Anästhesie Moderne Methoden gegen Schmerzen!

Sie nimmt den Schmerz und gehört zu jeder Operation: Obwohl die Narkose Routine ist, fürchten sich viele vor dem künstlichen Schlaf. Das muss nicht sein. Anästhesist Karl Hampl klärt auf.
Bei der Vollnarkose schaltet der Anästhesist das Bewusstsein der Patientin durch inhalierte oder in die Vene injizierte Mittel aus.
© Prisma Bei der Vollnarkose schaltet der Anästhesist das Bewusstsein der Patientin durch inhalierte oder in die Vene injizierte Mittel aus.

Steht eine Operation bevor, haben wir uns in der Regel viele Gedanken zum eigentlichen Eingriff gemacht: Wir haben uns über die Operationsmethoden informiert, den besten Spezialisten für die Durchführung des Eingriffes gewählt und ausführlich mit ihm gesprochen. Und dann kommt vom Krankenhaus ein Schreiben mit einem Termin für die Anästhesie-Sprechstunde.

Darüber haben wir uns vielleicht bis zu diesem Zeitpunkt kaum Gedanken gemacht. Der behandelnde Arzt hat einem zwar gesagt, ob man eine Allgemeinanästhesie (Vollnarkose), eine Lokaloder Regionalanästhesie bekommt. Aber wer ist dieser Arzt, der mich zum Einschlafen bringt und mich nach der OP wieder weckt? Welche Risiken sind damit verbunden? Wird mir übel sein? Werde ich starke Schmerzen haben?

Bereits in der Antike war die schmerzlindernde Wirkung von Mohn, Alraune und anderen Pflanzen bekannt. Neben dem Alkohol waren diese Naturmittel während Jahrhunderten die einzigen wirksamen Medikamente, um die Qualen des Operationsschmerzes etwas zu lindern. Erst die Entdeckung der schmerzhemmenden Wirkung von Lachgas zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die erste erfolgreich durchgeführte Allgemeinanästhesie mittels Inhalation mit Diäthyläther im Jahr 1846 brachten den endgültigen Durchbruch in der schmerzfreien Operation. Als 1884 die lokal betäubende Wirkung von Kokain entdeckt und bei einer Augenoperation erstmals erfolgreich angewendet wurde, war auch die Lokal- und Regionalanästhesie geboren.

Die heutigen Anästhesieverfahren sind eigentlich die modernen Nachkommen der eingangs beschriebenen Anästhesiemethoden. Noch immer wird zwischen Allgemeinanästhesie und Lokalrespektive Regionalanästhesieverfahren unterschieden. «Die Wahl des Verfahrens wird einerseits von der Art und der Lokalisation des geplanten Eingriffs bestimmt. Andererseits spielen die allfälligen medizinischen Vorerkrankungen eine wichtige Rolle und nicht zuletzt auch, was sich der Patient wünscht», sagt Dr. Karl Hampl, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Hirslanden Klinik Aarau.

Bei der Allgemeinanästhesie wird durch verschiedene Medikamente, die entweder in die Vene injiziert oder inhaliert werden, das Bewusstsein ausgeschaltet. «Die Medikation bei der Allgemeinanästhesie wird individuell auf den Patienten zugeschnitten: Bei der Auswahl der Anästhetika spielen vor allem Alter, Körpergrösse und -gewicht sowie medizinische Begleiterkrankungen eine wesentliche Rolle», erläutert Dr. Hampl.

Bei den Lokal- oder Regionalanästhesieverfahren wird hingegen lediglich der zu operierende Ort respektive die entsprechende Körperregion schmerzunempfindlich gemacht. Dies geschieht durch Verabreichung von Lokalanästhetika, entweder direkt am Ort der Operation (Lokalanästhesie) oder durch Blockade der Nervenbahnen, die die betroffene Körperregion versorgen (Regionalanästhesie). Grundsätzlich bleibt der Patient bei diesen Verfahren bei Bewusstsein.

Neben der (Schmerz-)Empfindung blockieren die Regionalanästhesie- verfahren fast immer auch die Motorik, während sie bei der Lokalanästhesie zumeist erhalten bleibt.

Die Dauer der Empfindungsausschaltung ist hauptsächlich von der Wahl und der Dosis des verwendeten Lokalanästhetikums abhängig. So werden, je nach der erwarteten Länge des Eingriffs, massgeschneiderte Regionalanästhesien eingesetzt. Durch Verwendung von dünnen Kunststoffkathetern zur Medikamentengabe kann bei der Regionalanästhesie eine nahezu beliebige Wirkungsverlängerung erfolgen, was auch zur Schmerzbekämpfung nach der Operation dienen kann.

Wenn vom Patienten gewünscht, kann eine zusätzliche Entspannung durch Medikamente während der Operation erfolgen, die von «leicht entspannt» über «etwas dösend» bis «schlafend» reicht.

Die modernen Anästhesieverfahren gelten heute als äusserst sicher. Dennoch werden die Vitalfunktionen aller Patienten während der Operation unabhängig vom Anästhesieverfahren lückenlos überwacht, um Komplikationen wie etwa schwere allergische Reaktionen oder Kreislaufreaktionen unverzüglich zu entdecken. Diese Überwachung umfasst die Registrierung der Herzaktion (EKG), die Messung des Sauerstoffgehalts im Blut sowie die regelmässige Blutdruckmessung.

Dr. Hampl: «Die heutige Anästhesie verfügt zum einen über schonende Verfahren mit deutlich weniger belastenden Nebenwirkungen als noch vor 25 Jahren. Zum anderen erlauben neuere Überwachungs- und Therapiemethoden auch die Durchführung von Hochrisiko-Operationen an schwer kranken oder sehr betagten Patienten. Diese Verfahren werden dem Patienten vor der Operation in einem persönlichen, vertrauensbildenden Gespräch dargelegt. Auf diese Weise lernen wir auch die Bedürfnisse und Befürchtungen des Patienten näher kennen und können so auf sie eingehen, damit sich der Patient auch im Bereich der Anästhesie in besten Händen weiss.»

Check: Das müssen Sie wissen!

So bereiten Sie sich vor:

  • Ob Vollnarkose oder Regionalanästhesie – Sie müssen in beiden Fällen nüchtern sein. Fragen Sie Ihren Anästhesisten nach den genauen Verhaltensregeln.
  • Wenn Sie Angst vor der Operation haben oder nervös sind, lassen Sie dies den Anästhesisten im Vorfeld wissen. Er kann Ihnen bei Bedarf bereits vor dem Eingriff ein Beruhigungsmedikament geben.
  • Stellen Sie Ihrem Anästhesisten in der Sprechstunde alle Fragen, die Sie im Zusammenhang mit der Anästhesie beschäftigen. Er erläutert Ihnen gerne die infrage kommenden Techniken.
  • Auch nach der Operation ist der Anästhesiearzt für Ihre Schmerztherapie oder die Behandlung von Nebenwirkungen für Sie da.
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