Bernhard Ruiz-Picasso Ein echter Picasso

Bernhard Ruiz-Picasso ist der Enkel des Mal-Genies Pablo Picasso. Die Retrospektive im Kunsthaus Zürich ist für seine Familie ein Jahrhundertereignis. Der Verleger und Poet über den Mythos. Und wie sein Grossvater wirklich war.
Bernard Ruiz-Picasso, 52: «Kunstwerke sind die erfolgreichsten Botschafter der Welt.»
© Marcel Nöcker Bernard Ruiz-Picasso, 52: «Kunstwerke sind die erfolgreichsten Botschafter der Welt.»

Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Die hohe Stirn, derselbe direkte Blick. Warme, charmante Augen, ein Lächeln, das direkt ins Herz zielt. Bernard Ruiz-Picasso strahlt die Noblesse eines Gentlemans aus und hat diese französische Art, sich zu kleiden – leger und elegant zugleich. Er ist der einzige «legitime» Nachkomme des Jahrhundertmalers Pablo Ruiz y Picasso (1881–1973). Die komplexen Familienverhältnisse erläutert der 52-jährige Enkel, Poet, Buchverleger und Kunstexperte mit Wohnsitz in Paris und Brüssel gleich selber: «Mein Grossvater Picasso war in erster Ehe mit der Primaballerina Olga Chochlowa verheiratet. 1921 kam Paulo zur Welt – mein Vater!»

Bernard Ruiz-Picasso war in den 60er-Jahren oft bei seinem Grossvater in Antibes und Mougins zu Besuch. «Für uns Kinder war sein kreatives Reich das Paradies. Picasso ging mit uns schwimmen oder spielte Pingpong.» Nun ehrt das Kunsthaus Zürich das Genie mit 74 aufregenden und selten gezeigten Ölbildern (bis 30. Januar 2011) aus der Blauen und Rosa Periode sowie der Gründerzeit des Kubismus. Spektakulär: 1932 war diese Schau in Zürich schon einmal zu sehen. Damals an Picassos Seite: Gattin Olga und der elfjährige Paulo. Die Familie fuhr mit einer Hispano-Suiza-Limousine vor. Der Chauffeur trug weisse Handschuhe, eine Gouvernante kümmerte sich während der Reise um den gelangweilten Knirps.

Herr Bernard Ruiz-Picasso, was war Ihr Grossvater für ein Mensch?
Er war nett und generös und brachte uns Kinder mit seinem spanischen Temperament zum Lachen. Er liess uns spüren, dass er uns mochte. Das ist aussergewöhnlich, weil Künstler oft egozentrische Charaktere haben und ihre Energie in ihre Arbeit stecken.

Welches war seine Schwäche?
Er wurde wütend, wenn jemand fünfoder sechsmal denselben dummen Fehler machte.

Wie lebt es sich als Picassos Enkel?
Dass ich privilegiert bin, wurde mir erst nach seinem Tod richtig bewusst. Meine Eltern machten keinen Hype darum, dass wir aus einer besonderen Familie stammen. Mein grösstes Privileg ist, dass ich schon mein Leben lang von wundervollen Kunstwerken umgeben bin.

Sassen Sie ihm Modell?
Nein, aber mein Vater Paulo. Er wurde oft von ihm gezeichnet, unter anderem für die Gemälde «Paulo als Harlekin» oder «Paulo mit weissem Hut», die sich in unserem Privatbesitz befinden. Schön finde ich die Sanftheit, die er in diese Bilder hineinlegte.

Durften Sie Ihrem Grossvater beim Malen über die Schulter schauen?
Er spielte mit uns im Garten, zeichnete oder bastelte mit uns kleine Objekte. Bei der Arbeit wollte er ungestört sein. Die Türe zu seinem Atelier, wo er malte und töpferte, schloss er mit einem Schlüssel ab, den er immer im Hosensack trug.

Welches Erinnerungsstück ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Er schenkte mir oft Skizzen und selbst gebasteltes Spielzeug. Zum Beispiel ein kleines Pferdchen, das er aus einem alten Fernsehtisch zimmerte. Heute erkenne ich darin eine formvollendete Skulptur, die seine Handschrift trägt.

Wie viele Originale besitzt Ihre Familie?
Picassos OEuvre umfasst rund 3500 Gemälde, 20 000 Zeichnungen, 3000 Keramiken und 300 Skulpturen. Was in unserer Familie blieb, vermachten wir zum Teil als Schenkungen Museen und Institutionen. Mit meiner Frau Almine Rech, sie ist Galeristin für Gegenwartskunst, habe ich 2002 die Stiftung Fundación Almine y Bernard Ruiz-Picasso gegründet. Wir leihen unsere Werke oft aus. Ich finde, dass intellektuelle Kulturgüter allen zugänglich sein sollen.

Picasso ist der teuerste Künstler der Welt. Sind die Rekordsummen vertretbar? Schwer zu sagen. Indirekt beeinflusst diese Tendenz die gesamte Kunstwelt und wertet die Arbeit vor allem junger Künstler auf.

Warum ist er bis heute eine Ikone, ein Mythos?
Picassos Kunst hat seine eigene, unkontrollierbare Kraft. Er hat sich in seiner Arbeit nie wiederholt, liess Erfahrungen und Gefühle in seine Bilder einfliessen. Zum Beispiel in der Blauen Periode, wo er melancholisch und traurig war. Als er sich in seine Muse Marie-Thérèse Walter verliebte, wurden sein Stil bunt und expressiv. Er hatte den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Nicht viele spürten damals das Potenzial des Kubismus. Picasso schon. Er wagte den Schritt in die Moderne, auch wenn er anfänglich angefeindet wurde.

Wo war sein emotionales Zuhause?
Er lebte als Spanier im Exil, hatte zwei Weltkriege miterlebt. Das Licht, die Farben, das Meer in Südfrankreich erinnerten ihn an seine Heimat.

War er glücklich?
Familie und Freunde gaben ihm Halt, er konnte sich ohne finanzielle Sorgen in seiner Kunst verwirklichen. Ich weiss nicht, ob aussergewöhnliche Künstler oder Menschen wirklich glücklich sind. Ich glaube, es ist komplizierter.

Picasso verliebte sich oft in seine Modelle. War er ein Frauenheld?
Seine magische Wirkung auf die Damenwelt ist legendär. Er konnte Menschen allein mit seinem Blick ausziehen, sodass man sich fast nackt vorkam.

Ihre Grossmutter Olga Chochlowa wollte die Scheidung von Picasso, als er mit seiner Geliebten Marie- Thérèse Walter die uneheliche Tochter Maya bekam. Nach französischem Recht hätte er seinen Besitz mit ihr teilen müssen – daran hatte er kein Interesse.
Über ihren gemeinsamen Sohn blieben sie freundschaftlich verbunden. Die Heirat war bis zu ihrem Tod 1955 formal gültig. Gegen Ende seines Lebens heiratete er ein zweites Mal: Jacqueline Roque. Diese Ehe blieb kinderlos.

Picasso zeugte vier Kinder – Paulo, Maya, Claude, Paloma – und hatte sieben Enkelkinder. Wie gut verstehen sich die Nachkommen heute?
Sehr gut. Wir alle tragen den Namen Picasso mit Stolz.

Kunsthaus Zürich: Bis 30.1.2011
Sa/So/Di 10.-18, Mi-Fr 10-20 Uhr

Tel. 044-253 84 84, www.kunsthaus.ch

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