Prostatakrebs-Behandlung Potenzerhalt dank minimalinvasivem Eingriff

Je nach Eingriff drohen Nebenwirkungen, die die Lebensqualität des operierten Patienten massiv einschränken. Am wenigsten Erektionsprobleme verspricht die Brachytherapie. Nur wird sie viel zu selten angewandt.
Urogenitalsystem
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Urogenitalsystem. Befindet sich der Tumor (rot) in der Prostatakapsel (rosa), wird er entweder aktiv überwacht oder therapiert.

Die Diagnose erschüttert jeden Mann, lässt ihn verzweifelt, ratlos zurück. Einen bösartigen Tumor im Körper zu haben, ist schlimm genug. Ist die Prostata davon betroffen, kommen zusätzliche Ängste dazu: Furcht vor Verlust der Potenz durch einen Eingriff und damit Verlust der Lebensqualität, ein Horrorszenario für jeden Mann. Damit nicht genug: Traumatisierung der Nerven durch die Prostata-Entfernung. Es droht Inkontinenz. Eine demütigende Vorstellung.
Rund 6000 Männer werden jährlich mit der Diagnose Prostatakrebs konfrontiert. 1300 sterben jedes Jahr daran. Prostatakrebs ist die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache bei Männern. Fast alle sind zum Zeitpunkt der Diagnose über 50 Jahre alt, mehr als die Hälfte über 70. Das Alter ist denn auch einer der wichtigsten Risikofaktoren. Die Wahrscheinlichkeit, an Prostatakrebs zu erkranken, steigt zwischen dem 50. und 85. Lebensjahr bis auf das 40-Fache an. Mitunter ist der Tumor auch genetisch bedingt. Das Risiko zu erkranken, ist bei einem Mann, dessen Vater oder Bruder bereits Prostatakrebs hatte, doppelt so gross wie bei Männern ohne genetische Vorgeschichte. Die Ernährung spielt ebenfalls eine Rolle: In China zum Beispiel erkranken nur 0,8 von 100 000 Männern, in den USA sind es 73. Feststellen kann man auch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, je südlicher, desto weniger Prostatakrebs. Wissenschaftler vermuten, dass es sich dabei um den positiven Effekt von Vitamin D handelt, das dank Sonnenlicht gebildet wird.

Bei den Behandlungsmöglichkeiten steht die radikale Prostatektomie an erster Stelle. Dabei wird die Prostata, sofern der Tumor sich nicht bereits ausserhalb des Organs ausgebreitet hat, vollständig entfernt. «Auch wenn die Nerven bei diesem Eingriff geschont werden, bleibt immer eine Traumatisierung zurück», erklärt Dr. Stefan Suter, Facharzt für Urologie FMH in Zug. Die Folgen: gestörte Potenz und eventuell Inkontinenz. Eine weitere Möglichkeit ist die Bestrahlung von aussen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten werden mit der perkutanen Bestrahlung behandelt. «Eindeutig am wenigsten Erektionsprobleme gibt es laut einer Studie aus St. Gallen mit der Brachytherapie», sagt Suter, ehemaliger Chefarzt Urologie am Stadtspital Triemli in Zürich. Seine persönlichen Erfahrungen mit seinen Patienten, von denen er 150 mit der Brachytherapie behandelt hat, bestätigen die Studie. Bei fast allen Patienten blieb die Potenz erhalten.

Bei der Brachytherapie werden die Krebszellen mit einer relativ hohen Dosis von innen bestrahlt und abgetötet. «Die Idee dieser Behandlung ist es, eine hohe Dosis im Zielorgan und so wenig wie möglich davon in der Umgebung zu haben», erklärt der Urologe das Vorgehen. Voraussetzung für die Brachytherapie ist die Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte: Urologe, Radio-Onkologe und Medizin-Physiker. In Narkose wird dem Patienten eine spezielle Ultraschallsonde in den Darm eingeführt, die Schnittbilder der Prostata macht. Mit diesen Bildern wird ein computergestütztes 3-D-Modell angefertigt. Anhand dieses Modells erstellt der Medizin-Physiker einen Bestrahlungsplan, der festlegt, wie hoch die Dosis sein muss – unter Berücksichtigung der Schonung von Darm und Harnröhre. Durch den Damm wird dann unter ständiger Ultraschallkontrolle eine genaue Anzahl radioaktiver Seeds (Röhrchen, 0,5 mm) über Hohlnadeln in der Prostata abgelegt. Mit diesem Verfahren wird die ganze Prostata bestrahlt und nicht nur ein einzelner Tumor. Die Halbwertszeit der Bestrahlung beträgt 65 Tage. «Nach etwa einem Jahr kann man keine messbare Strahlung mehr feststellen», erklärt Dr. Stefan Suter.

Ein Wermutstropfen: Nur gerade zwei bis drei Prozent aller Behandlungen werden heute mit der Brachytherapie durchgeführt, obwohl diese Methode Männer weitgehend vor dem gefürchteten Erektionsverlust bewahrt. Was sind die Gründe? «Die Brachytherapie ist kein klassisch operatives Verfahren. Und Urologen sind nun mal operativ tätig. Kommt dazu, dass der Aufwand mit der disziplinären Zusammenarbeit von Urologe, Radio-Onkologe und Medizin-Physiker gross ist. Zudem stehen in den grossen Kliniken teure Geräte mit der Da-Vinci-Technologie, die ausgelastet werden müssen. Aber unter Berücksichtigung der limitierenden Faktoren könnten durchaus 20 Prozent der Patienten von dieser Methode profitieren», betont Suter. Unter limitierende Faktoren fällt eine zu grosse Prostata. Über 60 mm3 ist ein Eingriff praktisch unmöglich. Sehr aggressive Tumoren fallen ebenfalls unter die Ausschlusskriterien. Zugelassen ist die Brachytherapie nur für niedrige und mittlere Risiken. Eine gestörte Blasenentleerung verunmöglicht ebenfalls einen Eingriff, da es durch die Brachytherapie häufig zu einer Schwellung der Prostata kommt, was eine Blasenentleerung noch schwieriger bis unmöglich macht.

Die Brachytherapie hat auch Nebenwirkungen. «Der Eingriff ist und bleibt eine Krebsbehandlung», erklärt Dr. Suter. Irritative Beschwerden über einige Monate sind häufig. Das bedeutet, dass die Patienten oft Wasser lösen müssen und damit häufig auch Mühe haben. «Inkontinenz gibt es allerdings nicht wie bei fünf bis zehn Prozent durch die radikale Operation.» Eine Rehabilitation mit Potenzmitteln braucht es ebenfalls nicht – wenn, dann höchstens aufgrund des Alters. Das aber trifft auch Männer ohne vorhergehende Krebstherapie.
Die Brachymethode würde sich auch für die fokale Therapie eignen, bei der nur der einzelne Tumor bestrahlt wird. «Diese Methode ist noch nicht etabliert, und häufig findet man verschiedene Tumorherde in der Prostata», erklärt Suter. Vielversprechend scheint die Behandlung mit dem magnetresonanzgesteuerten fokussierten Ultraschall zu sein. Dabei wird der Tumor mit bis zu 65 Grad «durchlöchert». Am Universitätsspital Zürich wird jetzt in einer klinischen Studie getestet, ob mit dieser Methode der Krebs innert drei Jahren wiederkommt und wie häufig die Patienten an Nebenwirkungen leiden.

Was nicht vergessen werden darf: Nicht jeder Prostatakrebs muss behandelt werden. Dazu Dr. Stefan Suter: «Niedrig-Risiko-Tumoren brauchen oft keine Therapie. Man muss sie allerdings aktiv überwachen.»

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