Winterdepression Licht hilft gegen Winterdepression

Wir sehen sie nicht, wir spüren sie aber 24 Stunden: Die innere Uhr bestimmt unseren Tagesrhythmus. Gerät sie aus dem Takt, kann es zu Schlafstörungen und Depressionen kommen. Die einfachste und beste Medizin: Licht!
Licht hilft gegen Winterdepression
© SIGrafik: Nigel Simmonds Licht hilft gegen Winterdepression

Wenn wir morgens um neun Uhr im Büro die ersten Mails beantworten, wäre das eigentlich der beste Zeitpunkt für Sex. Grund: Bei den meisten Menschen ist das Sexualhormon Testosteron auf dem täglichen Höchststand. Auch wann wir besonders kreativ, schmerzempfindlich oder niedergeschlagen sind, wird bestimmt. Und zwar von der inneren Uhr.

Jeder Mensch besitzt eine. Sie lenkt biologische Abläufe und wirkt auf unsere Stimmung. Unabhängig von der Aussenwelt tickt sie in einem Rhythmus von ungefähr 24 Stunden. Bei manchen etwas länger, bei anderen etwas kürzer. Sie setzt sich aus Milliarden von Uhren zusammen, die in jeder Zelle vorhanden sind. Eine Art Hauptuhr steuert und synchronisiert das gesamte Netzwerk. Sie liegt in einem kleinen Gehirnareal, dem suprachiasmatischen Nukleus. Wichtigster Taktgeber: das Sonnenlicht. «Es zeigt der inneren Uhr an, dass nun Morgen oder Abend ist. So wird die innere mit der äusseren Uhr synchronisiert», sagt Dr. Anna Wirz-Justice.

Die Neurobiologin arbeitet im Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel. Wenn sie morgens um acht Uhr vor hundert Kantonsschülern einen Vortrag über Schlaf hält, ist sie nicht erstaunt, dass der grösste Teil ihrer Zuhörer kaum aus den Augen sieht. «Jugendliche können nichts dafür, dass sie so früh am Morgen noch nicht fit sind», erklärt Anna Wirz-Justice. «Ihre innere Uhr verschiebt sich, bis sie zwanzig Jahre alt sind, jedes Jahr 15 Minuten nach hinten.» Seit Langem setzt sich die Wissenschafterin deshalb für spätere Schulzeiten ein.

Anna Wirz-Justice gehört selbst zum Chronotyp Eule, zu den Abendmenschen – wie etwa 30 Prozent der Bevölkerung. 15 Prozent sind Lerchen, also Morgenmenschen und 55 Prozent liegen irgendwo dazwischen. Der Chronotyp ist zwar genetisch bedingt, verändert sich aber auch mit dem Alter: Babys sind Lerchen, Jugendliche Eulen und Senioren verwandeln sich wieder in Lerchen.

Können sich Eulen und Lerchen dem sozialen Taktgeber nicht anpassen, folgt der soziale Jetlag. Ähnlich wie bei einem Flug von Bern nach New York findet sich die innere Uhr zu Beginn in der neuen Zeitzone nicht zurecht – beim sozialen Jetlag hält dieses Befinden an. Das kann zu Herz-Kreislauf-Problemen, Magen-Darm-Störungen, Schlafstörungen und Depressionen führen.

In der Psychiatrie spielt die innere Uhr eine immer grössere Rolle. Typisches Beispiel: die Winterdepression. Bei vielen depressiven Patienten ist die innere Uhr verschoben. Bestes Medikament: Licht. «Da kommen Frühlingsgefühle auf», sagt Anna Wirz-Justice. Bei einer Lichttherapie muss man jeden Tag zwischen einer halben und einer Stunde vor einer 10 000 Lux starken Lampe sitzen. «Es ist fast wie bei einer Wunderdroge: Die Therapie wirkt schon nach wenigen Wochen.» Doch nicht nur bei saisonalen Depressionen scheint Licht zu wirken. Neue Studien belegen auch eine positive Auswirkung bei Schwangerschaftsdepression, Altersdepression, Alzheimer, Demenz und bei Schlafwach-Rhythmusstörung.

Oft gehen Depressionen mit Schlafstörungen einher. Dagegen kann auch medikamentös vorgegangen werden. Seit einem halben Jahr ist das erste klinisch getestete Medikament, das aus purem Melatonin besteht, auf dem Schweizer Markt. Das Hormon wirkt nicht wie übliche Schlafmittel direkt auf den Schlaf, sondern bereitet den Körper auf die Nacht vor. Vorteil: Melatonin ist natürlich. Jeder Mensch produziert es selber. Geregelt wird die Ausschüttung über die Dosis Licht, die das Auge aufnimmt.

Wenn also Schichtarbeiter am Morgen aus der Fabrik kommen, hemmt das Licht die Melatoninproduktion, die innere Uhr schaltet auf Tag. Folge: An Schlaf ist nicht zu denken – der soziale Jetlag schlägt voll zu. «Es ist unheimlich wichtig, dass wir die Erkenntnisse über die innere Uhr auf unsere Arbeitsumstände einfliessen lassen», sagt Anna Wirz-Justice. «Wer möchte schon am frühen Morgen von einem Chirurgen operiert werden, der zur Gattung der Eulen gehört?»

Eine Suva-Studie zeigt, dass am Montagmorgen 40 Prozent mehr Unfälle passieren als an anderen Wochentagen. Schuld? Die innere Uhr. Am Wochenende leben wir ohne Wecker, gehen später ins Bett und stehen später auf. Wenn es dann am Wochenanfang ans frühe Aufstehen geht, rebelliert die innere Uhr. Entweder wir stehen auch am Wochenende zur gewohnten Zeit auf, oder wir kommen zu spät zur Arbeit. «Wenn wir am Morgen mehr und helleres Licht hätten, würde uns auch das Aufstehen nicht so viel Mühe bereiten», erklärt Anna Wirz-Justice.
 

CHECK
Das sollten Sie wissen!

Welcher Chronotyp sind Sie ?

  • Wenn Sie wissen wollen, ob Sie eher eine Eule oder eine Lerche sind, können Sie auf der folgenden Homepage einen Selbsttest machen: www.chronobiology.ch
  • Auf www.cet.org finden Sie weitere Informationen zur Lichttherapie und einen Fragebogen zur saisonbedingten Depression. Zudem geben Experten Antworten auf häufige Fragen.

 

 

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