Frauen und Krebs Ein Schminkkurs, der auch die Seele verwöhnt

Eine Krebserkrankung beeinflusst Körper und Psyche. Nicht nur das Aussehen verändert sich, auch das Selbstvertrauen leidet oft darunter. Ein spezieller Beauty-Workshop möchte Krebspatientinnen helfen, sich wieder besser zu fühlen, und gibt dazu konkrete Tipps.
Schön glücklich: Madeleine Bächtold und Esther Keller merkten im Kurs, dass sie nicht alleine sind.
Schön glücklich: Madeleine Bächtold und Esther Keller merkten im Kurs, dass sie nicht alleine sind.

So beginnt kein gewöhnlicher Schminkkurs: Nacheinander nehmen einige Frauen ihre Kopftücher oder Perücken ab. Alle haben einen runden Spiegel und ein Necessaire vor sich auf dem Tisch. Noch ein wenig verhalten packen sie die verschiedenen Cremes, Lidschatten und Lippenstifte aus. Als die Kursleiterin fragt, wer mehr Haarspangen brauche, geht ein erstes Mal ein Lachen durch die Runde. «Nein, im Moment nicht», sagt eine Frau um die vierzig und streicht sich über den kahlen Kopf. Madeleine Bächtold, 56, sitzt neben ihr und weiss genau, was ihre Nachbarin im Moment durchmacht. «Letztes Jahr hatte ich Brustkrebs und verlor wegen einer Chemotherapie auch meine Haare», erzählt sie.

Während dieser Zeit besuchte Madeleine Bächtold den Schminkkurs «Look Good … Feel Better», der speziell für Frauen mit einer Krebserkrankung konzipiert ist. Das Motto: «Gut aussehen … Sich besser fühlen.» «Den meisten Teilnehmerinnen geht es in der Zeit der Therapie – sei es Chemotherapie oder Radiotherapie – nicht besonders gut», erklärt Astrid Biedermann, Pflegefachfrau und MAS in Oncological Care in der gynäkologischen Onkologie der Frauenklinik am Stadtspital Triemli in Zürich. Dieser Workshop bietet eine gute Möglichkeit, die Erkrankung und die Therapie für eine kurze Zeit zu vergessen. Das dachte sich auch Esther Keller, 65, als sie in der Radiologie die Broschüre entdeckte. «Ich wollte mir einfach etwas Gutes tun.» Der Kurs wird immer von einer medizinischen Fachperson begleitet, welche die gesundheitsspezifischen Fragen der Teilnehmerinnen beantwortet. Die Kosmetikerinnen leiten an und geben Tipps, worauf man beim Schminken während einer Krebstherapie besonders achten muss.

Den ersten von zwölf Schritten, den Kursleiterin Mio Rauch-Morohara erklärt, ist das Abschminken. «Es ist wichtig, dass man die Haut immer gut reinigt», sagt die Kosmetikerin. Denn damit könne man Hautausscheidungen entfernen, die bei erhöhter Medikamenteneinnahme von der Haut verstärkt ausgeschieden werden. Besonders viel Zeit nimmt auch das Kapitel Augenbrauen ein. Mio Rauch-Morohara zeigt, mit welchen Techniken man sie am besten nachzeichnen kann. «Die grösste Angst der Patientinnen in Bezug auf das Aussehen ist, ihre Haare unter der Chemotherapie zu verlieren. In dieser Phase können auch Augenbrauen und Wimpern ausfallen. Damit wird die Erkrankung für jeden sichtbar», sagt Astrid Biedermann. Hinzu kommen die möglichen anderen Folgen einer Krebstherapie wie trockene Haut, stumpfes Haar, brüchige und verfärbte Nägel oder allgemein trockene Schleimhäute und eine fahle Gesichtsfarbe. Kosmetikerin Mio Rauch-Morohara betont immer wieder, wie wichtig die Hygiene ist. «Nehmen Sie die Creme immer mit dem Spatel aus der Dose, nie mit den Fingern. Brauchen Sie beim Abschminken für jedes Auge ein eigenes Wattepad. Teilen Sie Ihre Kosmetikprodukte nicht mit anderen.» Grund: Während einer Krebstherapie ist das Immunsystem stark angegriffen, und es kommt schneller zu Infektionen.

Im Laufe des Kurses getrauen sich immer mehr Frauen Fragen zu stellen. Mio Rauch-Morohara erklärt, wie man mit einem Lidstrich optisch fehlende Wimpern ersetzt, dass es die Haut zusätzlich austrocknet, wenn man Puder benutzt, oder wo das Wangenrouge die besten Wirkung zeigt. Für Madeleine Bächtold tat sich mit dem Kurs eine ganz neue Welt auf. «Vorher schminkte ich mich nicht so oft. Aber jetzt habe ich daran Gefallen gefunden.» Auch die kurzen Haare seien ein Grund, warum sie sich heute etwas stärker schminke. «Da braucht es einfach etwas mehr Farbe im Gesicht», sagt sie und lacht.

Im Kurs haben Madeleine Bächtold und Esther Keller aber nicht nur Schönheitstipps erfahren. «In einem normalen Schminkkurs wären wir uns fehl am Platz vorgekommen. Aber in diesem Rahmen fühlten wir uns wohl und merkten, dass wir nicht alleine sind.»

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