Multiple Sklerose Der Krankheit davonlaufen!

Spitzenläuferin und multiple Sklerose - geht das überhaupt? Für die 42-jährige Jasmin Nunige ist das keine Frage. Solange die Krankheit es zulässt, läuft sie weiter. Eine Behandlung hat sie bis heute nicht, schliesst aber nicht aus, später damit zu beginnen.
Jasmin Nunige beim Lauftraining
© Nicola Pitaro

Jasmin Nunige beim Lauftraining: «Ich muss heute nicht mehr laufen, ich darf laufen.»

Zum sechsten Mal gewann die 42-jährige Jasmin Nunige, Mutter von zwei Kindern, dieses Jahr den Swiss Alpine Marathon, und zwar mit 35 Minuten Vorsprung. Es war ein ganz spezieller Lauf, nicht nur wegen des 30-Jahr-Jubiläums des Anlasses, sondern weil kaum noch jemand diese Weltklasseleistung für möglich gehalten hätte. Im Jahr zuvor musste Jasmin Nunige schweren Herzens die Teilnahme am EM-Marathon in Zürich absagen. Die multiple Sklerose hatte ein zweites Mal in ihrem Leben zugeschlagen.

Angefangen hat es im März 2011. «Von einer Stunde auf die andere hatte ich Gefühlsstörungen in den Füssen. Es kam mir vor, als wären die Schuhe zu eng», erinnert sich die diplomierte medizinische Masseurin. «Ich hatte mir noch keine grossen Gedanken gemacht, sondern meine Laufschuhe etwas lockerer gebunden. Als diese eigenartigen Symptome sich dann bis zum nächsten Morgen bis zu den Oberschenkeln ausbreiteten, habe ich zum ersten Mal richtig Angst bekommen.»

Wenige Tage nach dem vorzeitigen Rückflug stand die Diagnose fest: MS. «Es war ein Schock und zugleich auch eine Erleichterung, weil meine Krankheit einen Namen hatte und ich wusste, mit wem ich es fortan zu tun habe.» Fragen über Fragen tauchten auf: Was mache ich beruflich? Was ist mit dem Laufsport? Zusammen mit ihrem Ehemann und Trainer machte sie eine Auslegeordnung und beschloss, Beruf und Sport so weit möglich herunterzufahren und sich mehr Freiräume zu Hause für die Familie zu schaffen. Sie stellte ihre Ernährung um, vermied Milchprodukte, Zucker und Weizen, obwohl sie weiss, dass dies längst nicht allen mit dieser Krankheit hilft.

In Absprache mit dem Arzt verzichtet sie vorerst auf Medikamente. «Natürlich machte ich mir Gedanken, ob das nicht fahrlässig ist. Ich habe eine Familie und möchte nicht riskieren, dass meine Krankheit weiter voranschreitet. Wichtig ist, dass jeder Patient selbst entscheiden kann, was für ihn stimmt und was nicht. Ich weiss auch, dass ich meinen Krankheitsverlauf und die Situation immer wieder neu anschauen muss. Vielleicht kommt eines Tages der Moment, wo ich zu einer Behandlung Ja sage, zumal es stets bessere, noch gezielter wirksame Medikamente gibt und man immer längere Erfahrung mit diesen Wirkstoffen hat.»

Lange Zeit verhielt sich die Krankheit ruhig. Bis vor der Heim-Europameisterschaft in Zürich im vergangenen Jahr. «Ich merkte, dass ich nicht fit und immer sehr müde war. Diese Müdigkeit war völlig anders als sonst. Und ich hatte eigenartige Muskelschmerzen, wie wenn ich kurz davorstand, einen Krampf zu bekommen.» Als sich in der Magnetresonanz-Untersuchung wieder neue Entzündungsherde im Gehirn und im Rückenmark zeigten, musste Jasmin Nunige sofort die Notbremse ziehen.

Ein Traum platzte. Die ganze Vorbereitung war umsonst. Für einen Lauf im eigenen Land, der für sie mit so viel Ehre und grossen Hoffnungen verbunden war. «Zu akzeptieren, dass die Krankheit wieder da ist, war nicht einfach. Und es brauchte lange, bis ich mich körperlich regenerierte.» Gedanken kamen auf, ob das unbeschwerte Laufen überhaupt jemals wieder möglich sei.

Es folgte der Winter. Wie zu Beginn ihrer langen Karriere ging Jasmin Nunige langlaufen. So bekam sie Distanz zum Erlebten und auch zum Laufen. Erst im Frühjahr schlüpfte sie wieder in die Joggingschuhe. Erst nur für kurze Einheiten von 20 Minuten Dauer. Es tat enorm gut. Wochen später folgte ein Lauf zusammen mit der ganzen Familie. «Meine Beine sind wieder da!», sagte sie zu ihrem Mann.

Ist Jasmin Nunige ein Vorbild für andere Multiple-Sklerose-Patienten? Ja, sie ist es. Und sie will es auch sein, obwohl sie weiss, dass MS tausend Gesichter hat und die Krankheit bei jedem anders verläuft. Und dass sie nicht sagen kann, wie es bei ihr selber weitergeht.

Eines weiss sie: Es macht keinen Sinn, sich gegen die Krankheit zu wehren. MS könne man nicht besiegen. Es sei viel besser, die Krankheit anzunehmen und mit ihr das Beste aus dem Leben zu machen, die Energie für gute Dinge und positive Gedanken zu verwenden.

«Multiple Sklerose ist für mich zum festen Begleiter geworden, zu einer Lebensaufgabe. MS ist jemand, der mir Hindernisse in den Weg stellt, aber auch viel Positives zeigt. Ich bin ein Glückskind, trotz oder gerade wegen dieser Krankheit. Ich habe einen verständnisvollen Mann, dem ich für alles von Herzen dankbar bin, und ich habe tolle Kinder. Ich muss heute nicht mehr laufen, ich darf laufen», sagt Jasmin Nunige.

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