Psychische Erkrankung Wenn die Seele Trauer trägt!

Eine Depression ist alles andere als eine Modediagnose. Gerade im Winter leiden viele darunter. Noch immer wird die Krankheit aber erst viel zu spät oder überhaupt nicht erkannt. Der Experte über die Anzeichen – und das, was hilft.

Eine Depression ist eine Erkrankung. Dafür braucht man sich nicht zu schämen. Jeder Mensch kann eine Depression bekommen, wenn bestimmte Faktoren zusammentreffen. Das sollte uns den Betroffenen gegenüber feinfühlig machen und uns jeden Anflug von Überheblichkeit nehmen. Eine Depression hat auch nichts mit vorübergehender Traurigkeit oder blosser Verstimmung zu tun. Bei der typischen Depression ist die Stimmung anhaltend gedämpft und lässt sich kaum durch positive Einflüsse verändern.

Menschen, die an einer Depression erkranken, sollen spüren, dass sie nicht allein sind. Hier sind wir alle gefordert, Schranken zu überwinden, Hemmungen abzulegen und auf die Betroffenen behutsam zuzugehen. Nichts ist für depressive Menschen wichtiger, als sich getragen zu fühlen, sich nicht zu isolieren und über ihr Befinden sprechen zu können.

«Unbestritten spielen Psychotherapie und Medikamente bei der Behandlung der Depression eine zentrale Rolle. Darüber hinaus ist es aber sehr wichtig, den Betroffenen Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie bei zunehmender Besserung die Behandlung selber aktiv unterstützen können. Damit verstärkt sich das Selbstvertrauen, etwas verändern und bewegen zu können», sagt der bekannte Zürcher Psychiater und Depressionsspezialist Dr. Joe Hättenschwiler.

«Es sind die ganz kleinen Erfolgserlebnisse im Alltag, der kurze Spaziergang, der Duft einer Blume im Frühling, die liebevolle Berührung eines Angehörigen, das Telefongespräch mit einem Arbeitskollegen, welche die Dunkelheit Zentimeter um Zentimeter zurückweichen lassen. Am Anfang fallen die Lichtstrahlen nur sehr spärlich in die Gefängniszelle der Depression, dann wird das Licht immer stärker, bis das Vertrauen in sich selber, in die Menschen und das Leben wieder da ist.» Wichtig sei einfach, dass man sich der Depression nicht einfach hingibt, sondern möglichst früh Hilfe in Anspruch nimmt, beim Arzt oder auch bei einer Selbsthilfegruppe.

Vielen Betroffenen hilft es, dem Gespenst «Depression» einen Namen zu geben, mit ihr zu sprechen, sie sogar zu beschimpfen, sie zu malen, ihr einen Brief zu schreiben oder ihr sonst Gestalt zu geben. Alles, was dazu beiträgt, aus der passiven Opferrolle auszubrechen, ist hilfreich. Der Depression Paroli bieten? Wie geht das?

Eine Patientin schildert das so: «Schon als Kind war ich keine fröhliche Natur. Nie hatte ich Gspänli oder eine Freundin. Obwohl ich einen liebevollen Mann heiratete und zwei tolle Jungs geschenkt bekam, war ich oft traurig. Grundlos. Immer versuchte ich, mir Mühe zu geben, eine fröhliche und gute Mutter zu sein. Dann kam es plötzlich zum Zusammenbruch. Die Depression hatte mich in den Krallen. Ich stürzte in ein tiefes Loch. Keine Lebenslust, kein Selbstwertgefühl. Ich fühlte mich als Versager. Kein Radio, TV, keine Familie, niemanden und nichts konnte ich ertragen.»

Nach einem vierwöchigen Aufenthalt in der Klinik ging es ihr wieder besser: «Ich bekam Medikamente und eine psychotherapeutische Behandlung. Ich glaubte, es könne mir nichts mehr passieren. Aber die Depression liess mich nicht so rasch los. Niemand kann sich vorstellen, wie es in mir aussieht und welch enormen Willen und welche Kraft es braucht, aus diesem Loch herauszukommen. Die guten Ratschläge wie ‹Nimm dich zusammen! Du hast keinen Grund, dich gehen zu lassen. Du hast ein schönes Haus und eine tolle Familie!› helfen dir nicht. Im Gegenteil: Meine Familie hat gelernt, mit meiner Depression umzugehen. Nicht sprechen, nicht fragen, mir Zeit lassen, einfach abwarten, bis ich spreche. Ein Lächeln und ein leichtes Streicheln wirken dagegen Wunder. Bin ich wieder oben und habe die Depression besiegt, bin ich stolz. Ich habe gelernt, dem Gespenst Paroli zu bieten. Ich weiss heute, dass ich darauf stolz sein darf!»

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