Buchtipp: «Ich über mich» Die Chronik eines tragikomischen Lebens

Grégoire Bouilliers Roman ist schräg, grausam und hellsichtig zugleich – und Lesevergnügen pur.
Die Chronik eines tragikomischen Lebens
Die Chronik eines tragikomischen Lebens

Die unglaublichsten Geschichten schreibt noch immer das Leben selbst. Eine davon beginnt mit dem Satz: «Ich hatte eine glückliche Kindheit.» Bereits zehn Zeilen später ist es mit der Idylle jedoch schlagartig vorbei. Grégoires Mutter stürzt sich beinahe aus dem Fenster. Sie erträgt es nicht, dass sich ihr siebenjähriger Sohn von ihr «etwas zu sehr geliebt» fühlt. In letzter Sekunde kann der Vater sie ins Zimmer zurückzerren. Um den Blutfleck, der seit dem Gerangel an der Wand haftet, malt Grégoire Kreise und nutzt ihn als Zielscheibe für Dartpfeile.

Zusammen mit seinem Bruder wächst er nur einen Katzensprung von den Champs-Elysées entfernt auf. Die Eltern sind Freigeister, geben Partys, schlafen sich durch den Freundeskreis. Mit elf erlebt Grégoire seine Eltern beim Gruppensex. Am nächsten Tag fragt seine Mutter in der Küche: «Ich hoffe, das hat dich nicht schockiert?» Damit ist die Sache vom Tisch.

Kurz darauf entdeckt Grégoire seine eigenen Gefühle und verliebt sich in Marie-Blanche, die Schwester seines besten Freundes. Es ist der Auftakt zu einem unglücklichen Liebesreigen, der sich durch sein ganzes Leben zieht.

Schon früh erkennt Grégoire Bouillier das Wesen der Literatur. Mit zehn Jahren schreibt er in der Schule einen Aufsatz über den Souk von Marrakesch, über die exotischen Düfte, die schillernden Farben und heimst dafür Bestnoten ein. «Was das Verhältnis von Literatur und Hochstapelei anging, stimmte mich das nachdenklich. Ich war nie in ­Marrakesch gewesen und hatte auch keinen Geruchssinn.»

Geistreich und lakonisch erzählt der Franzose mit algerischen Wurzeln die Geschichte seiner ersten 40 Lebens­jahre. Die Chronik tragikomischer Ereignisse machte ihn in Frankreich zur Kultfigur. Zu Recht.
  

Deshalb werden Sie es mögen

  • Anregend: Sein eigenes Leben mal von aussen betrachten.
  • Erkenntnis: Eine komplizierte Kindheit lässt sich mit Humor leichter ertragen.
  • Skurriler Satz: «Noch heute ist für mich nichts herzzerreissender als ein Laken.»

Bestellen: Grégoire Bouillier: «Ich über mich» (Nagel & Kimche)

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