Andreas Jaeggi Der Tausendsassa

Erfolg über die Grenze: In der Pariser Oper steht Andreas Jäggi als Solist auf der Bühne. Parallel dazu macht der Tenor aus Basel Karriere als Maler - in der Schweiz und in Frankreich.
Der Mensch vor der Geburt. Andreas Jäggi malte als Artist-in- Residence für das naturhistorische  Museum in Le Havre (F).
Der Mensch vor der Geburt. Andreas Jäggi malte als Artist-in- Residence für das naturhistorische Museum in Le Havre (F).

Er ist ein durch und durch musischer Mensch. Der Basler Andreas Jäggi, 57. «Singen, malen und zeichnen ist für mich wie atmen, essen und trinken», betont er. «Wobei ich als Künstler einen ziemlich langen Atem brauche.» Im Gegensatz zum Singen.

Als Tenor steht er in der neuen Spielzeit der Pariser Nationaloper Bastille in drei Produktionen auf der Bühne. Und dies gleich in drei verschiedenen Sprachen: In der «Salome» von Richard Strauss singt er deutsch, im «Werther» von Massenet französisch und in «Billy Budd» von Britten englisch. «Das sind aufregende Projekte», freut sich Jäggi. Singen sei für ihn Spitzensport, das tägliche Stimm­training ein Muss. «Für mein Gleichgewicht ist die Malerei deshalb sehr wichtig», betont der ausgebildete Grafiker.

Die Engagements im Ausland wecken im Sänger die Gefühle von Ruhelosigkeit, Verlassenheit und Heimatlosigkeit. Mit der Malerei schafft er sich ein Daheim in der Fremde. Im Koffer stets mit dabei ist deshalb das Malzeug. Zuerst kommen die Partituren ins Gepäck, dann Pinsel und Farbe und zum Schluss reichts gerade noch für ein paar T-Shirts. «Ich male überall und jeden Tag, selbst auf dem Küchentisch», erzählt er. Und lacht. «Weil ich nicht warten kann, bis ich wieder zu Hause in Basel bin.»

Nun ist er Gastkünstler im naturhistorischen Museum in Le Havre. Als Artist-in-Residence gestaltete er eine Werkserie für die Ausstellung «Vor der Geburt, Bilder aus 5000 Jahren». Die von Alain Germain kuratierte Schau umfasst unter anderem auch einen altägyptischen mumifizierten Fötus in einem bemalten Sarkophag und lebensgrosse Wachsmodelle aus dem 19. Jahrhundert.

Um jedem Objekt eine starke Präsenz zu vermitteln, wurden alle Räume schwarz gestrichen. Auch jene mit Jäggis Werken. Innerhalb von 14 Tagen schuf er 17 Bilder und 4 Zeichnungen. «Die grösste Arbeit war die mentale Vorbereitung und die Auseinandersetzung mit den vorgeburtlichen Bildern.» Denn die Kunstwerke sind inspiriert von dreidimensionalen Hightech-Ultraschallaufnahmen, die ihm der Arzt Jean-Marc Levaillant zur Verfügung stellte.

Die grossen Gemälde wirken skizzenhaft und gestisch. Der Maler hat den anonymen Wesen eine Identität gegeben. Kein Kinderspiel. «Die Darstellung eines Ungeborenen ist anspruchsvoll. Entweder wird es schnell zum Monster oder wirkt zu süss.»

Le Havre – Paris – Basel: Andreas Jäggis Terminkalender ist ausgebucht. Sein langjähriger amerikanischer Lebenspartner Ron Rubey kümmert sich um seine Engagements, Finanzen und ums Büro. «Ohne ihn könnte ich das alles nicht schaffen. Ron hält mir den Rücken frei.»

Der Künstler und der ehemalige Profitänzer leben in einer grosszügigen Jugendstilwohnung beim Zolli. «Ich geniesse mein Zigeunerleben erst, seit wir dieses schöne Zuhause haben», gesteht Jäggi. Wenn er Zeit hat, verzieht er sich abends ins Atelier im Keller. Bringt die Bilder in seinem Kopf auf die Leinwand. Flink und locker.

Diese Leichtigkeit widerspiegelt sich auch in den Motiven. Ein Haus, erhascht durchs Fenster eines Flugzeugs oder aus der Tiefe einer Strassenschlucht. Die Wendeltreppe im New Yorker Guggenheim-Museum. Die «Mona Lisa» im Louvre. Arbeiten, die mit ihren ungewöhnlichen Perspektiven eine andere Sehweise provozieren.

Wer es nicht bis Le Havre schafft, um Andreas Jäggis neueste Kunst zu sehen, kann ihr aktuell auch in Basel begegnen. «Schöne Aussichten» ist eine 80 Bilder und Skulpturen umfassende Werkschau des Künstlers in der Basler Privatbank Trafina (bis 31. 1. 2010). Die Ausstellung macht seine künstlerische Vielfältigkeit und seinen unglaublichen Schaffensdrang sichtbar.

Muséum d’histoire naturelle DU HAVRE (F) Bis 8. 3. 2010 Di–So 9.30–12 / 14–18 Uhr, 0033 - (02) 35 41 37 28, www.ville-lehavre.fr

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