Mäder & Calmy-Rey «Interessieren sich junge Frauen nicht für Politik?»

40 Jahre Frauenstimmrecht und was es der Frau gebracht hat: Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und die Jungfreisinnige Brenda Mäder diskutieren über Quotenfrauen, Männer-Clans und mangelnde Stimmbeteiligung der Jungen.
Noch ein langer Weg oder bereits Wirklichkeit? In ihrem Gespräch im Salon du Président sind Brenda Mäder (l.) und Micheline Calmy-Rey selten einer Meinung.
© RDB/SI/Kurt Reichenbach Noch ein langer Weg oder bereits Wirklichkeit? In ihrem Gespräch im Salon du Président sind Brenda Mäder (l.) und Micheline Calmy-Rey selten einer Meinung.

Bern, Salon du Président im Westflügel des Bundeshauses. Hier empfängt Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, 65, die Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz, Brenda Mäder, 24. Es ist das erste Mal, dass die beiden Frauen aufeinandertreffen. Für Brenda Mäder verkörpert die Bundesrätin eine Frau, die hinsteht und Verantwortung übernimmt: «Das fällt auf. Denn es gibt noch nicht so viele Frauen, die das tun.» – Micheline Calmy-Rey: «Sie sind eine davon!»

Frau Bundespräsidentin, seit 30 Jahren sind Sie politisch engagiert. Wie hat sich die Berufstätigkeit auf Ihr Familienleben ausgewirkt?
Am Anfang meines politischen Lebens habe ich alles unter einen Hut bringen müssen. Die Kommissionssitzungen in Genf begannen um 17 Uhr und dauerten bis 19 Uhr – die Zeit, in der Kinder Schulaufgaben machen und Eltern kochen müssten. Wenn ich um 20 Uhr nach Hause kam, war nichts gemacht. Stattdessen spielten die Kinder im Wohnzimmer Fussball.

Ist Ihr Ehemann für Sie eingesprungen?
Einen Teil der Arbeit hat er übernommen. Er musste kochen – daran erinnern sich unsere Kinder noch heute. Sie sind trotzdem gross geworden.

Beide Partner müssen ihren Beitrag leisten. Einverstanden, Frau Mäder?
Eigentlich sollte jeder selber entscheiden können! Wenn ich Lust habe, zu Hause zu bleiben, sollte ich das dürfen. Und wenn ich als gut ausgebildete Frau meine beruflichen Chancen nutzen will, sollte auch das drinliegen.

Am 7. Februar 1971 – vor 40 Jahren – wurde das Frauenstimmrecht angenommen. Erinnern Sie sich an den Tag?
Calmy-Rey: Nein. Wenn es jedoch abgelehnt worden wäre, würde ich mich natürlich daran erinnern.

Waren Sie damals nicht politisch engagiert?
Für mich stand das Studium im Vordergrund. Aber klar, ich war politisch interessiert. Mein Vater gehörte als SP-Gemeinderat im Unterwallis einer Minderheit an. Das war schwierig. Er hat für seine Ideen kämpfen müssen.

Auch für das Frauenstimmrecht?
Ja natürlich: Er hatte drei Töchter. Sonst hätte er es schwer gehabt zu Hause.

Frau Mäder, haben Sie sich mit Ihren Grosseltern über diese Zeit unterhalten? Einmal schauten wir uns gemeinsam Abstimmungsplakate von damals an. Würde eine Partei heute diese Plakate aufhängen, wäre dies ein Skandal. Auf einem stand geschrieben «Mutter macht Politik», dazu ein Bild, auf dem ein Kind scheinbar verhungert und verdurstet. Mich erstaunte, mit welch harten Bandagen damals gekämpft wurde.

1959 sagten 66 Prozent Nein, 1971 waren 65 Prozent dafür. Was, wenn die Männer das Frauenstimmrecht abgelehnt hätten?
Mäder: Das wäre eine riesige Peinlichkeit gewesen!
Calmy-Rey: Wir hätten die Menschenrechtskonvention des Europarates nicht unterzeichnen können. Auch die Vorreiterrolle, die die Schweiz bei der Förderung der Menschenrechte heute international spielt, wäre nicht möglich gewesen. Ein Land, das die Hälfte seiner Bevölkerung von der Urne abhält – völlig unglaubwürdig!

Trotzdem: Das ist erst 40 Jahre her!
Calmy-Rey: Ja, aber es sind 40 Jahre. Gott sei Dank!

Heute haben wir Tagesschulen und Kinderkrippen. Die Strukturen haben sich massiv verbessert.
Calmy-Rey: Es ist viel gegangen, das stimmt. Aber noch nicht genug! Mäder: Für mich ist das eine Generationenfrage. Ich fühle mich als junge Frau nicht benachteiligt. Weder in der Gesellschaft noch in der Wirtschaft. Die Chancengleichheit ist Realität. Aber dass in börsenkotierten Firmen nur drei Prozent Frauen im Verwaltungsrat sitzen, liegt nicht nur an fehlenden Kompetenzen aufseiten der Frauen.

Sondern?
Einerseits trauen sich Frauen zu wenig zu. Oder fordern zu wenig. Andererseits gibt es eine gläserne Decke: Wo Männer-Clans das Sagen haben, werden Männer aus diesen Clans nachgezogen. Es ist eine Frage der Zeit, bis diese Decke durchbrochen wird, keine Frage der fehlenden Strukturen.
Calmy-Rey: Das Strukturproblem können Sie nicht wegdiskutieren. Aber Sie erwähnen einen Punkt, der auch mich betrifft: Wenn Kaderleute rekrutiert werden, hat man noch immer das Bild eines Mannes im Kopf.

Sogar Sie?
Nein, aber auch ich muss aufpassen. Diese Vorstellungen sind tief verankert. Vielleicht sind die Frauen auch zu wenig selbstbewusst.

Die Frauen sind also selbst schuld?
Nein, das will ich nicht sagen. Die gläserne Decke ist eine Realität. In der Wirtschaft ist es sogar eine Betondecke. Nordische Länder haben Frauenquoten. In Norwegen ist ein gewisser Prozentanteil Frauen für die Verwaltungsräte vorgeschrieben.

Ein Modell auch für die Schweiz?
Calmy-Rey:
Das stösst auf Widerstand, ich weiss. Aber wir haben de facto Quoten, im Bundesrat zum Beispiel für Parteien und Regionen. Wenn es hilft, bin ich für Frauenquoten.
Mäder: Frauenquoten passen mir gar nicht. Ich möchte keine Quotenfrau sein. Wenn sich eine Frau und ein Mann bewerben, soll der Bessere oder die Bessere das Rennen machen. Bei den Banken wollen schon heute viele Kunden lieber von Frauen beraten werden. Ich setze auf diese Kräfte.
Calmy-Rey: Ich bin eine Quotenfrau! Die SP suchte damals Kandidatinnen für den Grossrat, weil sie sich eine Frauenquote von 50 Prozent auferlegt hatte. Ich wehrte mich gegen die Kandidatur, ich hatte ja keine Erfahrung. Doch die Parteispitze drängte mich und sagte, ich würde eh nicht gewählt. Nun, ich wurde gewählt. Ich bin dankbar dafür und habe auch etwas draus gemacht.

Die Quote würde heissen, dass bei einer Stellenausschreibung beispielsweise zehn Männer zugunsten einer Frau übergangen werden. Da würde der Mann diskriminiert!
Calmy-Rey: Da gehen Sie davon aus, dass Frauen weniger gebildet sind als Männer. Ich empfinde es nicht als diskriminierend, wenn bei gleicher Qualifikation die Frau bevorzugt wird. Es geht ja darum, dass die Entscheidungsträger bei der Rekrutierung ihre Vorurteile ablegen und die Kompetenz der Frau anerkennen.
Mäder: Ich finde es toll, wenn sich das ein Arbeitgeber auf seine Fahne schreibt. Aber der Staat darf das nicht vorgeben.

In New York verdienen junge Frauen schon heute mehr als junge Männer, weil sie besser ausgebildet sind.
Calmy-Rey: Ja, sehen Sie!

Eben, die Wirtschaft wandelt sich. Es braucht keine Eingriffe des Staates.
Calmy-Rey: Die Frauen holen in der Berufswelt auf, die Tendenz stimmt. Aber das Problem, dass sich die Frau oft zwischen Karriere und Kind entscheiden muss, besteht weiterhin. Und sie wird zögern, sich für den Beruf zu entscheiden. So geht viel Potenzial verloren. Deshalb braucht es politische Massnahmen!

Dabei sind Sie das beste Beispiel dafür, dass man in der Schweiz als Frau Studium, Beruf, Familie und Politik vereinen kann.
Ich wählte für meine Kinder eine Tagesschule. So konnte ich einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Das war nicht gratis. Noch heute ist das Angebot nicht umfassend genug. Meine Tochter hat drei Kinder und erlebt da so einiges.

Ist sie berufstätig?
Ja, sie arbeitet Vollzeit.

Krippenplätze kosten oft fast so viel, wie die Mütter verdienen.
Calmy-Rey: Genau. So besteht kein finanzieller Anreiz zu arbeiten.
Mäder: Frauen können es nicht allen recht machen. Den einen wird vorgeworfen, sich zu wenig um die Kinder zu kümmern. Den anderen, dass sie nicht arbeiten. Ich akzeptiere beide Lebensentwürfe. Wenn eine Frau mit 20 schwanger wird, daheimbleibt und mit 40 wieder in den Beruf einsteigt, ist das auch ein Ansatz.
Calmy-Rey: Dieser Wiedereinstieg ist nicht so einfach. Heute gibt es viele gebildete Frauen, die ohne Kinder bleiben. Weil Karriere und Kinder in der Praxis nur sehr schwierig miteinander zu vereinbaren sind. Hier ist die Familienpolitik gefordert.

Frau Mäder, Ihre Partei wehrt sich gegen eine starke Familienpolitik.
Eingriffe ins Private sind immer heikel. Wir würden uns wehren, wenn es wieder in die andere Richtung ginge: traditionelles Familienbild, Rollenteilung, die Frau daheim. Ich frage mich aber: Muss der Staat Anreize setzen, damit Frauen Kinder bekommen?
Calmy-Rey: Entscheidend bleibt die Wahlfreiheit für die Frauen. Wir haben Fortschritte gemacht. Aber junge Frauen haben noch Schwierigkeiten.

Es gibt auch Gegentrends: Bei einigen jungen Frauen hat man den Eindruck, dass sie in erster Linie an ihrem Äusseren arbeiten …
Calmy-Rey: Das ist doch kein Widerspruch. Eine gut ausgebildete Frau muss doch nicht unbedingt furchtbar aussehen!
Mäder: Models sehen gut aus und können trotzdem rechnen!

Und immer mehr Frauen wollen jung heiraten und gleich Mutter werden …
Calmy-Rey: Das ist die persönliche Entscheidung jeder einzelnen Frau. Mein Appell lautet: Stimmen Sie ab! Engagieren Sie sich! Gestalten Sie Ihre Zukunft!
Mäder: Dieser Appell geht aber auch die Männer an. Doch damit Männer und Frauen Teilzeit arbeiten können, das ist Sache der Unternehmen – auch hier setze ich auf die Marktkräfte.
Calmy-Rey: Die Frau muss hundert Prozent arbeiten können. Denn wer nur die halbe Zeit im Büro ist, hat es in diesen Strukturen sehr schwer, Kaderfunktionen auszuüben – das kann ich Ihnen sagen! Einige sagen sogar, wenn mehr Frauen in den Verwaltungsräten sitzen, hätten wir die Finanzkrise nicht gehabt.

Glauben Sie das auch?
Da ist sicher etwas dran. Auf jeden Fall haben wir Frauen es in der Hand, seit wir das Stimmrecht haben.

Dabei nutzen Frauen das Stimmrecht nicht intensiv: 2007 stimmten im Schnitt nur 43 Prozent der Frauen ab gegenüber 55 Prozent der Männer.
Calmy-Rey: Das ist schade. Wenn man jung ist, hat man andere Prioritäten und fragt sich: Warum soll ich kämpfen und mich politisch engagieren? Und wenn man dann Kinder hat, fehlt die Zeit dazu. Aber Sie, Frau Mäder, können das sicher besser erklären.
Mäder: Teilweise fehlt den Jungen das politische Bewusstsein. Aber ich kann nicht erklären, wieso der Anteil der Frauen so tief ist. Sonst sagen die Frauen ihre Meinung ja auch!

Interessieren sich junge Frauen nicht für Politik?
Mäder: In meinem Umfeld schon. Hoffnungsvoll stimmen mich soziale Medien wie Facebook und Twitter, wo sich junge Menschen politisch äussern.

Immerhin haben wir heute vier Frauen im Bundesrat!
Calmy-Rey: Darüber bin ich sehr froh. Neben Finnland sind wir in Europa das einzige Land mit einer Frauenmehrheit. Mäder: Das ist positiv. Nur keine Frau wäre schlecht. Gemischte Teams sind meistens stärker.

Also besser nicht sieben Bundesrätinnen?
Calmy-Rey: Warum nicht? Im Gegensatz zu bestehenden Vorurteilen ziehen wir uns nicht ständig an den Haaren und beschimpfen uns.
Mäder: Nur Männer können sich nicht vorstellen, dass sieben Frauen miteinander klarkommen.

Brenda Mäder:

  • Geboren in Weinfelden TG am 24. 4. 1986
  • Karriere: Abgeschlossenes Studium Banking und Finance an der Uni St. Gallen. Zurzeit für die Thurgauer Kantonalbank tätig. Seit einem Jahr Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz, Mitglied der Parteileitung FDP Schweiz und Thurgau
  • Familie: Nach ihrer Beziehung mit Philippe Nantermod, Vizepräsident der Jungfreisinnigen, ist sie wieder Single

Micheline Calmy-Rey:

  • Geboren in Sitten VS am 8.7.1945
  • Karriere: Abgeschlossenes Studium der Politikwissenschaften in Genf. Führte während 20 Jahren ein im Buchvertrieb tätiges Unternehmen und hatte diverse Verwaltungsratssitze inne. Seit 1981 SP-Politikerin und seit 2003 Mitglied des Bundesrates und Vorsteherin des EDA.
  • Familie: Mit André Calmy verheiratet. Zusammen haben sie zwei erwachsene Kinder

 


 


 

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