Bücher & Co. Die Wiederentdeckung einer Meister-Erzählerin

Eudora Welty war Vorbild für Schriftsteller wie Truman Capote. Ihr Motto: Das Leben schreibt die besten Geschichten.
Die Wiederentdeckung einer Meister-Erzählerin
Die Wiederentdeckung einer Meister-Erzählerin

«Ich kam mit Mama, Papa-Daddy und Onkel Rondo gut zurecht, bis meine Schwester Stella-Rondo sich einfach von ihrem Mann trennte und nach Hause zurückkam.» Schon im ersten Satz der Erzählung «Warum ich auf dem Postamt wohne» sät Eudora Welty den Samen für eine baumstarke Familienauseinandersetzung.

Wer kennt das nicht: Streit mit der älteren Schwester, die sich stets alles herausnehmen durfte. Auszog, mit Kind und ohne Mann zurückkommt und trotzdem wieder der Star ist. Worauf sich die Daheimgebliebenen wütend fragen, wie sie es hinkriegt, trotz ihrer zickigen Art immer wieder das Schätzeli zu sein. Eudora Welty schreibt über das, was wir Alltag nennen. Was wir uns beim Abendessen erzählen: vom Besuch beim Coiffeur, dem Vertreter auf der Durchreise oder der behinderten jungen Frau, die einen Musiker heiraten möchte.

Meist drehen sich die Kurzgeschichten der Pulitzerpreisträgerin um eigen­willige, liebenswerte Aussenseiter. Erschienen in den 1940er-Jahren waren sie vergriffen, vergessen. Obwohl die Autorin für Literaten wie Truman Capote das grosse Vorbild war.
Nun ist die Sammlung ihrer humorvollen, augenzwinkernden Beobachtungen unter dem Titel: «Ein Vorhang aus Grün» wieder aufgelegt worden.

Welty war auch eine herausragende Fotografin. Und so erinnern ihre Texte an gestochen scharfe Fotos. Schnappschüsse von Menschen, an die sie sich heranzoomt. Es geht um Liebe, Sehnsüchte, Trauer, unerfüllte Wünsche, Mut, Einsamkeit. Alle Geschichten spielen in den amerikanischen Süd­staaten – Weltys Heimat –, und so ­thematisiert sie selbstverständlich auch das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weissen. Ihre Themen sind zeitlos. Jede Betrachtung ein Blick durchs Schlüsselloch – ins Leben der anderen.

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