Serie Krebs, Teil 5, Hirntumor Immer bessere Therapien!

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Die Früherkennung des Glioblastoms (blau) ist fast unmöglich, da es bis heute keine Blutmarker gibt, anhand derer man einen bösartigen Tumor erkennen könnte.
© Science Photo Library Die Früherkennung des Glioblastoms (blau) ist fast unmöglich, da es bis heute keine Blutmarker gibt, anhand derer man einen bösartigen Tumor erkennen könnte.

Die Zahlen

  • Neuerkrankungen pro Jahr: 511
  • Todesfälle pro Jahr: 430
  • Anteil an allen Krebstodesfällen pro Jahr: 2,8%

Bei bösartigen Hirntumoren gibt es kaum Hoffnung auf Heilung. Trotzdem macht die Forschung grosse Fortschritte. So erlauben heutige Operationsverfahren eine deutlich radikalere Tumorentfernung. Der Experte über die neusten Waffen im Kampf gegen diesen bösartigen Krebs.

Bösartige Hirntumore sind wohl das am meisten belastende Kapitel beim Thema Krebserkrankung. Nirgendwo sonst sind die Heilungschancen so gering und die Ängste so gross. Beim bösartigsten aller Hirntumore, dem Glioblastom, leben nach fünf Jahren nur mal gerade drei Prozent.

Ein Bruder meines Vaters erkrankte schon in jungen Jahren an einem Glioblastom. Seine Persönlichkeit veränderte sich so sehr, dass die Pflege zu Hause für die Angehörigen untragbar wurde. Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik wurde für alle Beteiligten zum Drama.

Ich erinnere mich auch noch gut an die tränenerstickte Stimme eines bekannten Schweizer Medienmachers, der von seinem Arzt die Diagnose Glioblastom erhielt. Es war das schwierigste Telefongespräch, das ich in meinem Leben je geführt habe. Was sollte ich ihm sagen? Ihn anlügen? Auf Mitleid machen? Ich machte nichts dergleichen, sondern sagte ihm offen und ehrlich, was ihn erwartet. Und ich machte ihm Mut, in der ihm verbleibenden kurzen Zeit nur noch das zu machen, was für ihn wirklich zählt. Ein halbes Jahr später starb er.

«Die Ursachen von Hirntumoren sind weitgehend unbekannt», sagt Prof. Michael Weller, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich. So wenig man über die Ursachen weiss, so schwierig bis unmöglich ist die Früherkennung. Die häufigsten Symptome bei Hirntumoren sind epileptische Anfälle, Kopfschmerzen, Persönlichkeitsveränderungen und neurologische Ausfälle wie Sehstörungen, Halbseitenlähmung oder Gefühlsstörungen. Immer öfter wird ein Hirntumor zufällig entdeckt, wenn zum Beispiel zur Abklärung einer Migräne oder nach einer Verletzung eine Computertomografie oder eine Magnetresonanztomografie gemacht wird. Prof. Weller: «Früherkennung ist bei Hirntumoren kaum möglich, weil es keine Blutmarker gibt, anhand derer man eine bösartige Geschwulst erkennen könnte, zumindest bis jetzt nicht. Man müsste die Kernspintomografie einsetzen. Die Kosten stehen aber in keinem Verhältnis zum erwarteten Gewinn. Zudem muss man wissen, dass sich Hirntumore innerhalb von wenigen Wochen entwickeln können, das heisst, man müsste die Tests ständig wiederholen.»

Die Pfeiler der Therapie sind Operation, Strahlen- und Chemotherapie, je nach Art des Tumors. Einzelne Hirntumore wie Meningeome sind oft allein chirurgisch heilbar. Bei anderen wie den Gliomen kann man in der Regel nicht von Heilung sprechen. Zielsetzung ist viel mehr eine möglichst langfristige Kontrolle des Tumorwachstums.

In den vergangenen Jahren hat es auf allen Gebieten der Hirntumortherapie grosse Fortschritte gegeben. «Die Operationen erlauben eine deutlich radikalere Tumorentfernung als früher.

Und sie sind sicherer geworden. Das heisst, selbst nach grossen Eingriffen sind die Patienten heute oft nach wenigen Tagen wieder fit», sagt Prof. Weller. «Auch bei der Strahlentherapie haben sich die Möglichkeiten verbessert. Sie kann gezielter durchgeführt werden als früher und ist deutlich verträglicher. Die grössten Neuerungen gibt es bei der medikamentösen Therapie. Vor ein paar Jahren wurde ein neues Chemotherapeutikum gegen Gliome eingeführt, aktuell ist es die sich rasant entwickelnde Hemmung der Angiogenese, also der Gefässversorgung eines Tumors.»

Die Forschung konzentriert sich zum einen auf ein besseres Verständnis der Therapieansätze, die heute im Vordergrund stehen, insbesondere der Angiogenese. Weiter befasst sie sich mit der molekularen Klassifizierung der Tumore, um aus dem molekulargenetischen Muster der Veränderungen im Tumor zukünftig spezifische Therapien ableiten zu können. Einen Durchbruch gibt es bis heute noch nicht. Zahlreiche Arbeitsgruppen, auch diejenige auf der Neurologie des Universitätsspitals Zürich, setzen auf immunologische Therapieverfahren, die vom Konzept her einer Impfung nahekommen und darauf beruhen, dass das Immunsystem auf das Tumorwachstum aufmerksam gemacht werden soll, um so eine Tumorabstossung zu bewirken.

«Angesichts einer nicht heilbaren Erkrankung steht die Betreuung der Patienten und ihrer Familien im Zentrum unserer Arbeit», sagt der Neurologe. «Eine Hirntumorerkrankung unterscheidet sich von anderen Krebserkrankungen besonders dadurch, dass die Betroffenen und ihre Angehörigen Angst haben, dass sich die Persönlichkeit verändert. Das ist zum Glück viel seltener der Fall, als angenommen wird, und meist erst im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung. Dennoch besteht ein grosser Bedarf für Beratung und Unterstützung, dem die aktuellen Strukturen im Gesundheitswesen noch nicht hinreichend gerecht werden. Es fehlt an interdisziplinären Zentren, an denen auf alle Anliegen der Patienten und Angehörigen kompetent eingegangen werden kann, von Fragen zu neuen Therapien, die ein Bekannter im Internet gefunden hat, über die Erfassung und Behandlung von Nebenwirkungen der Therapie und die psychoonkologische Begleitung der Familie bis hin zur Hilfe bei oft erheblichen ökonomischen Problemen wie dem drohenden Arbeitsplatzverlust oder Verlust der Fahrerlaubnis.

Die Früherkennung des Glioblastoms (blau) ist fast unmöglich, da es bis heute keine Blutmarker gibt, anhand derer man einen bösartigen Tumor erkennen könnte.

Check: 
Infos und Hilfe bei Hirntumor

  • Die wichtigsten bösartigen Hirntumore sind Gliome, vor allem das Glioblastom.
  • Die Ursachen über die Entstehung von Hirntumoren sind noch immer unbekannt.
  • Häufige Symptome sind epileptische Anfälle, Kopfschmerzen, Persönlichkeitsveränderungen und neurologische Ausfälle wie Sehstörungen, Halbseitenlähmung oder Gefühlsstörungen.
  • Die Pfeiler der Therapie sind Operation, Strahlen- und Chemotherapie, je nach Art des Tumors.
  • Auf allen Gebieten der Therapie wurden grosse Fortschritte erzielt: mehr Wirksamkeit und bessere Verträglichkeit.

Hilfe

Der Experte rät:
Welche Hirntumore sind am häufigsten? Gliome und Meningeome. Während Meningeome meist gutartige Tumore der Hirnhäute sind, die gut operiert werden können, wachsen die Gliome zerstörend im eigentlichen Hirngewebe, zum Teil sehr rasch.

Was ist mit Metastasen, also mit Ablegern von anderen Tumoren? Im Gehirn sind sie zwei bis drei Mal so häufig wie die eigentlichen Hirntumore, die dort entstehen. Zu Hirnmetastasen kommt es bei rund jedem vierten Krebspatienten.

Was sind die Ursachen von Hirntumoren? Für die grosse Mehrheit der Erkrankungen bleibt die Ursache völlig unklar. Sehr selten sind sie genetisch bedingt. Strahlenexposition im Kindesalter, therapeutisch oder aus anderen Gründen, erhöht das Risiko. Kontrovers diskutiert wird die Frage, ob Handys Hirntumore auslösen können. Bisher fehlen überzeugende Hinweise für einen Zusammenhang.

Kann man Hirntumoren in irgendeiner Weise vorbeugen? Nein, im Gegensatz zu einigen anderen Tumoren gibt es hier keine wirksame Prävention.

Was ist mit Alternativmedizin? Knapp die Hälfte der Patienten mit bösartigen Hirntumoren unternimmt zusätzlich zur Schulmedizin etwas gegen den Tumor. Es handelt sich tatsächlich meistens um komplementäre und nicht um alternative Massnahmen. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Massnahmen mit den Betroffenen zu besprechen und sicherzustellen, dass sie sich bei ihrer ohnehin schon grossen Belastung nicht auch noch in finanzielle Risiken begeben, um eine der vielen aggressiv beworbenen alternativen Therapien zu verfolgen. Besonders auf dem Gebiet der Hirntumore werden leider mit der Angst und Verzweiflung gute Geschäfte gemacht.

Prof. Dr. med. Michael Weller, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich

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