Aids Warum Angst vor Aids uns schützt

Diagnose und Therapie von Aids werden immer besser. Das scheint fatale Folgen zu haben: Die Ansteckungen mit dem heimtückischen Virus nehmen jüngst wieder zu. Der Experte sagt, warum.
Warum Angst vor Aids uns schützt
© iStockphoto Warum Angst vor Aids uns schützt

Jahr für Jahr sind die Zahlen von neu infizierten Patienten zurückgegangen. Aids? Das betrifft doch nur die anderen, die Randgruppen! Und nun das! Vergangene Woche hat das Bundesamt für Gesundheit BAG seine neuste Statistik der sexuell übertragbaren Infektionen veröffentlicht: 2012 hat sich die Zahl der gemeldeten HIV-Ansteckungen in der Schweiz um 15 Prozent erhöht – auf 645 Fälle. Und es betrifft mitnichten nur Randgruppen: Vor allem bei den heterosexuellen Frauen ist die Zahl der Infektionen um 17 Prozent angestiegen.

Harry Witzthum, Pressesprecher der Aids-Hilfe Schweiz, sieht einen möglichen Grund dafür in der zunehmenden Sorglosigkeit angesichts des medizinischen Fortschritts: «Die Bagatellisierung von HIV ist nicht hilfreich. Darum versuchen wir, die Menschen mit unseren Präventionsbotschaften zu sensibilisieren.»

Doch genau die letzte Kampagne habe Aids zu stark verharmlost, findet dagegen Beda M. Stadler, Professor und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. «Fuck Positive» – so der Name der Kampagne – zeigt homosexuelle Männer in expliziten Stellungen. Frauen und heterosexuelle Männer werden damit nicht angesprochen. «Durch diese Kampagne wird zwischen den Zeilen kommuniziert, dass Aids nicht mehr so gefährlich sei.»

Ein fatales Signal: «Ich habe mit meinen internationalen Kollegen Rücksprache gehalten», sagt Stadler, «in allen Industrieländern ist wieder ein Anstieg der Ansteckungen zu beobachten.» Offenbar unterschätzen Heterosexuelle wie auch Homosexuelle das Risiko einer Ansteckung. «Der Laie vergleicht Aids mit anderen Infektionskrankheiten: Bei einem Tripper nimmt man Antibiotika, bei Aids einen Pillen-Cocktail!»

Erklärt dieser falsche Glaube an die Kraft der Medizin auch die Zunahme von anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis (16 Prozent) oder Gonorrhö (12 Prozent)? Stadler beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja. Das BAG hingegen tut sich noch schwer mit einer Aussage, es kann keine eindeutige Ursache für die Zunahme der Ansteckungen erkennen. Darum soll nun noch die Eidgenössische Kommission für sexuelle Gesundheit die Daten auswerten. Dabei liegt die Antwort auf der Hand. Stadler: «Die Angst vor dem Virus ging verloren – aber vor diesem Virus muss man Angst haben.»

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