Das Sonnenschein-Vitamin Vitamin D - gut für fast alles

Es wirkt präventiv gegen Stürze und Brüche, schützt unsere Gefässe und Nerven. Vitamin D verstärkt die Abwehr gegen Viren und Bakterien und verhindert sogar gewisse Krebsarten.
2 bis 3 Kapseln oder 2 Tropfen Vitamin D flüssig enthalten die empfohlene Tagesdosis von 800 Einheiten.
2 bis 3 Kapseln oder 2 Tropfen Vitamin D flüssig enthalten die empfohlene Tagesdosis von 800 Einheiten.

Noch vor 50 Jahren wurde den Kindern Vitamin D in Form von Lebertran verabreicht. Heute gibt man für die Knochengesundheit lieber Vitamin D pur, weil Lebertran zwar viel Vitamin D hat, aber auch Retinol. Während Vitamin D die Knochen stärkt, macht Retinol, vor allem bei Erwachsenen, die Knochen brüchig. Dazu kommt, dass in Europa kein Retinol-Mangel, jedoch ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel herrscht.

Das wundersame Vitamin kann aber noch viel mehr als Knochenbrüche verhindern. Prof. Heike Bischoff-Ferrari vom Universitätsspital Zürich hat sich das Vitamin als Forschungsschwerpunkt ausgesucht. Dafür erhielt sie eine Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und wurde mit dem DSM Nutrition Award ausgezeichnet. Ihre Forschung bringt Erstaunliches zutage: Genauso wichtig wie eine Reduktion des Frakturrisikos bei älteren Menschen ist der Erhalt der Muskelkraft, damit es gar nicht erst zu Stürzen kommt. Laut Prof. Bischoff-Ferrari reagiert die Skelettmuskulatur viel schneller auf den Mangel als der Knochen. Durch die Supplementierung von 700 bis 1000 Einheiten Vitamin D pro Tag wird die Muskelkraft gestärkt und das Risiko für Stürze um knapp einen Fünftel gesenkt. Das zeigt eine Metaanalyse von acht randomisierten, kontrollierten Doppelblindstudien an 2376 Patienten über 65.

Doch das ist noch längst nicht alles: Unser Gehirn ist übersät mit Vitamin-D-Rezeptoren. Eine bessere Vitamin-D-Versorgung wirkt sich schützend auf die Gefässwände und die Nervenzellen aus. «Genügend Vitamin D könnte weniger Gedächtnisverlust bewirken. Das untersuchen wir aktuell im Zentrum Alter und Mobilität der Universität Zürich», sagt Prof. Bischoff-Ferrari. Genügend Vitamin D wirkt sich auch positiv auf unsere allgemeine Gesundheit aus. «Vor allem zur Herz-Kreislauf-Gesundheit, Infektabwehr und Prävention von Karzinom-Erkrankungen, besonders bei Darmkrebs, gibt es beeindruckende Daten, die aber noch in grossen klinischen Untersuchungen belegt werden müssen.» Auch gegen das Grippe-Virus scheint das Vitamin wirksam zu sein. Bei einer japanischen Studie erhielt ein Teil der Kinder ein Scheinpräparat, der andere Teil Vitamin D. Die Kinder mit Vitamin D erkrankten 40 Prozent weniger an Influenza A als die Kinder mit Placebo. Asthmaanfälle nahmen unter Vitamin D sogar um 80 Prozent ab.

Vitamin D beeinflusst das Immunsystem. «In unserer Hüftbruchstudie konnte unter hoch dosiertem Vitamin D das Risiko für schwere Infekte bei älteren Menschen mit akuter Fraktur um 90 Prozent vermindert werden. Unsere Daten unterstützen die Untersuchungen anderer Forscher, die zeigen, dass unter Vitamin D das Immunsystem besser funktioniert, und zwar sowohl gegen Bakterien als auch gegen Viren», erklärt Prof. Heike Bischoff-Ferrari. Interventionsstudien laufen auch bei Frauen mit multipler Sklerose: «Es gibt Beobachtungen, dass Frauen mit einem genügend hohen Vitamin-D-Spiegel weniger oft an MS erkranken. Ebenfalls in Beobachtungs-studien zeigt sich, dass bei Kindern mit einer besseren Vitamin-D-Versorgung ein Diabetes Typ 1 weniger oft auftritt.»

Wie kann Vitamin D aufgenommen werden?
Und wie hoch sollte die tägliche Dosis sein? Es steht fest, dass 50 bis 70 Prozent der europäischen Bevölkerung mit Vitamin D unterversorgt sind. So die Zahlen des EU-Parlaments. Mit der Nahrung können wir nur wenig Vitamin D aufnehmen, ausser wir essen täglich zwei Portionen fetten Fisch oder 20 Eier. Die effizienteste Quelle ist die Sonne. In unseren Breitengraden aber fehlt uns diese während der Wintermonate. Und wenn sie scheint, sollten wir uns gleich an die pralle Mittagssonne legen, am besten ohne Kleider und schützende Creme! Das Hautkrebs-Risiko wäre damit zu gross. Zudem nimmt im Alter die Kapazität der Haut ab, auf Sonnenexposition Vitamin D zu erzeugen. Bleibt eigentlich nur die Supplementierung. Das gilt auch für Babys und Kinder: Nur etwa 60 Prozent der Babys bekommen in der Schweiz zusätzlich Vitamin D. Sie werden von der Mutter her nicht mehr versorgt. Auch bei exklusivem Stillen müsste eine Frau täglich mindestens 2000 Einheiten Vitamin D konsumieren, damit pro Liter Muttermilch 100 Einheiten beim Säugling ankommen. Ein Baby benötigt aber 400 Einheiten pro Tag.

Für Personen ab 60 empfiehlt unter anderem auch die internationale Osteoporose-Gesellschaft 800 Einheiten pro Tag. In einigen Ländern wie den USA werden bereits Lebensmittel mit Vitamin D angereichert. Das Bundesamt für Gesundheit hat eine Expertengruppe zusammengestellt, die Empfehlungen für die Schweiz ausarbeitet. In dieser Gruppe arbeitet auch Prof. Heike Bischoff-Ferrari mit: «Wir suchen Lösungen für eine bessere Versorgung. Mit Supplementen, aber auch mit angereicherten Nahrungsmitteln, die täglich gezielt konsumiert werden können. Da besteht Entwicklungsbedarf.»

CHECK Unterversorung
Gründe für Mangel

  • Weniger als 5 Prozent der Haut sind überhaupt der Sonne ausgesetzt.
  • Sonnenschutz verhindert ab Faktor 6 die Vitamin-D-Produktion.
  • Im Winter gibt es bei uns zu wenig Sonne.
  • Je dunkler die Haut, desto geringer die Vitamin-D-Bildung.
  • Ältere Menschen meiden die Sonne.
  • Die Eigenproduktion nimmt im Alter ab.
  • Lebensmittel enthalten Vitamin D nur in geringen Mengen.
  • Übergewichtige benötigen höhere Dosen.
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