Erkrankungen der Glandula Thyroidea Kommandozentrale Schilddrüse

Sie steuert Billionen Körperzellen, speichert Jod und produziert Hormone. Doch wenn die Produktion nicht funktioniert, kommt der ganze Körper durcheinander. Schilddrüsenstörungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen des endokrinen Systems, werden aber oft erst spät diagnostiziert.
Check-up Schilddruesenstoerung
© Keystone

Die Schilddrüse ist ein schmetterlingsförmiges, etwa elf Zentimeter kleines Organ.

Wir waren fasziniert von Frau Bieri, die drei Häuser entfernt von uns wohnte und mit deren Buben wir jeweils spielten. Frau Bieri hatte eine gewaltige, kindskopfgrosse Wucherung am Hals. Es sah aus, als ob sie einen Ball verschluckt hätte, der im Hals stecken geblieben war. Mutter hatte logischerweise keine Mühe, uns die Jodtabletten schmackhaft zu machen, die einer solchen Verunstaltung vorbeugen sollten. Das war vor etwa 50 Jahren. Doch Struma, wie der Kropf medizinisch heisst, gibt es auch heute noch, allerdings nicht mehr so häufig wie früher. Laut Prof. Jan Krützfeldt von der Klinik für Endokrinologie am Universitätsspital Zürich ist die ärztliche Versorgung heute aufmerksamer, sodass solche grotesken Schilddrüsen-Vergrösserungen nicht mehr vorkommen. «Knotenbildungen, die von aussen sichtbar sind und Schluckbeschwerden verursachen, gibt es allerdings immer noch, trotz der Jodierung von Salz.» Die häufigste Ursache einer Schilddrüsen-Vergrösserung ist ein ernährungsbedingter Jodmangel. Dazu kommt eine familiäre Komponente.

Viel häufiger als die Kropfbildung ist eine Unterfunktion der Schilddrüse, die Hypothyreose. Dabei werden zu wenig Schilddrüsenhormone gebildet und freigesetzt. Betroffen davon sind in der Mehrheit Frauen. Durch den schleichenden Verlauf und wegen unspezifischer Symptome wird die Störung oft erst spät diagnostiziert. Die Beschwerden reichen von Übergewicht über Müdigkeit, Erschöpfung, Verstopfung, Kälteintoleranz bis zum Ausbleiben der Menstruation. Wenn Betroffene mit diesen Symptomen zum Arzt gehen, ist es wichtig, dass auch an die Schilddrüse gedacht wird. «Mit den genauen Laborwerten können wir sehr schnell feststellen, ob die Unterfunktion der Schilddrüse therapiert werden muss oder ob die Veränderung keine krankhafte Bedeutung hat», erklärt Prof. Krützfeldt. Schilddrüsen-Veränderungen sind häufig. Würde man ein Screening durchführen, wäre laut dem Endokrinologen etwa jeder Zweite über 50 von einer Knotenbildung betroffen. «Wir wissen aber, dass die meisten Veränderungen der Schilddrüse nicht alarmierend sind», fügt er hinzu.

Häufigste Ursache einer Unterfunktion, die bis zum totalen Ausfall der Schilddrüse führen kann, ist die Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunerkrankung. Das Organ wird vom Immunsystem als fremd erkannt. Antikörper verstärken die Entzündung, im Weiteren kommt es zur Ausschüttung von Zytokinen. Diese Botenstoffe können buchstäblich zu einem Suizid der Schilddrüsenzellen führen. Die Symptome sind die gleichen wie bei einer Hypothyreose. Die Ursachen der Aktivierung des eigenen Immunsystems sind nicht bekannt, sicher liegt eine genetische Komponente vor. Schwerpunkt bei der Therapie ist die Substitution von Schilddrüsenhormonen.

Die Hyperthyreose, die Überfunktion der Schilddrüse, ist seltener als die Unterfunktion. Die Symptome sind Gewichtsabnahme, Herzklopfen, Schwitzen, Durchfall. Betroffene sind eher «speedy». Die Schilddrüsen-Hormone sind bei der Überfunktion erhöht. Bei jüngeren Patienten ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems die häufigste Ursache einer Hyperthyreose. Man spricht dann von einem Morbus Basedow. Bei einem kleinen Teil der Patienten mit einer Hyperthyreose kommt es zu einer Beteiligung der Augen. «Das Immunsystem greift nicht nur dieSchilddrüse an, sondern auch das Bindegewebe hinter dem Auge. Das kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen», erklärt Prof. Krützfeldt. Dem kann man aber vorbeugen. Das Risiko einer Augenbeteiligung bei einem Morbus Basedow ist bei Rauchern um den Faktor 7 erhöht. Aber nicht nur die Augen leiden. Der Zusammenhang zwischen Hyperthyreose und Osteoporose/Frakturen ist bekannt. Die Therapie besteht in der Normalisierung der Schilddrüsenhormone. Dafür gibts unterschiedliche Massnahmen.

Im Alter nimmt die Hormonproduktion der Schilddrüse ab, es besteht eher eine leichte Unterfunktion. Die Therapie ist nicht ganz einfach. «Bei einer unkontrollierten Substitution besteht immer die Gefahr einer leichten Überfunktion. Und das wiederum ist auf Dauer gefährlich. Die Knochen können ausdünnen, es kann zu Herz-Rhythmus-Störungen kommen», erklärt Prof. Krützfeldt. Es ist wichtig, dass bei älteren Menschen ein weniger aggressiver Ersatz betrieben wird. Gesonderte Schilddrüsenwerte für Senioren müssen noch erarbeitet werden.

Weltweit nehmen Schilddrüsen-Erkrankungen zu, was nicht allein auf Lebensstil oder Genetik zurückgeführt werden kann. Führende Wissenschafter warnen vor chemischen Substanzen, den sogenannten endokrinen Disruptoren. Sie greifen in das Hormonsystem ein und können Stoffwechselstörungen verursachen. Disruptoren kommen vor allem in Kunststoffverpackungen, Kosmetika, Pestiziden, elektronischen Geräten, aber auch in Fertignahrung vor. In der Berlaymont Declaration an die Europäische Union fordern Wissenschafter strengere Richtlinien für diese Stoffe. Was der Konsument tun kann: so wenig Fertignahrung wie möglich zu sich nehmen, auf Plastikverpackungen verzichten, statt Konserven frisches Gemüse verwenden und Getränke aus Plastikflaschen meiden.

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