ihrer Tochter Bea in Buchform zu veröffentlichen. «Übergewicht ist keine Privatsache. Jeder kann es sehen», rechtfertigt sich Weiss in der «Vogue». Ihr Buch «Wonneproppen» ist nun auf Deutsch erschienen; ein «persönlicher Erfahrungsbericht», in dem sie den beschwerlichen Weg zu Beas Normalgewicht schildert.

Denn als Bea weinend nach Hause kommt, nachdem ein Junge sie «fett» genannt hat, und auch die Kinderärztin dem knapp 130 Zentimeter grossen und gut 42 Kilo schweren Mädchen Übergewicht attestiert, ist für Weiss klar: Nun wird gehandelt! Im Buch erinnert sie sich: «Jetzt war ihr Gewicht nicht mehr nur ein Erziehungsproblem, sondern eine Bedrohung für ihre Gesundheit.»

Es folgen Monate der strikten Kontrolle und des rigorosen Kalorienzählens. Bei Kinder-Geburtstagen darf Bea kein zweites Stück Kuchen essen, zu Hause werden die Portionen halbiert, der Pizzatag in der Schule ist gestrichen. So nimmt Bea innerhalb eines Jahres acht Kilo ab.

Dara-Lynn Weiss schreibt zwar offen und schonungslos über ihre eigenen Erziehungsfehler, dennoch sollte man ihren Bestseller «Wonneproppen» keinesfalls zum Vorbild nehmen. «In meinen Augen hat die Mutter selbst ein Essproblem», sagt Dr. Bettina Isen schmid, Chefärztin am Spital Zofingen, «und das projiziert sie nun auf ihre Tochter.»

Beas strenge Diät wurde von New Yorker Ärzten überwacht. Ärzte in der Schweiz hingegen verfolgen bei übergewichtigen Kindern eine komplett andere Strategie: «Die Entwicklung ist sowohl psychisch wie physisch immer negativ, wenn ein Kind zu einer so einschränkenden Diät gezwungen wird. Kinder unter 16 Jahren sollten nur in Ausnahmefällen an Gewicht verlieren, da das gesundheitliche Folgen haben kann», sagt Bettina Isenschmid, die das Kompetenzzentrum Essverhalten, Adipositas und Metabolismus am Spital Zofingen leitet. «Vielmehr geht es darum, das Gewicht zu stabilisieren. Das Übergewicht kann dann durch das Wachstum kompensiert werden.»

Übergewicht wird zur Epidemie des 21. Jahrhunderts, vor allem bei Kindern! Denn in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der übergewichtigen Kinder in der Schweiz verdreifacht, jene der fettleibigen sogar versechsfacht. Die WHO warnt: Zurzeit wächst die erste Generation von Jugendlichen heran, die vor ihren Eltern sterben wird. Übergewicht ist die häufigste chronische Kinderkrankheit, sie wird zu einem immensen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Problem. Nicht immer führen nur fehlende Bewegung und falsches Freizeitverhalten dazu, auch die genetische Komponente und neuerdings auch Stressauslöser der Umwelt spielen eine Rolle. Die Belastung für den Stoffwechsel nimmt zu.

Als Präsidentin des Schweizerischen Fachverbandes Adipositas im Kindes- und Jugendalter (akj) setzt sich Dr. Bettina Isenschmid darum für die Entwicklung professioneller Behandlungsangebote für adipöse Kinder und deren Eltern ein. Das Thema ist komplex, denn mit dem Motto «Weniger Essen und mehr Sport» ist der Erfolg nicht garantiert – im Gegenteil! «Heute verfolgen wir mit der Gewichtsstabilisierung einen nachhaltigeren Ansatz, auch wenn der Jahre in Anspruch nimmt», sagt Dr. Isenschmid.

Vor allem geht es um ein Umdenken: Die Kinder dürfen sich selber keine Verbote auferlegen, sondern dürfen auf ungesunde Nahrung verzichten, weil sie ein neues Ziel verfolgen: gesund und aktiv sein.

Wie schwierig dieses Unterfangen ist, wissen wir Erwachsenen wohl aus persönlicher Erfahrung.

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