Ein Fall für Stutz «Jedes Essen ist eine Qual!»

Woche für Woche lesen Sie in der «Schweizer Illustrierten» von Krankheiten, den besten Therapien und über Prävention. Jetzt kommt eine neue Dimension hinzu: Ab sofort können Sie Ihr scheinbar unlösbares Problem online an unseren Arzt, Dr. Samuel Stutz, schicken. Der Hilferuf einer Leserin an uns ist ein erschütternder Bericht - ihr Schicksal geht unter die Haut.
Dr. Samuel Stutz analysiert Schicksale, die unter die Haut gehen.
© ZVG Dr. Samuel Stutz analysiert Schicksale, die unter die Haut gehen.

Es begann alles vor ungefähr vier Jahren. Ich hatte schon immer Probleme mit meiner Figur, weil ich sehr weiblich geformt war. Busen und wohlgeformter Po. Diese zwei Dinge wirkten für die Männer wie ein Magnet, und ich hatte deswegen auch immer sehr viele Verehrer, die aber leider immer nur auf das eine aus waren. Ich habe mir dann die Brüste verkleinern lassen, was mich ein paar Jahre lang glücklicher machte.

Meine letzte längere Beziehung hatte ich vor zirka drei Jahren. Der Mann war sehr angetan von mir als Sexobjekt, weshalb ich begann, meinen Körper immer mehr zu verabscheuen. Extrem, alles ekelte mich. Das Besteck, der Teller, das Glas, die Pfanne, die Schüssel, einfach alles musste ich immer noch einmal abspülen, sonst konnte ich weder essen noch trinken. Ich machte das sogar im Restaurant, zum Leidwesen meiner Begleitung. Ich merkte das gar nicht mehr, es war ein Zwang - ohne ging gar nichts. Ich musste die Kontrolle darüber haben und wissen, dass es wirklich sauber ist, weil ich es ja selber nachgespült hatte. 

Dann begann etwas Neues. Ich machte mir Gedanken darüber, was die Menschen in der Küche mit dem Essen wohl machen. Sind die sauber? Haben Sie ihre Hände gewaschen, sind die Arbeitsflächen gereinigt, müssen die Leute niesen oder husten? Das Essen, das ich bekam, musste auf schnellstem Weg zu mir gelangen. Wenn ich sah, dass der Kellner einen weiten Weg bis zu mir hatte und durch Menschen hindurch musste, konnte ich das Getränk nicht mehr trinken und das Essen nicht mehr essen. Wenn jemand am Nebentisch niesen, husten oder sich kratzen musste, konnte ich nicht mehr essen. 

Das Essen, das mein damaliger Freund kochte, konnte ich nicht essen, weil es mich so ekelte. Es ekelte mich, weil mich Dinge ekelten, die er mit anderen Frauen machte. Wenn ich selber kochte, war alles okay für mich, da ich alleine die Kontrolle über alles hatte. Ich konnte alles so viele Male abwaschen, wie ich wollte, vom Gemüse über das Fleisch bis zum Geschirr. Dann konnte ich es auch ohne Probleme essen.

Ich konnte auch nicht mehr Zug oder Tram fahren, kein Türklinken mehr berühren usw. Die Dinge, die ich einkaufte, habe ich alle mit Sterilium abgerieben, bevor ich sie einräumte. Später verweigerte ich das Essen. Als die Beziehung mit dem Mann vorbei war, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich habe ein sehr geringes Selbstwertgefühl, auch wenn das gegen aussen nicht so scheint. Mit Ablehnung kann ich überhaupt nicht umgehen, doch das ist eine andere Geschichte. Wenn ich abgelehnt werde, fühle ich mich wie ein Stück Dreck, ich gebe mir für alles die Schuld und verstehe die Welt nicht mehr. 

Damals schien alles zu viel. Ich begann, meinen Körper völlig abzulehnen. Da ich dachte, an allem schuld zu sein und dass alle Männer mich nur wegen meines Pos ins Bett kriegen wollten, musste ich diesen Körper loswerden. Ich begann meine Ernährung komplett umzustellen. Ich ass nur noch Gemüse und Früchte, Tofu, Quorn und wenig Fleisch. Erstens weil ich wusste, dass diese Dinge sauber sind, und zweitens tat es mir gut. Ich habe kaum noch etwas gegessen, weil ich einfach nicht konnte. Es ekelte mich extrem.

In kurzer Zeit hatte ich sogar das Hungergefühl verloren. Ich merkte nur, dass ich essen musste, weil mir extrem schwindlig wurde. Dann wusste ich, wenn ich jetzt esse, verbrennt es mein Körper gleich wieder. Sport habe ich täglich gemacht, aber nur Ausdauer und Golf. Ich fing an, mich besser und besser zu fühlen, in kurzer Zeit hatte ich eine Kleidergrösse weniger. Ich fing an, nur noch zu golfen, da es keine dicken Muskeln erzeugte und es mir viel gab. Golf ist meine Leidenschaft. 

Das Essen begann ich zu vergessen, ich trank sehr viel, Wasser und frischen Ingwertee, und ich wurde dünner und dünner. Ich nahm in knapp drei Monaten zwölf Kilo ab. Ich fühlte mich unbesiegbar, wunderschön, ohne Po, war selbstbewusst wie noch nie, leistungsfähig und glücklich. 

Essen hat für mich immer eine sehr grosse Rolle gespielt, und nun konnte ich ohne wunderbar auskommen. Ich hatte mich selbst besiegt und war ein neuer Mensch, ein Mensch, den ich mochte und liebte. Ich liebte mein Ebenbild und konnte mein Glück kaum fassen. Ich liebte es zu hören, wie schlank ich sei und dass ich nun genug dünn sei. Die Waage war mein Freund, 55 Kilo bei 173 Zentimeter.

Egal, wie und was ich ass, ich nahm nicht mehr zu, da essen für mich nicht mehr lebensnotwendig war, sondern eine Nebensache. Das ging etwa ein Jahr so, ich nahm immer wieder ab, da ich mein Essverhalten nicht änderte. Irgendwann fing ich wieder an, etwas Schokolade und Brot zu essen. Es war ein Gefühl wie Selbstzerstörung. Mit jedem Bissen fühlte ich mich schlechter. Der Kampf begann und ist bis heute da. Ich nehme ab, weil ich wieder eine Hungerkur mache und knapp 600 Kalorien pro Tag zu mir nehme, fühle mich gut, und dann nehme ich wieder zu. Ich kann kein Essen mehr geniessen. Jedes Essen ist eine Qual. Normales einkaufen ist nicht mehr möglich, ich schaue auf die Kalorien und den Fettgehalt, und Bio sollte es auch noch sein. Nur Früchte und Gemüse kann ich normal einkaufen. 

In meinem Leben dreht sich das meiste um Ernährung. Ich habe so viele Dinge gelesen und ausprobiert, dass ich nun nicht mehr weiss, was ich tun soll. Zum einen weiss ich, dass die ayurvedische Küche gesund ist und mir gut tun würde, auf der anderen Seite macht sie mich dick. Ich fühle mich extrem dick und weiss auch, dass ich zugenommen habe. Ich kann einfach nicht loslassen, ich will wieder meinen schönen schlanken Körper, ich will mich so fühlen, so toll und schön. Und während ich diese Zeilen schreibe, muss ich furchtbar weinen, weil ich mich so schlecht fühle, verloren und schon wieder versagt habe. Wie konnte ich es zulassen, diesen wunderbaren Körper wieder zu verlieren. Ich hasse mich dafür. Ich verabscheue mein Spiegelbild und kann trotzdem nicht aufhören zu essen. Weil es das Einzige ist, was mich im Moment glücklich macht. Ausser Yoga und Meditation.

Ich habe wieder aufgehört, jeden Tag Sport zu machen, weil ich nicht noch dicker werden will durch meine Muskeln. Ich will schlank, fein und grazil sein, denn so fühle ich mich innerlich fast zerbrechlich, und genau so möchte ich auch aussehen. Ich hasse diesen Kampf, er macht mich fertig. Ich schreibe mir jeden Tag auf, was ich esse, auch wenn es eine Qual ist, mehr als vier Dinge aufzuschreiben, Getränke inbegriffen. 

Sich selbst nicht zu lieben ist furchtbar, denn man kann keine Beziehung eingehen. Ich kann Komplimente nicht annehmen. Jedesmal, wenn ich jemanden kennenlerne und es wieder schiefgeht, gebe ich meinem Körper die Schuld. Weil er so hässlich ist. Mit jedem Mal, abgelehnt zu werden, wird es noch schlimmer. Doch niemand will eine eifersüchtige, unsichere Frau voller Selbstzweifel, was ihren Körper anbelangt. Und alles nur weil ich meinen Körper hasse, ich bin sonst wirklich ein guter Mensch.

Ich würde so gerne mein Leben geniessen können, ohne jeden Tag überlegen zu müssen, dass ich heute wieder den Kampf mit dem blöden Essen führen muss. Ich weiss nicht, ob ich es schaffen werde, je wieder normal essen zu können. Ich habe Panik davor, dick zu sein, und der Gedanke und die Angst, dick zu sein, führen genau dazu. 

Das Gefühl, in einem Körper zu sein, der einen anwidert, ist grauenhaft. Ich weiss nicht, wie ich aus diesem Teufelskreis wieder raus komme. Aber ich wünsche es mir sehr. Alles dreht sich um meinen Körper, ich verkleide ihn jeden Tag, damit ich ihn nicht ansehen muss. Wenn ich könnte, würde ich ihn austauschen.

Ich lasse mir nie etwas anmerken, niemand weiss, wie es um mich steht. Ich schäme mich nicht dafür, aber die Belustigung und die blöden Kommentare ertrage ich nicht. Ich gehe jeden Tag zur Arbeit, leite meine Filiale und lebe mein Leben, als ob nichts wäre, doch innerlich schreie ich um Hilfe.

Ich bin dankbar, dass ich diese Geschichte erzählen durfte, auch wenn es mich sehr traurig macht. Ich merke, während ich diese Zeilen schreibe, wie verloren und peinlich ich bin. Vielleicht bin ich einfach gestört.

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DAS SAGT DER EXPERTE:

«Überbewertung der Körperlichkeit»

Für eine Beurteilung dieser schwerwiegenden Problematik hat sich Dr. Stutz mit Prof. Dr. Kurt Laederach abgesprochen: Er ist leitender Arzt an der Universitätspoliklinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung am Universitätsspital Bern.

Der Bericht zeigt, wie stark in der heutigen Gesellschaft die Körperlichkeit im Zentrum steht. Die Patientin beschreibt die Problematik der sexualisierten Körperbesetzung und ebenso die Ausprägung einer neurotischen Störung mit Zwängen. Sie sind Ausdruck des Versuchs, die überflutenden Gefühle zu partialisieren und damit «erträglicher» zu machen. Leider ist im Bericht auch eine gewisse Resignation spürbar. Hoffentlich ist die Patientin durch unsachgemässe Psychotherapieversuche nicht schon derart frustriert, dass sie zu einer psychotherapeutischen Aufarbeitung der ganzen Problematik nicht mehr bereit ist. Dabei ist klar, dass es sich um eine analytisch-orientierte Psychotherapie handeln sollte, welche die Grundlagen der «Überbewertung» des Körperlichen in der psychischen Entwicklung angehen muss. Nur so wird es ihr möglich sein, mit ihrer Körperlichkeit «Frieden» zu finden und sich dabei gleichzeitig auch als eigene Person und nicht allein als Objekt der Begierde anderer - vorwiegend der Männer - zu fühlen.

Wie ist der Verlauf? Ein paar Wochen später schreibt die Patientin Folgendes:
So lange ich keinen Spiegel vor mir habe und ich arbeiten kann, fühle ich mich gut. Ich bin jetzt in Therapie im Unispital mit Ernährungsberatung und Bewegungstherapie. Es ist zum Teil extrem hart, aber mir wird geholfen. Nächste Woche gehe ich in eine Ayurveda-Kur. Ich bin etwas nervös, aber es wird mir sicher gut tun. Ich danke Ihnen, Herr Stutz, Sie waren der Auslöser. Sonst wäre ich vielleicht daran kaputt gegangen.

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