Check-up: Musik verändert das Gehirn Mozart und Madonna als Medizin!

Melodien und Töne wirken besser als manche Pille. Dass Musik einen Einfluss auf unsere Gesundheit hat, beweisen mehrere Studien. Das ungewöhnliche Medikament hilft bei Depressionen, beschleunigt die Rehabilitation und lässt bei Alzheimerpatienten Erinnerungen aufleben.
Musik macht gesund: Aurora Savoldo, 19, ist seit Dezember im Rollstuhl. Im Paraplegiker-Zenturm Nottwil gehört die Musiktherapie zum Rehaprogramm.
© Dick Vredenbregt Musik macht gesund: Aurora Savoldo, 19, ist seit Dezember im Rollstuhl. Im Paraplegiker-Zenturm Nottwil gehört die Musiktherapie zum Rehaprogramm.

 Sie bringt uns zum Lachen, beschert uns Gänsehaut und rührt uns zu Tränen – mit nichts anderem können wir unsere Stimmung selber so schnell beeinflussen wie mit Musik. Sind wir müde, hilft ein schnelles Lied, um uns wieder fit zu fühlen, warten wir nervös auf einen Arztbefund, beruhigt uns unsere Lieblingsmusik, und mit lauter und schneller Musik putzt sich die Wohnung um einiges leichter. «Beim Musikhören ist über die Hälfte unseres Gehirns aktiv», erklärt Prof. Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich. Kein Wunder also, hat sie auch Einfluss auf unsere Gesundheit. So ergaben Studien, dass Musik einen zu hohen Blutdruck senkt, Depressionen lindert und Schmerzen reduziert.

Doch wie genau wirkt Musik auf unser Gehirn? Prof. Lutz Jäncke ging dieser Frage in mehreren Studien auf den Grund. «Melodien und Töne haben einen bemerkenswert direkten Zugang zu unserem motorischen System.» Das heisst, dass sie unsere Bewegungen stimulieren. Hören wir ein vertrautes Lied, beginnen wir zu wippen. Auch die Hörareale, die Gedächtnisareale und die Gefühlszentren werden beeinflusst. Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass angenehme und beruhigende Musik die Konzentration des Stresshormons Cortisol verringert. Zudem ist sie auch Glücksproduzent. Sobald ein Lied Gänsehaut auslöst, wird unser Lustzentrum (Nucleus accumbens) regelrecht mit Dopamin überschüttet. «Dieses Gefühl erzeugen sonst nur Drogen», sagt Prof. Jäncke. Deshalb gibt es auch Menschen, die süchtig nach Musik sind.

Die meisten Untersuchungen machen Prof. Jäncke und sein Team mit Musikern. «Anhand von Hirn-Scans sehen wir, dass bestimmte Hirnareale verändert sind.» So ist bei Musikern der Balken, der die beide Gehirnhälften verbindet (Corpus callosum), dicker, die Nervenzellen und die Faserbahnen sind dichter. Die Forscher können anhand der Gehirn-Abbildungen sogar unterscheiden, ob es sich um einen Pianisten oder Geiger handelt. «Beim Klavierspielen braucht man beide Hände, also ist der rechte und der linke Motorcortex vergrössert. Bei Geigenspielern hingegen ist nur der linksseitige Motorcortex vergrössert», erklärt Prof. Jäncke.

Musiktherapeutin Béatrice Löffel sieht die Veränderung beim Patienten schon nach 45 Minuten. Sie hilft Menschen im Paraplegiker-Zentrum Nottwil, zurück in den Alltag zu finden. Die meisten kommen zur Traumabewältigung zu ihr. «Hier finden Rollstuhlfahrer wieder zu ihrem Selbstbewusstsein, sie kommen zur Ruhe und können sich einfach entspannen.» Manche sagen der Therapeutin, dass sie den ganzen Stress ohne Musik nicht hätten bewältigen können. Untersuchungen zeigen, dass bei Schlaganfallpatienten, die eine Stunde am Tag Musik hören, auch die anderen Behandlungen während der Rehabilitation besser anschlagen. Möglicher Grund: Die Stimulierung des Lustzentrums hat einen positiven Einfluss auf Stimmung und Motivation.

Die Musik wirkt manchmal besser und direkter als ein Gespräch. Gerade wenn Patienten nicht mehr sprechen können, ist sie ein ideales Kommunikationsmittel. Dr. Irene Bopp-Kistler, leitende Ärztin an der Memory-Klinik des Stadtspitals Waid in Zürich, setzt stark auf die Musiktherapie bei Alzheimer-Patienten. «Das musikalische Gedächtnis bleibt viel länger erhalten als zum Beispiel das biografische.» Es kann vorkommen, dass Patienten, die nicht mehr sprechen, dank der Musik plötzlich wieder Wörter finden. Oder sich an die Kindheit erinnern. Das ist aber nicht das primäre Ziel. «Die positiven Emotionen sind das Wichtigste daran», sagt Dr. Irene Bopp-Kistler.

Eine schwedische Studie untersuchte, wie sich Musik während der täglichen Morgenpflege bei Alzheimer-Patienten auswirkte. Dafür unterteilten die Forscherin Eva Götell und ihr Team die Probanden in drei Gruppen. Die einen wurden ohne Musik gewaschen und angezogen, bei der zweiten Gruppe lief gewohnte Musik im Hintergrund und bei der dritten Gruppe sangen die Pfleger, zum Teil sogar mit den Patienten. Bei der zweiten und dritten Gruppe wurde ein grosser Unterschied zur ersten ausgemacht: Die Patienten hatten ein besseres Körpergefühl und nahmen sich und die Umwelt deutlicher wahr.

Eine interessante neue Anwendung wird aktuell von der Bostoner Arbeitsgruppe von Prof. Schlaug untersucht. Sie nutzen Gesangselemente, um Menschen mit einer Sprachstörung das Sprechen wieder anzutrainieren. Die ersten Befunde sind recht spektakulär. Auch bei Autisten wirkt Musik. Neue Studien zeigen, dass Autisten ausserordentlich stark vom Musikhören und vom Musikmachen profitieren.

In den 90er-Jahren sorgte der «Mozart-Effekt» für Aufregung. Grundlage war die Studie der amerikanischen Psychologin Frances Rauscher. Sie zeigte, dass sich das räumliche Vorstellungsvermögen durch das Hören von Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur verbessert. «Diese Vermutung stellte sich als falsch heraus», sagt Prof. Jäncke. «Egal, welche Musik man hört, danach ergibt sich eine kurzfristige Stimmungsveränderung, welche die Konzentration positiv beeinflusst.» Musik kann unsere Hirnstrukturen verändern, die Gesundheit beeinflussen und Erinnerungen wachrufen, intelligent aber macht sie leider nicht.

 

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