Peter Wawerzinek Befreiungsschlag eines Verstossenen

Peter Wawerzineks Autobiografie ist ein literarisches Meisterwerk. Seine Suche nach der Mutter von schmerzvoller Wucht.
Peter Wawerzineks Buch "Rabenliebe" (Galiani Berlin)
Peter Wawerzineks Buch "Rabenliebe" (Galiani Berlin)

«Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern hineingeraten, als mir lieb ist.» Mit diesen Gedanken eröffnet der Ostdeutsche Peter Wawerzinek seine aufwühlende Kindheitsgeschichte: Er ist noch ein Kleinkind, als ihn die Eltern in einer Rostocker Wohnung zurücklassen, um in den Westen zu fliehen. Völlig verwahrlost wird er gefunden. Eine Odyssee durch verschiedene Kinderheime in der DDR beginnt. Peter ist unterernährt, zurückgeblieben – verstummt. Er hält Zwiesprache mit den Vögeln. Liebt den Winter, den Schnee. Heute noch. Schliesslich wird der Junge adoptiert und wächst an der Ostseeküste auf. «Von den Berufen, die mir in der Kindheit vorschwebten, erinnere ich mich an Kosmonaut, Zirkusclown, Tiefseetaucher, Koch. Schriftsteller war nicht dabei.» Nach seinem abgebrochenen Kunststudium hat Wawerzinek sich in der Ostberliner Szene als Performer und Stegreifpoet einen Namen gemacht, schreibt Prosa und Hörspiele. Über «Rabenliebe» sagt der Autor: «Ich möchte mein Thema wie einen Bombengürtel tragen, mich mit ihm in die Luft jagen. Anders gelingt der Roman zur Mutter nicht.» Im Zentrum der erschütternden Chronik des Verstossenen steht die Frage nach dem Warum. In die literarisch anspruchsvolle Autobiografie fliessen Kinderreime, Schubert-Lieder oder Popsongs. Immer wieder blendet der Schreibende aktuelle Medienberichten über Kindsmisshandlung und -missbrauch ein.

Die Mutter hat Wawerzinek nach fünf Jahrzehnten getroffen. Ein einziges Mal. «Ich war danach mutterloser als zuvor, aber ich hatte mich von ihrem Schatten befreit.» Ein Buch wie ein Vulkan!

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