Kindsverlust «Kinder trauern anders als Eltern»

Snowboard-Olympiasieger Gian Simmen und seine Frau haben letzte Woche ihr ungeborenes Töchterchen verloren. Auch Sandra Boner und Rahel Tarelli mussten mit den Tod eines Kindes verarbeiten. Doch wie ist es eigentlich für Geschwister, die Bruder oder Schwester verlieren? SI online sprach mit Jean, Betreuer der Selbsthilfegruppe «Life With».
«Kinder trauern anders als Eltern»
«Kinder trauern anders als Eltern»

SI online: Jean, in Ihrer Gruppe treffen sich Menschen, die einen Angehörigen verloren haben. Seit wann existiert «Life With» und wer kommt zu Ihnen?
Jean: Ich war nicht von Anfang an dabei, meinen ersten Workshop hatte ich 2004. Bei uns treffen sich Jugendliche, die ein Geschwister verloren haben. Die Todesursache spielt dabei keine Rolle, sei es durch Krankheit, Unfall oder Selbstmord. Die meisten kommen durch die Selbsthilfegruppe Regenbogen, die mit Eltern welche ein Kind verlieren arbeiten, zu uns. Das heisst, die Eltern erzählen ihren Kindern von uns. Jetzt haben wir aber auch eine eigene Homepage und eine Facebook-Gruppe.

Wollen Sie dadurch die Öffentlichkeit auf das Thema sensibilisieren?
Wenn dies dadurch geschieht, ist das natürlich ok. Allerdings ist es eher schwierig. Uns fehlt vor allem die Zeit für grosse Öffentlichkeitsarbeit, da wir alle Freiwilligenarbeit leisten. Zudem kommen momentan auch sehr wenige neue Leute auf uns zu. Deshalb haben wir entschieden, uns auf die Durchführung von Workshops zu konzentrieren. Der nächste Workshop findet am Wochenende vom 18. / 19. September 2010 unter dem Thema «Wie weiter» in Beinwil am See statt.

Wie sehen diese aus?

Es gibt eigentlich immer drei Phasen. Gestartet wird mit der Begrüssung, wobei wir uns gegenseitig Vorstellen und kennenlernen. Dann folgt eine kreative Betätigung, bei welcher wir meistens etwas basteln um ins Thema zu finden. Abends sprechen wir über Sorgen, Ängste und Probleme und diskutieren darüber.

Sind bei den Gesprächen auch Fachpersonen dabei?

Ja, wir haben auch fachliche Begleitung, geschulte Leute. Wenn sich jemand nicht in der Gruppe öffnen möchte, nimmt sich ein Betreuer der Person an. Das Ziel ist immer, eine Lösung für jeden zu finden.

Sie selbst haben Ihren Bruder durch Selbstmord verloren.
Es passierte 2003, einen Tag nach meinem 19. Geburtstag. Mein 17-jähriger Bruder hat sich das Leben genommen, er hatte Depressionen.

Wie sind Sie mit der Trauer umgegangen?
In einem ersten Schritte musste ich mich einmal mit der neuen Situation zurecht finden, ich habe viel mit Freunden geredet. Je länger man redet, desto mehr merkt man aber, dass es für Leute, die so etwas nicht erlebt haben, schwierig ist zu folgen. Das war für mich der Zeitpunkt, wo ich eine Selbsthilfegruppe aufsuchte.

Konnten Sie mit ihren Eltern sprechen?
Eigentlich wusste ich immer, dass die Möglichkeit bestand, mit Ihnen darüber zu sprechen. Meine Mutter sagte zwar, wir könnten immer zu ihr kommen, aber ergeben hat sich dies nur selten. Mein Vater hat sich eher zurückgezogen. Schlussendlich trauert jeder auf seine Art und man will den andern ja nicht noch zusätzlich belasten.

Eltern und Kinder trauern also unterschiedlich.
Je nach Alter wird der Verlust einer nahestehenden Person anders erlebt und verarbeitet. Eltern und Kinder haben dabei verschiedene Wahrnehmungen, Gedanken und Fragen.
Ich glaube, dass darum die Eltern in dieser Situation oft nicht verstehen, was wirklich in ihren Kindern vorgeht. Vor allem aber müssen sie, wie die Kinder auch, zuerst mit der neuen Situation zurecht kommen. Wir haben bei unseren Workshops deshalb eine Altersbegrenzung von 14 – 25 Jahren gesetzt. So sind die Unterschiede nicht zu gross und alle können profitieren.

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