Marcel Imsand Eine Ode ans Leben

Er ist einer der grossen Schweizer Fotografen: Marcel Imsand. Seine Meisterwerke «Paul et Clémence» und «Les Frères» sind nun in Bulles zu sehen.

Was für ein Bild. Düster, schmucklos das Zimmer, am Boden verstreut liegen Papier und Aktionsschilder aus dem Supermarkt: günstigere Birnen, herabgesetztes Raclette oder gar ein Fauteuil zum halben Preis. Gedacht sind sie wohl zum Anfeuern des grossen Ofens, auf dem - wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und mit den Beinen zappelt - ein alter Mann ruht und seine müden Glieder wärmt. Ganz bei sich, in Gedanken versunken. Eine Szene, die berührt. Wegen der augenscheinlichen Armut, der Zerbrechlichkeit und spürbaren Erschöpfung des alten Menschen. Aber auch wegen der Vertrautheit, die dem Fotografen ermöglicht, diesem intimen Moment nicht nur beizuwohnen, sondern ihn auch bildlich einzufangen.

Sieben Jahre lang besuchte der Fotograf Marcel Imsand die über 90-jährigen Zwillingsbrüder Louis und Emile Vionnet auf ihrem Hof in Vaulruz im Kanton Fribourg. Eine Freundschaft entwickelte sich, nach und nach entstanden Fotos. «Ich entdeckte dort eine andere Welt, etwas, was uns schon lange verloren ging: Ruhe, Frieden. Die Zeit schien stillzustehen», erinnert sich Imsand. Die Reportage «Les Frères» von 1997 ist wie «Paul et Clémence» anlässlich seines 80. Geburtstages in Gruyère zu sehen.

Marcel Imsand zählt zu den grossen Fotografen der Schweiz. Aufgewachsen auf dem Hof seiner Grosseltern unterhalb des Château von Gruyère bleibt er der Gegend ein Leben lang verbunden. Seine ersten fotografischen Erfahrungen sammelt er mit 16, als er eine Kamera geschenkt bekommt. Er beginnt, seine Sicht der Welt in Bildern festzuhalten. Beruflich versucht er sich als Tischler, Holzfäller und Patissier, dann als Feinmechaniker in Fabriken von Neuchâtel und Lausanne. Erst mit 35 wagt es Marcel Imsand, die Fotografie, die ihn all die Jahre nie losgelassen hat, zum Beruf zu machen.

Dann gehts steil bergauf. Als Fotograf am Théâter de Beaulieu in Lausanne trifft er viele grosse Künstler der damaligen Zeit, porträtiert Stars wie Maurice Béjart oder Cindy Crawford und wird mit Preisen geehrt (Grosser Fotopreis der Schweiz 1979, Fotopreis Credit Suisse 1984 u. a.). Seine Reportagen, Porträts und Fotobücher zeugen von seiner Vielseitigkeit, dem Gespür für den richtigen Moment und technischem Können.

Als Meisterwerke gelten seine Sozialreportagen «Paul et Clémence», 1982, «Luigi le berger», 1991, und «Les Frères», 1997. Der Zauber dieser intimen Porträtstudien: Fast fühlt sich der Betrachter wie ein heimlicher Beobachter, der verstohlen hinter dem Vorhang oder durchs Schlüsselloch späht, um dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu kommen.

Seine Fotografien sind nah am Menschen, nie aber voyeuristisch. Denn die Porträtierten sind für Marcel Imsand nicht nur Sujets, sondern immer auch Weggefährten. «Die Menschen, die ich fotografiert habe, habe ich geliebt. Und sie mich auch.»

Greyerzer Museum Bulle FR
«Les Frères» bis 29. November und «Paul et Clémence» 28. November bis 14. Februar 2010, Dienstag bis Samstag 10 bis 12 und
14 bis 17 Uhr, Sonntag 14 bis 17 Uhr.

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