Leben mit Epilepsie «Es beginnt mit einem Kribbeln»

Schwäche zeigen steht für Politiker nicht auf dem Programm. Sogar in seinem Privatleben hielt der Zuger CSP-Stadtrat Andreas Bossard seine Krankheit vor vielen geheim. Jetzt spricht er offen über sein Leben mit Epilepsie. Und staunt über die Reaktionen.
Zuger Stadtrat Andreas Bossard
© Raja Läubli

Der Zuger Stadtrat Andreas Bossard verschwieg früher seine Epilepsie bei Bewerbungen.

Die ersten paar Stunden am Tag sind für Andreas Bossard entscheidend. «Wenn es zwischen den Augenbrauen zu kribbeln beginnt, kann das ein Zeichen für einen Anfall sein», sagt der Zuger Stadtrat. Dann nimmt er eine Tablette und legt sich hin. Etwa einen halben Tag braucht er dann, bis er sich erholt hat. Pro Jahr passiert ihm das ein- bis zweimal. Wichtig ist, dass er die Zeichen richtig deutet.

Den ersten Epilepsie-Anfall hatte Andreas Bossard mit 18 Jahren. Er war als Lagerleiter auf einer Wanderung und verlor plötzlich das Bewusstsein. Er rollte ein paar Meter einen kleinen Hang hinunter und kam erst im Liegen wieder zu sich. Schnell waren die Hitze und die Anstrengung als Grund gefunden, und Andreas Bossard forschte nicht weiter nach. Ein Jahr später folgte der zweite grosse Anfall, ein Grand Mal. Er war auf dem Weg in die Post, als er plötzlich umkippte. Zwei Polizisten haben die Situation sogleich richtig eingeschätzt und liessen ihn in den Notfall bringen. Dort hörte Andreas Bossard zum ersten Mal, dass er Epilepsie hat.

In der Schweiz leiden 50'000 bis 70'000 Menschen an dieser Funktionsstörung des zentralen Nervensystems. Dabei entladen sich für kurze Zeit die Nervenzellen und setzen gewisse Teile des Gehirns ausser Kontrolle. Das kann jede Nervenzelle im Gehirn betreffen. Die Folge: Die Zellen werden in ihrer normalen Tätigkeit gebremst oder blockiert. Je nach Hirnregion kann das Riechstörungen, Wahrnehmungsbeschwerden oder auch Unterbrechungen des Bewusstseins auslösen. Deshalb erkennt man einen Epilepsieanfall auch nicht immer von aussen. Das gängige Bild vom zuckenden und schäumenden Epileptiker ist falsch. Ein sogenanntes Grand Mal, bei dem man das Bewusstsein verliert, ist zwar eine häufige Anfallsform, es gibt aber noch viele andere Arten.

Andreas Bossard konnte seine Anfälle immer gut tarnen. Wenn er vor oder während einer Sitzung das Kribbeln zwischen den Augenbrauen spürte, nahm er die Notfalltablette aus dem Portemonnaie und sagte, er habe Migräne. Ein bisschen schwieriger war es, als junger Mann bei Partys nur Süssmost zu trinken und immer zur gleichen Zeit zu Hause zu sein – die damaligen Medikamente verlangten einen strikten Tagesrhythmus. «Deswegen galt ich manchmal als Eigenbrötler», sagt Andreas Bossard. So erzählte er nur seiner zukünftigen Frau und seinem engsten Umfeld von seiner Krankheit. Auch als er sich als Lehrer bewarb, verschwieg er seine Krankheit. «Früher war Epilepsie stark negativ behaftet, und viele wussten nicht, dass man damit ganz normal leben kann. Zum Glück ändert sich dieses Bild langsam.»

Mit 42 Jahren liess sich Andreas Bossard von einem Homöopathen behandeln und entschied sich, die täglichen Medikamente ganz langsam abzusetzen. Nur wenn sich ein Anfall andeutete, griff er zu einem chemischen Medikament. «Ich dachte, jetzt habe ich einen grossen Teil meines Lebens diese Medikamente genommen, und ich war immer müde und musste mich an einen Zeitplan halten», erzählt er. 20 Jahre lang ging das gut, und «meine Lebensqualität verbesserte sich merklich». Bis vor einem Jahr. «Ich war beruflich in einer Stressphase und habe die Zeichen nicht richtig gedeutet», sagt Andreas Bossard. Eines Morgens wird er im Badezimmer bewusstlos, stürzt und bricht sich einen Rückenwirbel. Die Folgen: Er muss vier Wochen pausieren und kann nicht an den Stadtratssitzungen teilnehmen. Nach den vielen Nachfragen entscheidet er sich noch im Spitalbett dazu, die Öffentlichkeit über seine Krankheit zu informieren. «Ich dachte nicht, dass ich so viele positive Reaktionen erhalte», sagt Andreas Bossard.

Seit einem Jahr nimmt Andreas Bossard wieder täglich Epilepsie-Medikamente. «Die heutigen Mittel haben viel weniger Nebenwirkungen und verlangen auch keinen strikten Tagesablauf», sagt er. Das Leben mit Epilepsie – er sieht nur noch Positives daran. «Ich schaue viel besser zu mir und höre auf meinen Körper und meine Bedürfnisse.» Darum bereut Bossard es auch nicht, dass er bald nicht mehr im Zuger Stadtrat sitzen wird. Er hat sich entschlossen, im Oktober nicht mehr zu kandidieren. «Mit der Epilepsie hat dieser Entscheid aber nichts zu tun. Ich finde einfach, dass ich jetzt, mit 63 Jahren, genug gearbeitet habe», sagt er und wirkt sehr zufrieden.

Wichtige Fakten

  • Von einer Epilepsie wird erst nach mindestens zwei spontan auftretenden Anfällen ohne erkennbare Erklärung für den Zeitpunkt gesprochen.
  • Es gibt nicht eine, sondern mehr als 30 Arten von Epilepsien.
  • Etwa 60 bis 70 Prozent aller Epilepsien lassen sich mit einem Medikament gut behandeln.
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